Interview
50 Jahre Frauenstimmrecht: «Das ist eher ein Grund zum Heulen»

Elisabeth Joris hat als eine der Ersten die Geschichte der Schweizer Frauen erforscht. Ein Gespräch über selbstgerechte Männer, Tell und warum das mit dem Frauenstimmrecht so lange gedauert hat.

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«Politik wurde in der Beiz gemacht, und dort wollte man die Frauen allerhöchstens als Servicepersonal.» Die Historikerin Elisabeth Joris, 75, hat für ihre Arbeit die Ehrendoktorwürde der Uni Zürich erhalten.

«Politik wurde in der Beiz gemacht, und dort wollte man die Frauen allerhöchstens als Servicepersonal.» Die Historikerin Elisabeth Joris, 75, hat für ihre Arbeit die Ehrendoktorwürde der Uni Zürich erhalten.

zvg

Am 7. Februar jährt sich die Abstimmung zum Frauenstimmrecht zum 50. Mal. Ein Grund zu jubeln?

Elisabeth Joris: Der späte Zeitpunkt der Einführung ist eher ein Grund zum Heulen. Für mich ist 2021 ein Gedenkjahr, wir alle sollten uns an die unermüdlichen Vorkämpferinnen und Pionierinnen erinnern und uns fragen:Warum hat das so lange gedauert? Was bedeutet das für unser Land?

Ja, warum hat es so lange gedauert? Lag es bloss an der direkten Demokratie?

Ja, einerseits sicher. In keinem anderen Land musste die Männer von den Frauen überzeugt werden, ihre Privilegien abzugeben. Das war aber nur ein Grund. In all unseren Nachbarländern haben die Regierungen selbst die Initiative ergriffen. In der Schweiz hingegen kamen beide Abstimmungen nur auf Druck von unten zustande, sowohl 1959 als auch 1971. Wenn sich der Bundesrat 1959 so für das Frauenstimmrecht eingesetzt hätte wie Justizministerin Karin Keller-Sutter gegen die Konzernverantwortungsinitiative, dann wäre das Resultat vielleicht ein anderes gewesen.

Gab es in der Schweiz bis Ende der 1960er-Jahre keinen politischen Willen, die Frauen einzubeziehen?

Es war klar Konsens, dass Frauen in der Politik nichts verloren hätten. Politik wurde in der Beiz gemacht, und dort wollte man die Frauen allerhöchstens als Servicepersonal. Selbst die Richter vertraten diese Ansicht. Es gab mehrere Anläufe von Frauen, schon ab 1923, das Stimmrecht via Bundesgericht anzupassen, es hätte nur eine entsprechende Interpretation des Verfassungstextes gebraucht. Und zwar, dass «die Schweizer» die Schweizerinnen mit meint. Aber die Richter haben das nicht gewollt.

Warum waren die Schweizer Männer in der Mehrzahl so konservativ?

Die Schweizer Geschichte ist voller mythischer Männerbünde, zumindest haben Schweizer Männer diese Geschichte in grosser Selbstgenügsamkeit und Selbstüberschätzung so umgedeutet.

Wie meinen Sie das?

Man kreierte den Mythos, die Schweiz sei aufgrund des Wehrwillens der Schweizer Männer vom Krieg verschont geblieben. Der Mann ist in dieser Vorstellung für die Verteidigung zuständig, und staatsbürgerliche Rechte sind an die Wehrpflicht gekoppelt. Das Narrativ erzählt, dass die Schweiz aufgrund dieser Einzigartigkeit, der Verknüpfung von Wilhelm Tell und dem Recht auf Mitbestimmung, nicht angegriffen worden sei. In dieser Vorstellung zeigt sich die Selbstherrlichkeit der Schweizer Männer. Anstatt sich zu sagen, die Schweiz sei eines der letzten Länder auf der Welt, dass das Frauenstimmrecht noch nicht eingeführt hat, sagt man sich: Wir sind anders und darum besonders gut.

Findet der 100-jährige Kampf für das Frauenstimmrecht in den Geschichtsbüchern darum bis heute kaum statt?

