50 Jahre Frauenstimmrecht
13 engagierte Frauen über das Jubiläum und was sie sich für die Zukunft wünschen

Vor 50 Jahren gestanden die Schweizer Männer ihren Frauen das Stimmrecht zu. Doch der Kampf um Gleichberechtigung geht bis heute weiter. Wir haben 13 profilierte Frauen gefragt, was ihnen das hart erkämpfte Jubiläum bedeutet.

Anna Miller und Katja Fischer De Santi
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Wir haben 13 engagierte Frauen gefragt, was ihnen das Jubiläum bedeutet und was sie sich für die Zukunft wünschen.

Wir haben 13 engagierte Frauen gefragt, was ihnen das Jubiläum bedeutet und was sie sich für die Zukunft wünschen.

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Ellen Ringier (69)

Präsidentin der Stiftung Elternsein und Herausgeberin

Präsidentin der Stiftung Elternsein und Herausgeberin

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Meine Sozialisation – ältestes von drei Mädchen, Mutter mit abgeschlossenem Sprachstudium an der London University, acht Jahre Schule am Städtischen Töchtergymnasium Luzern – hat es mir verunmöglicht, jemals in der Kategorie «Das können Frauen nicht» zu denken.

Konsequenterweise schien mir das Frauen-Stimm-und-Wahlrecht als 19-Jährige, vor 50 Jahren schon, eine absolute Selbstverständlichkeit. Hätte ich damals geahnt, wie zäh das Ringen um diese Selbstverständlichkeit wird, ich hätte nicht zeitlebens auf die Einsicht der Gesellschaft gehofft, dass diese selbstverständlich die Gleichberechtigung weiter vorantreiben werde ...

So hätte ich mir die bis heute andauernde Enttäuschung darüber sparen können, dass beispielsweise hohe Kita­kosten manchen Frauen die Berufsausübung verunmöglichen und dass das fehlende Angebot Ganztagsschule in teuren Privatschulen zu finden ist.

So ist die Freude über die Einführung des Frauen-Stimm-und-Wahlrechts vor 50 Jahren der Ernüchterung über die fehlenden familienergänzenden Strukturen gewichen. Das Ringen um Selbstverständliches geht weiter.

Hanna Sahlfeld (77)

St. Galler SP-Politikerin, gehörte 1971 zu den ersten elf Frauen im Nationalrat

St. Galler SP-Politikerin, gehörte 1971 zu den ersten elf Frauen im Nationalrat

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Wenn ich heute in den Nationalratssaal blicke, freue ich mich einfach. Da sitzen tatsächlich 84 Frauen neben 116 Männern. 1971 sassen wir elf ersten Nationalrätinnen weit auseinander, aber stolz und neugierig. Ich war damals 28 Jahre alt und hatte den Willen zu zeigen, dass wir Frauen etwas können. Doch ich hatte nicht geahnt, wie turbulent und schwierig das werden würde.

Ich war jung, eine Frau, eine Mutter und eine Pfarrerin in der SP, das war für viele zu viel. Irgendwann auch für meine Familie. Ende 1975 bin ich zurückgetreten; kurz nach meiner Wiederwahl. Den Preis bezahlt dafür hat auch mein Mann, der für die damalige Zeit Aussergewöhnliches geleistet hat. Aber genug von der Vergangenheit – und schon gar keine Verklärung! Ich freue mich über die 84 Frauen im Jahr 2021.

Milena Moser (57)

Schriftstellerin

Schriftstellerin

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50 Jahre. Das ist eine gschämig kurze Zeit und erinnert mich an einen legendären Ladies’ Lunch mit ägyptischen Schriftstellerinnen und Journalistinnen in Kairo, in den 90er-Jahren. Ein langer Tisch, an dem die unterschiedlichsten Frauen sassen, die einen mit Kopftuch, die anderen im Trägerhemd und da­zwischen ich in meinem extra für die Reise gekauften langärmligen, knie­bedeckenden Kleid, wegen dem ich ständig geneckt wurde.

«Kandidierst du für Miss-Muslim-Chic?» Meine Schweizer Freundinnen hatten mich vor der Abreise gerügt: «Wie kannst du in ein Land reisen, in welchem die Rechte der Frau so beschnitten werden? Und wenn wir schon beim Thema ­‹Beschneiden› sind ...» Als hätte sie ­meine Gedanken gelesen, wandte sich meine Tischnachbarin mir zu, eine elegante ältere Dame mit schwarz gefärbtem, hochtoupiertem Haar, eine Jour­nalistin.

