Theater

Zwischen Wahrheit und Fake News

Irina Ungueranu spielt und singt einen Abend um Wahrheit, Lügen und Maria Tănase.Luca Schaffer

Irina Ungueranu spielt und singt einen Abend um Wahrheit, Lügen und Maria Tănase.Luca Schaffer

Die neue Spielzeit der Tuchlaube steht unter dem Motto „?Alles Lüge!“

In der Aufführung «The Beatles – 50 Jahre White Album» erklangen vor kurzem die Songs von John, Paul, George und Ringo in Aarau und markierten das Ende der Sommersaison in der Alte Reithalle. Für Peter-Jakob Kelting, Leiter des Theater Tuchlaube, blieb aber kaum Zeit sich auszuruhen. Die neue Spielzeit klopft bereits an der Tür der Metzgergasse 18. Ermüdungserscheinungen sind bei ihm allerdings nicht auszumachen. Frisch und munter begrüsst er seinen Gast in der Bar des Theater Tuchlaube und präsentiert das Programm der Saison 2018/19.

Überall Verunsicherung

Bearbeitete die letzte Saison den Themenschwerpunkt «Heimat», steht die neue Saison unter dem Motto «?Alles Lüge!». Das sei wenig überraschend, so Kelting, denn noch nie war soviel die Rede von Fake News wie heute. «Wir befinden uns in einem Moment von grosser Verunsicherung. Ich nehme sie im Gespräch mit Kolleginnen, Freunden und in den Medien wahr.» Der Theaterschaffende wird bei diesem Thema nachdenklich: «Wem können wir eigentlich noch vertrauen, wenn wir Informationen bekommen? Dieses allgegenwärtige Misstrauen gefährdet den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Angst nimmt zu.»

Die neue Spielzeit der Tuchlaube setzt sich auf verschiedene Art und Weise mit den Themen um Fake News und Lüge auseinander. Eröffnet wird die Saison morgen Mittwoch mit dem Stück «Mein Blaues Herz», das sich auf eine musikalische Spurensuche nach der legendären rumänischen Volkssängerin Maria Tănase begibt. Tănase (1913 – 1963) wurde oft als Edith Piaf des Ostens bezeichnet und war eine schillernde Figur. «Tănase hat sich sowohl unter den Faschisten als auch unter den Kommunisten eine Position erarbeitet. Im Stück geht es um das spannungsvolle Verhältnis zwischen Kunst und Macht. Es geht um die Frage, welchen Erzählungen von Wahrheit wir unterliegen und wie uns unsere Identität vermittelt wird», erläutert Kelting. Für die schweizerisch-rumänischen Sängerin und Musikerin Irina Ungureanu, die das Projekt angestossen hat, wird die Inszenierung zudem auch eine Auseinandersetzung mit ihren eigenen Wurzeln.

Politik ins Rampenlicht

Die politische Dimension des Themenschwerpunkts spitzt sich im Januar 2019 mit dem Projekt «Alles wahr» (Arbeitstitel) zu. Dabei handelt es sich um eine Zusammenarbeit mit dem Stapferhaus Lenzburg, welches sich ebenfalls dem Thema «Fake» widmet. Das Theater Marie und der Berner Journalist Daniel Di Falco recherchieren hierfür zu Verschwörungstheorien und deren Auswirkungen.

Im März 2019 gastiert die junge Theatermacherin Yanna Rüger in Aarau mit ihrem Stück «Chronik der Zukunft». Als Basis dient das gleichnamige Buch von Swetlana Alexijewitsch, die 2015 den Literaturnobelpreis erhalten hat. Die Weissrussin interviewte hunderte von Augenzeugen zur Katastrophe von Tschernobyl und erstellte so einen ergreifenden Zeitzeugenbericht. Rüger setzt sich im Stück konkret mit der Frage auseinander, wie wir damit umgehen, wenn wir von Machthabern belogen werden.

Formvollendet Leiden

Als weitere Highlights der kommenden Saison hebt der künstlerische Leiter zwei Adaptionen von klassischen Texten hervor. Eine davon ist Nils Torpus’ Inszenierung von Georg Büchners beklemmender Erzählung «Lenz», der literarischen Darstellung einer Psychose, mit der Schauspielerin Mona Petri. Die andere stellt die Figur des Wilhelm aus Goethes Briefroman «Die Leiden des jungen Werther» ins Zentrum des Stücks.

Persönlich freue sich Kelting vor allem auf die Inszenierung des Bestsellers «Der Trafikant» von Robert Seethaler (29./31. Dezember 2018). In der Hauptrolle des Franz Huchel, der die Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich erlebt, wird der bekannte Schauspieler Hanspeter Müller-Drossaart zu sehen sein. Nebst der Leitung des Theaters Tuchlaube muss Kelting auch einen Spagat zum bevorstehenden Umbau der Alten Reithalle machen. «Wir befinden uns gerade mitten im Zusammenführungsprozess der Vereine Tuchlaube, Fabrikpalast, Theatergemeinde und B’bühne in eine neue Trägerschaft für das Gesamthaus. Da wir uns alle ja schon länger kennen, gibt es untereinander ein grosses Vertrauen.» Zum Abschluss des Gesprächs fällt Peter-Jakob Kelting auf, dass er seit seinen Anfängen im Theater 1982 immer wieder an der Etablierung von Theaterorten beteiligt war, die eigentlich eine andere Funktion hatten. Eine Aufgabe, die ihm sichtlich gefällt: «Ich fühle mich sehr wohl in dieser Rolle und in dieser Stadt! Es bewegt sich etwas und das macht Spass.»

Aarau Saisoneröffnung Mittwoch, 17. Oktober, 20.15 Uhr «Mein Blaues Herz»,

Theater Tuchlaube www.tuchlaube.ch.

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