Dieses ziemlich beschämende Kapitel der Schweizer Geschichte passt schlicht und einfach nicht in das Bild eines demo­kratischen Vorzeigestaates. Auch deswegen ist dieses Erinnerungsjahr so wichtig.

Es gab aber Frauen, die gegen die Einführung des Stimm- und Wahlrechts waren.

Es waren nicht viele Frauen, aber man interviewte sie gern. Fast immer waren diese Frauen verheiratet, oftmals mit Politikern. Diese Frauen mussten das Stimmrecht nicht zwingend haben, denn sie verfügten über Einfluss via ihre Söhne und Ehemänner. Doch mit dieser Argumentation schlossen sie alle Frauen aus, die nicht verheiratet waren. Diese Frauen existieren in der damaligen Argumentation nicht, weil sie sich nicht ins Schema der Ehe, in der ja bis ins Jahr 1988 rechtlich das Patriarchat galt, eingliedern liessen.

Haben die Frauen genug lautstark für das Stimmrecht gekämpft?

Ich habe ebenfalls lange die Meinung vertreten, die Schweizer Frauen seien zu lange zu brav gewesen, hätten sich zu wenig laut gewehrt. Aber ich habe meine Meinung geändert. Es stimmt nicht. Wenn sie zu laut gewesen wären, hätten man sie als hysterische Hyänen abgetan, nicht ganz bei Verstand und des Stimmrechts nicht würdig. Waren sie zu brav, haben sie es auch nicht bekommen, weil sie es als brave Hausmütterchen ja gar nicht nötig haben, politisch mitzubestimmen. Ob brav oder frech, es hätte keinen Unterschied gemacht. Die Männer wollten es nicht.

Was hat sich 1971 geändert, als die Vorlage dann endlich angenommen ­wurde?

Das fehlende Frauenstimmrecht wurde für die Schweiz langsam, aber sicher zum Imageproblem. Mit Staaten wie Saudi-Arabien verglichen zu werden, schmerzte in der Vorzeigedemokratie dann eben doch. Zudem herrschte die Aufbruchstimmung der 68er-Bewegung. Als dann der Bundesrat die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) aufgrund des fehlenden Frauenstimmrechts nur mit Vorbehalt unterschreiben wollte, haben die Frauenrechtsorganisationen geschlossen opponiert. Der legendäre Marsch auf Bern fand statt, die Einführung war überfällig.

Was für Erinnerungen haben Sie an die Abstimmung selbst?

Wenn ich ehrlich bin: Diese Abstimmung hat mich damals emotional gar nicht so berührt. Es war für mich eigentlich selbstverständlich, dass sie an die Urne kommt und angenommen wird. Im Kanton ­Wallis war das Frauenstimmrecht schon ein Jahr vorher ­eingeführt worden. Für meine Lebenswelt und die neue Frauenbewegung waren andere feministische Fragen viel dringlicher. Etwa Verhütung durch die Anti-Baby-Pille, der straffreie Schwangerschaftsabbruch oder die Wichtigkeit der finanziellen Unabhängigkeit der Frau.

Hätte sich in genau diesen Fragen ohne politisches Mitspracherecht der Frauen noch lange nichts geändert?

Ja, darum ist 1971 ja auch so wichtig, das kann man rückblickend gar nicht genug betonen. 1981 wurde die erste Initiative zum Gesetzartikel «Gleiche Rechte für Frau und Mann» nur von Frauen lanciert. Und sie kam, wenn auch als Gegenvorschlag, durch. Damit schlug sich zum ersten Mal die politische Mitwirkung in der Lebenswelt nieder. Das wiederholte sich 1985 mit der Abstimmung über das neue Eherecht. Nur weil die Frauen abstimmen konnten, ist diese wichtige Gesetzesänderung angenommen worden. Knapp 50 Prozent der Schweizer Männer haben damals das Gesetz verworfen. Wäre es allein nach den Männern gegangen, wären sie also noch immer das Oberhaupt der Familie.