«Aus der Schweiz kommen Sie also? Ach! Wie nett! Wissen Sie, wir ­hatten damals an der Uni Kairo ein Unterstützungskomitee für die armen benachteiligten Frauen in der Schweiz, die ja noch nicht einmal das Stimmrecht hatten ...» Selten wurde ich so charmant an meinen Platz verwiesen. Viel haben wir nicht erreicht, wurde mir klar. Und das Wenige können wir jederzeit wieder verlieren.

Katja Gentinetta (52)

Philosophin und Moderatorin

Philosophin und Moderatorin

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Unfassbar war der Ausschluss von der vorbildlichen schweizerischen Demokratie für all jene Frauen, die sich bereits zu Beginn des vor(!)letzten Jahrhunderts für ihr Stimmrecht einsetzen.

Unvorstellbar muss ihre Wut auf das männliche «Establishment» gewesen sein, das ihnen dieses demokratische Grundrecht verweigerte. Weil sie Frauen sind. Schwer fassbar ist, dass Frauen auch heute noch nicht im selben Masse wahrgenommen, ernst genommen, für qualifiziert gehalten, gefördert, bezahlt und befördert werden.

Nicht nachvollziehbar ist, wie oft sie verkannt, zurückgestellt, ignoriert, schikaniert werden. Weil sie Frauen sind. Irritierend ist, dass diese Ungerechtigkeiten immer noch Realität sind. Keine Frage ist, dass es nicht nochmals 50 Jahre dauern darf, bis sie behoben werden. Erfreulich ist, dass sich immer mehr dafür einsetzen. Egal, ob sie Frauen oder Männer sind.

Isabel Rohner (41)

Autorin und Mitherausgeberin «50 Jahre Frauenstimmrecht»

Autorin und Mitherausgeberin «50 Jahre Frauenstimmrecht»

CH Media

50 Jahre Frauenstimmrecht bedeuten 50 Jahre Demokratie. Man kann nicht von einer wirklichen Demokratie sprechen, wenn die Hälfte der Bevölkerung kein politisches Mitspracherecht hat, wenn Frauen nicht wählen beziehungsweise gewählt werden können, wenn Gesetze ohne sie entstehen.

Ich wünsche mir darum, dass 2021 in Politik und Öffentlichkeit, aber auch an allen Küchen­tischen über die Bedeutung des Stimmrechtsjubiläums gesprochen wird. Fragt die Frauen in eurem Umfeld, fragt eure Mütter, Grossmütter und ­Tanten, was sie erlebt haben. Und fragt eure Väter, Grossväter und Onkel, wie sie 1971 – eventuell auch bereits 1959 – abgestimmt haben und warum. Die Zeit­zeugin­nen und Zeitzeugen sind noch da.

Anne-Sophie Keller (31)

Autorin und Journalistin

Autorin und Journalistin

CH Media

Feminismus in der Schweiz macht null Spass. Alles ist langsam. Aber wenn ich frustriert bin, schaue ich zurück ...

1. Bei meiner Geburt 1989 konnten noch nicht alle Schweizerinnen über jede Vorlage abstimmen.

2. Als ich drei war, war eine Vergewaltigung in der Ehe noch legal.

3. Bei meinem ersten Kuss konnten Frauen noch nicht allein über eine Abtreibung entscheiden.

4. Während meiner Berufswahl gab
es noch keine Mutterschaftsversicherung.

Und dann denke ich: Wir kriegen ja doch was hin! Machen wir weiter.

Zita Küng (67)

Führungskräftecoach und Präsidentin des Vereins CH2021, der Drehscheibe für das Jubiläumsjahr

Führungskräftecoach und Präsidentin des Vereins CH2021, der Drehscheibe für das Jubiläumsjahr

CH Media

Seit dem 7. Februar 1971 dürfen die mündigen Schweizerinnen selbst ihre politische Meinung äussern. Gleichwohl wurde klar: Die Männer wollten weitermachen wie vorher. Das bekamen wir zu spüren. Alle Parteien wollten von Frauen gewählt werden. Ein Schöggeli oder eine Blume reichte dazu nicht.

Macht teilen, heisst das Gebot der Stunde und ist eine Frage des Überlebens des Planeten. Die Forderungen der Frauen sind ernst zu nehmen und umzusetzen. Noch haben das nicht alle verstanden. Die Zeit drängt.

