Feministische Bewegung
Alt, laut und nackt: Grossmütter zeigen ihre Körper und kämpfen gegen Klischees

Die Frauen der Grossmütter-Revolution lassen für einen Kalender die Hüllen fallen. Sie wollen den alten Frauenkörper enttabuisieren.

Annika Bangerter
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Selbstbewusst: Die Frauen der Grossmütter-Revolution brechen stereotypen Oma-Vorstellungen.

Selbstbewusst: Die Frauen der Grossmütter-Revolution brechen stereotypen Oma-Vorstellungen.

Kathrin Schulthess

Die Frauen posieren mit golden angemaltem Décolleté, hüllen ihre Körper in nichts ausser blauen Tüll oder lassen diesen ganz fallen: Das wäre in der Regel keine Schlagzeile wert. Nackte Körper, vor allem wenn sie jung und weiblich sind, sind omnipräsent. Doch diese nackten Frauen sind Grossmütter. Sie haben graue Haare, Runzeln und Hängebusen – und zeigen sie.

Es sind durchschnittliche Körper und trotzdem oder gerade deswegen ist ihr Anblick ungewohnt. Der alternde weibliche Körper, er findet in der Öffentlichkeit nicht statt. Er ist tabuisiert, gilt als unansehnlich.

Das will die «Grossmütter-Revolution» ändern. Diese Woche hat die feministische Bewegung ihren Kalender «Nackte Tatsachen» lanciert. «Wir zeigen uns frech, witzig, aber auch in unserer Verletzlichkeit. Wir wollen damit das Bild der älteren Frau vervielfachen», sagt Rosmarie Brunner. Die Theologin ist 64 Jahre alt und eine der Kalenderfrauen.

Rollenbilder umdeuten

Rasch sei klar gewesen, dass sie sich im Kalender nackt zeigen wollen, sagt eine andere Kalenderfrau, Hanna Hinnen, 74-jährig und ehemalige Lehrerin: «Wer würde schon einen Kalender mit nett angezogenen Grossmüttern kaufen?» Das Bild der adrett gekleideten, asexuellen und fürsorglichen Oma ist einer der Stereotype, mit dem die Kalenderfrauen brechen.

Es ist nicht das erste Rollenbild, das sie umdeuten. Ihre Generation prägt die Frauenbewegung seit Jahren und riss mit der 68er-Bewegung die Prüderie nieder. «Unsere Eltern hatten sich selbst uns Kindern gegenüber nie nackt gezeigt. Wir waren die Ersten, die sich das getraut haben. Nun gilt es, das Tabu des alten, nackten Körpers zu durchbrechen», sagt Hinnen. Dabei gehe es nicht darum, die Pirelli-Girls zu imitieren, ergänzt Brunner:

«Wir wollen uns nicht sexy zur Schau stellen. Unser Ziel ist es, aus dem Hintergrund zu treten und uns mit unseren Falten und Dellen sichtbar machen.»

Nicht mehr gesehen zu werden: Von diesem Phänomen berichten selbst jene Frauen, die mit ihrem Aussehen Millionen verdienten. Paulina Porizkova, eines der bestbezahlten Models der 80er-Jahre, sagte diesen Sommer gegenüber der «Süddeutschen Zeitung», sie hadere nicht mit dem Älterwerden, aber mit der Unsichtbarkeit: «Und dann verwandelt man sich für andere (...) in einen unbelebten Gegenstand. In etwas, das übersehen wird. Ich meine das tatsächlich genau so: Leute stolpern in einen, man wird nicht mehr gesehen.»

Bei Frauen treffe dieses Gefühl der Unsichtbarkeit mehrheitlich mit der Menopause zusammen, sagt Sabina Misoch, Leiterin des Instituts für Altersforschung in St.Gallen: «Mit dem Ende der Fruchtbarkeit fallen Frauen aus einem gesellschaftlichen Raster. Ihr alternder Körper und ihre Sexualität werden tabuisiert.»

