Alkohol
Ist das tägliche Glas Wein gesund oder doch schädlich? WHO veröffentlicht neue Übersichtsstudie

Eine grosse Studie der Weltgesundheitsorganisation fand einen deutlichen Zusammenhang zwischen Alkoholkonsum und Krebs. Doch das Ganze ist kompliziert: Mehr Alkohol erhöht nicht unbedingt das Krebsrisiko.

Simon Maurer
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In welchem Mass Alkohol die Gesundheit schädigt, ist auch von der Genetik abhängig.

In welchem Mass Alkohol die Gesundheit schädigt, ist auch von der Genetik abhängig.

Bild: Keystone

Seit Jahren streiten Forscher über die Frage, ob das berühmte tägliche Glas Wein gesund oder doch schädlich ist. Wissenschafter der Weltgesundheitsorganisation haben jetzt einen neuen Klärungsversuch unternommen und in einer Übersichtsstudie die gesundheitlichen Auswirkungen von Alkoholkonsum untersucht. Ihre Erkenntnis: Alkohol führt nachweisbar zu einer Erhöhung des Krebsrisikos. Bier, Wein und Co. sind laut Forschern für fünf Prozent aller weltweiten Krebskranken verantwortlich.

Alkoholliebhaber lesen diese Nachrichten nicht gern und verweisen auf Studien, welche anderen Inhaltsstoffen von Wein und Bier verdauungs- und herzkreislauffördernde Effekte zuschreiben. Die WHO-Studie negiert diesen Effekt nicht, weist aber nach, dass Krebs besonders häufig an den Körperstellen auftritt, die mit Alkohol in Kontakt kommen. Starke Trinker haben demnach am häufigsten Rachen-, Speiseröhren-, Darm- oder Leberkrebs.

Nach der Aufnahme durch den Darm wird der Alkohol direkt zur Leber geleitet. Dort wird er zu einem grossen Teil abgebaut, ein Rest bleibt aber übrig. Dieser wird mit dem Blut übers Herz in den ganzen Körper verteilt. In den einzelnen Zellen wirkt Alkohol dann als biologisches Zellgift, das die Zellleistung mindert und die DNA schädigt. Im Gehirn verändert er zusätzlich auch Wahrnehmung und Verhalten.

Das Risiko variiert nicht nur geografisch stark

Interessanterweise gibt es einen Krebs, der nicht ins Muster passt, aber trotzdem häufiger vorkommt: alkoholbedingter Brustkrebs bei Frauen. Dies obwohl Alkohol nichts direkt mit der Brust zu tun hat. Erklärt wird das von den Wissenschaftern mit dem Hormonhaushalt, der bei trinkenden Frauen stärker verändert sei als bei Männern.

Die Studie zeigt deutlich, dass gesundheitliche Folgen von Alkoholkonsum nicht alle gleichermassen betrifft. Mit Abstand den grössten Einfluss auf die Entstehung von Krebs hat der Spiritus in Asien, Mittel- und Osteuropa. Das sind auch die Regionen, wo der Alkoholkonsum pro Kopf am grössten ist. Viel besser steht in dieser Hinsicht Nordafrika da: Dort wird nur wenig Alkohol konsumiert und die Forscher fanden auch weniger Krebs.

Die Karte zeigt den prozentualen Anteil an Krebserkrankungen, der durch Alkohol verursacht wird.

Die Karte zeigt den prozentualen Anteil an Krebserkrankungen, der durch Alkohol verursacht wird.

Alkohol trinkende Männer sind am stärksten gefährdet. Ihre Krebsraten waren in allen Weltregionen erhöht. Im Vergleich zu Frauen entwickeln sie beispielsweise fast zweieinhalb Mal so häufig Speiseröhrenkrebs. Ob das nur daran liegt, dass sie generell mehr Alkohol trinken, wird in der Studie nicht eindeutig geklärt.

Was aber klar wird, ist, dass die Trinkmenge einen der wichtigsten Risikofaktoren darstellt. Menschen, die mehr als ein Glas Wein oder ein Bier pro Tag trinken, sind für 86 Prozent der alkoholbedingten Krebserkrankungen weltweit verantwortlich. Doch die Forscher fanden hier ein seltsames Muster. Das höchste Krebsrisiko haben Männer, wenn sie 0,75-Liter-Bier täglich trinken. Erhöhen sie ihren Konsum, scheint sich der Körper anzupassen und das Krebsrisiko sinkt deutlich.

Bei Frauen liegt die Schwelle tiefer, ihr Risiko ist maximal bei einem 0,5-Liter-Bier und sinkt bei mehr ebenfalls stark ab. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass im Körper bei so grossen Alkoholdosen die alkoholabbauenden Enzyme dauerhaft erhöht werden.

Schlaumeiern, welche die nächsten drei Gläser Wein jetzt mit tieferem Krebsrisiko begründen wollen, sei aber gesagt: Das Kopfwehrisiko steigt leider trotzdem mit jedem zusätzlichen Glas.