Christine Egerszegi-Obrist (72)

Politisierte 25 Jahre für die FDP, zuerst im Nationalrat, dann als erste Aargauerin im Ständerat

Politisierte 25 Jahre für die FDP, zuerst im Nationalrat, dann als erste Aargauerin im Ständerat

CH Media

Ich habe selbst nicht mehr für das Frauen-Wahl-und-Stimmrecht gekämpft, aber ich habe es aktiv genutzt und mir schnell eine dicke Haut zugelegt. Als ich 1989 für den Stadtrat kandidierte, meinte der damalige Parteipräsident, er brauche von allen Kandidaten im Hinblick auf die Nominationsversammlung ein Foto, und zwar mit Hemd, Krawatte und frisch rasiert. Postwendend gab ich zurück, mit den ersten beiden Punkten werde ich mich arrangieren, aber der dritte sei mir zu intim.

So ist es mir in meiner 25-jährigen Karriere als Politikerin immer wieder ergangen, als Frau war und wurde ich oft nicht mitgerechnet. Anekdoten darüber habe ich viele. Etwa meine Wahl zur Grossrätin in Mellingen AG. Der damalige Präsident der Stadtmusik meldete sich bei mir, sie hätten gestern Vorstandssitzung gehabt und beschlossen, dass sie einer Grossrätin auch ein offizielles Ständchen bringen würden, wie sie es schon immer bei Grossräten taten.

Oder meine erste 1.-August-Rede in Fislisbach AG. Nach der Feier schauten wir noch auf dem Festplatz in Mellingen vorbei. Der damalige Stadtammann kam auf mich zu und sagte: «Ich habe gelesen, dass du in Fislisbach gesprochen hast, die haben sicher lange gesucht und niemanden gefunden.»

Heute kann ich darüber lachen. Ich habe meinen Weg gemacht. Denn es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder man macht selber Politik, oder es wird Politik mit einem gemacht. Ich hoffe, dass sich ganz viele Frauen für Ersteres entscheiden.

Patrizia Laeri (43)

Journalistin (früher SRF) und Unternehmerin

Journalistin (früher SRF) und Unternehmerin

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Mutter: Wusstest du, dass Frauen vor 50 Jahren noch nicht abstimmen durften?

Sohn, neun Jahre alt: Nein. Warum nicht?

Die Mehrheit der Männer wollte nicht, dass die Frauen abstimmen.

Sohn: Echt? Hatten die Männer dann Angst vor den Frauen?

Hm.

Sohn: Aber Frauen sind doch nicht böse?

Nein.

Sohn: Und dumm sind sie auch nicht?

Nein, jedenfalls nicht dümmer als Männer.

Sohn: Warum wollten die Männer das denn nicht?

Hm.

Sohn: Ah, vielleicht ist das wie bei den Affen. Da ist der Streitsüchtigste der Chef. Der ist gemein zu den Weibchen. Da dürfen die Weibchen auch nicht mitbestimmen.

Das hat was. Aber die Bonobo-Affen sind ja genauso mit uns verwandt, und da haben die Weibchen das Sagen.

Sohn: Stimmt. Also dann verstehe ich das einfach nicht.

FAZIT: Das späte Frauenstimmrecht ist der neuen Generation von Männern nicht mehr erklärbar. Und das ist gut so.

Federica de Cesco (82)

Schriftstellerin

Schriftstellerin

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Ich war als Mädchen unbefangen rebellisch. Ich stellte mir nie die Frage, ob ich etwas durfte oder nicht. Ich wusste nicht einmal, dass Mädchen keine Hosen tragen sollten. Die waren doch viel bequemer! Mit 15 schrieb ich mein erstes Buch, mit 16 wurde es veröffentlicht. Natürlich waren meine Mädchenfiguren nicht viel anders als ich, unabhängige Freigeister.

Dass sich zu dieser Zeit die Mädchen und Frauen vor allem mit Minderwertigkeitskomplexen plagten, irritierte mich. Allmählich durchschaute ich die historischen und gesellschaftlichen Hintergründe. Sie hatten immer mit Machtausübung zu tun. Für fast alles, ausser zum Gebären und Bemuttern, seien die Frauen nicht tauglich, sagten damals die Männer.

Durch meine erste Heirat in den 1960er-Jahren kam ich in die Schweiz und erlitt einen Schock. Wie bitte? Ich war plötzlich keine mündige Person mehr? Ohne Wahlrecht? Die Schweizer Frauen waren voller Sachverstand, zärtliche Mütter und loyale Partnerinnen, aber schrecklich abhängig von ihren Männern.