Das zeigt sich auch in der Wissenschaft. Es gibt kaum Studien, die sich mit der Körperlichkeit oder der Intimität im Alter befassen. Misoch spricht diesbezüglich von einem blinden Fleck: «Es wird übersehen, dass auch ältere oder alte Menschen einen Körper haben, der geniessend und leidenschaftlich sein kann.» Der Fokus liege in der Altersforschung eher bei defizitorientierten Themen wie Betreuung oder Pflege.

Kritik an Werbung und plastischer Chirurgie

Das Bild der ewigen Jugendhaftigkeit übe auch auf ältere Menschen einen starken Druck aus, sagt Alterssoziologin Misoch. «Vor diesem Hintergrund ist es für viele von ihnen schwierig geworden, den eigenen Körper mit all seinen Veränderungen anzunehmen und sich darin wohlzufühlen.»

Der Körper verändert sich, die Gesellschaft hält aber am Bild der ewigen Jugend fest.

Der Körper verändert sich, die Gesellschaft hält aber am Bild der ewigen Jugend fest.

Kathrin Schulthess

Den Kalenderfrauen ist das offensichtlich geglückt. Darauf zu hoffen, dass sich eine gewisse Milde und Selbstliebe gegenüber dem eigenen Körper von alleine einstelle, sei nicht ratsam, sagt Rosmarie Brunner: «Es lohnt sich, das von jung an zu trainieren.» Deshalb ärgern sie und Hanna Hinnen sich auch über Werbung, in der selbst für Anti-Aging-Hautcreme Frauen ohne Runzeln gezeigt werden. «Indem wir hinstehen und die Realität zeigen, wollen wir das Selbstbewusstsein der Frauen unserer, aber auch der kommenden Generationen stärken», sagt Hinnen. Die Bilder seien daher auch als Kritik an der plastischen Chirurgie zu verstehen.

Der Kalender ist nicht nur ein Korrektiv am Schönheitsideal der straffen und faltenlosen Haut, er greift auch Monat für Monat ein Thema der Geschlechterdebatte auf. Dies in kurzen Texten unter anderem zur Lohnungleichheit, der geringeren Präsenz von Frauen in Medienbeiträgen oder über die unbezahlte Care-Arbeit.

Keinen Job zu verlieren und Zeit, um sich einzumischen

Mit der Generation der Babyboomer werde das Alter viel diverser als bisher, sagt Alterssoziologin Misoch: «Die Grossmutter, die zurückgezogen lebt und aus dem Gefühl heraus, nicht mehr wichtig für die Gesellschaft zu sein, zu allem ‹ist schon gut› sagt, ist passé.»

Nun prägen Frauen das Grossmutterbild neu, die selbstbewusst und experimentierfreudig seien. «Sie mischen sich aktiv ein und stossen Debatten an», sagt Misoch. Das zeigt sich nicht nur bei der Grossmütter-Revolution, sondern auch bei den Klimaseniorinnen oder in der deutschen Bewegung «Omas gegen rechts».

Dieses Einmischen und Debattieren geniessen Rosmarie Brunner und Hanna Hinnen sichtlich. «Wir haben nichts mehr zu verlieren – auch keinen Job. Daher haben wir die grosse Freiheit, zu tun und zu sagen, was wir wollen», sagt Brunner. Sie hätten zudem auch die nötige Zeit dazu, da sie nicht mehr eingebunden sind mit Beruf oder kleinen Kindern.

Letztere spielen im Alltag ihrer Generation dennoch eine grosse Rolle: Die Betreuung von Enkeln durch Grosseltern wird in der Schweiz auf rund acht Milliarden Franken pro Jahr geschätzt. «Solche Care-Arbeit wird in der Öffentlichkeit als selbstverständlich wahrgenommen. Das stört uns. Und dagegen kämpfen wir an – gerne auch mal füdliblutt», sagt Hanna Hinnen.

Der Kalender «Nackte Tatsachen» der Grossmütter-Revolution kostet 14.90 Fr. und kann unter www.grossmuetter.ch bestellt werden.

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