Zum Glück waren sie gerade daran, die männlichen Eidgenossen von ihrem hohen Ross zu stossen. Wir können diese Frauen nur bewundern. Es dauerte lange, bis sie es endlich schafften, ihre Männer zu vollwertigen Menschen zu formen, kompromissbereit, emphatisch und stark, wenn es sein muss. Einige Männer sind es leider bis heute nicht.

Andrea Maihofer (68)

Soziologin und emeritierte Professorin für Geschlechterforschung der Universität Basel

Soziologin und emeritierte Professorin für Geschlechterforschung der Universität Basel

CH Media

Spätestens mit der Botschaft des Bundesrates von 1957 war klar, dass die Verweigerung des Frauenstimmrechts, wie es dort heisst, als Verstoss gegen die Demokratie und die Gerechtigkeit nicht mehr zu rechtfertigen ist und damit Unrecht war.

Einen öffentlichen Akt der Entschuldigung gab es bislang allerdings nicht. Mit dem Eingestehen eigenen Unrechts tun sich bekanntlich viele Gesellschaften in ihrem Bedürfnis nach positiver Selbststilisierung schwer. Ich glaube jedoch, das 50-Jahre-Jubiläum zur Einführung des Frauenstimmrechts wäre nun eine optimale Gelegenheit, nicht nur die Einführung zu feiern, sondern auch einen (selbst)kritischen Blick auf die – bei allem Wandel – nach wie vor diskriminierenden Geschlechterverhältnisse und das patriarchale Verständnis von Demokratie zu richten.

Mehr noch: Es wäre eine Chance, offiziell anzuerkennen, dass die Verweigerung des Stimmrechts Unrecht war. Es wäre an der Zeit und könnte der Überwindung jeglicher Form der Diskriminierung bedeutsamen Schub geben.

Anna Rosenwasser (31)

Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz

Co-Geschäftsleiterin der Lesbenorganisation Schweiz

CH Media

In der Insta-Bio der jungen Frau, die sich bei mir gerade für die Abstimmungsanleitung bedankt, flattert eine Regenbogenflagge. Unser Land stimmt voraussichtlich bald darüber ab, ob sie eines Tages ihre Freundin heiraten darf. Ob wirklich alle Menschen das Recht haben, die Ehe einzugehen.

Noch absurder: Wir diskutieren darüber, ob wir Bisexuellen, Lesben und Schwulen das überhaupt verdienen. Ist das jetzt diese Demokratie, von der alle so gern reden? Dass mir fremde Menschen vorschreiben, ob ich heiraten und eine Familie haben darf? Vor fünf Jahren war ich, ebenso glücklich, mit einem Mann zusammen. Wäre ich damals eine bessere Ehefrau und Mutter gewesen, als ich es jetzt wäre, mit meiner Partnerin?

Ich glaube nicht, dass das Stimmvolk das bestimmen dürfen soll. Ich weiss nur, dass ich froh bin, dass die junge Frau mit dem Regenbogen in ihrer Insta-Bio ihre Stimme erheben wird. Im Stimmcouvert – und darüber hinaus.

Christa Rigozzi (37)

Moderatorin und Model

Moderatorin und Model

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Es dauert lange, die Mentalität der Menschen zu ändern, viel länger als das Durchwinken eines neuen Gesetzes. Gleichberechtigung muss in den Köpfen stattfinden, nicht nur auf Papier. Meine Grossmutter, 93 Jahre alt, fragte mich: Warum gehst du arbeiten? Mit zwei Kindern?

Ich kann nicht voraussetzen, dass sie mit 93 ihre Mentalität wechselt, aber ich erwarte von der jungen Generation, dass sie für die Rechte der Frauen kämpft. Meine Eltern lebten das traditionelle Familienmodell, und ich bin ihnen unendlich dankbar. Aber ich habe auch einen Vater, der sagt: Ich beneide deinen Mann! Er verbringt so viel Zeit mit den Kindern.

Wir sollten frei sein in unseren Entscheidungen. Eine Frau sollte ihre Träume genauso wie ein Mann realisieren können. Nicht indem sie zehn Mal mehr darum kämpfen muss. Nicht indem sie zuerst um Erlaubnis ­bitten muss oder sich automatisch fügt. Wir haben die gleichen Freiheiten verdient.