ASMR-Trend
Die Macht des Flüsterns

Wer flüstert, hat ein Geheimnis zu erzählen. Wer im Internet flüstert, der verspricht seinen Fans Entspannung und Kopfkribbeln. Flüstern ist ein Megatrend. Doch was steckt dahinter und warum flüstern Joe Biden und Billie Eilish?

Katja Fischer De Santi
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Beim Flüstern wird das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet.

Beim Flüstern wird das Glückshormon Oxytocin ausgeschüttet.

Bild: Michael Haegele / The Image Bank RF

«Schön, dass du heute hier bist», wispert Dori in das grosse Mikrofon vor ihr. «Heute will ich dich verwöhnen, welche Behandlung hast du gebucht?», fragt sie leise und klopft sanft mit ihren langen Fingernägel auf das Mikrofon. Dori arbeite aber nicht in einem Spa, sondern sitzt vor einer Kamera in ihrem Zimmer. Dori ist auch keine Ärztin und auch keine Flugbegleiterin in der First Class. Dori ist eine erfolgreiche Youtuberin.

Bis zu 50 Minuten dauern ihre Videos, in denen sie in die verschiedensten Rollen schlüpft. Was sie dabei sagt, ist weniger wichtig, als wie sie es sagt. Leise, fast gehaucht spricht sie in ihr ultrasensitives Mikrofon. Hunderttausende wollen ihr Flüstern hören. «Ich liebe deine Stimme, ganz egal, was du erzählst», schreibt Powerlifter34 unter einem Video, in dem Dori flüsternd Schminktipps gibt: «Dieses Rouge steht dir unglaublich gut.»

Youtuberin Dori macht flüsternde Rollenspiele in allen möglichen Umgebungen, zum Beispiel in einem Spa

Quelle: Youtube

ASMR ist im Internet ein Riesentrend

Was die deutsche Youtuberin macht, nennt sich ASMR und ist ein riesiger Internet-Trend. Das Kürzel steht für «Autonomous Sensory Meridian Response», eine gute deutsche Übersetzung gibt es dafür nicht. Am ehesten würde Gehirnkribbeln passen, «ein sehr spezifisches Gefühl, das auf der Kopfhaut beginnt und sich über den Nacken und die obere Wirbelsäule nach unten bewegt», beschreibt es ASMR Janina auf ihrem Youtube-Kanal.

Ausgelöst wird dieses Gefühl nicht nur durch Flüstern. Im Netz findet man unter dem Schlagwort ASMR Millionen von Videos, in denen Menschen leise mit Folien rascheln, auf Tastaturen tippen, über Bettlaken streicheln oder Haare kämmen, alles sehr langsam, monoton und leise.

Die Geräusche sollen entspannend auf die Zuschauer wirken. Vielfach ist von Einschlafhilfe die Rede. Die besten Produzenten dieser Videos sind längst zu bekannten Youtube-Stars avanciert – mit Millionen von Followern und beträchtlichen Einnahmen. Auf den Hype um diese Geräuschvideos wurden auch Schlafforscher und Wissenschafterinnen aufmerksam. Flüstern ist laut einer Untersuchung der Psychologin Emma Barratt der häufigste ASMR-Trigger, weil es besondere Intimität vorgibt.

Spezielle Mikrophone klingen so, als würde Youtuberin Janina einem direkt ins Ohr flüstern,

Quelle: Youtube

Liebende flüstern einander Kosenamen und erotische Wünsche ins Ohr, signalisieren damit, wir sind ganz für uns. Mütter und Väter singen ihre Babys ganz leise in den Schlaf. Freundinnen und Freunde flüstern sich auf dem Pausenhof Geheimnisse ins Ohr oder raunen sich während der Prüfung das richtige Resultat zu. Flüstern vermitteln Vertrauen und Intimität. Auf diesen positiven Erinnerungen in unserem Hirn bauen Dori und ihre Youtube-Kolleginnen ihren Erfolg auf. Ihre Stimmen säuseln einem via Kopfhörer direkt ins Ohr, die Professionellsten unter ihnen benutzten zwei Mikrofone, um ihre Zuhörerschaft mal im linken, mal im rechten Ohr auditiv zu kitzeln.

Flüstern schüttet Glückshormone aus

Der US-amerikanische Professor Craig Richard, der bereits 2018 das Buch «Brain Tingles» (Kopfkribbeln) veröffentlichte, schreibt, dass er und sein Team herausgefunden haben, dass Menschen, welche sich Flüster-Videos anschauten, einen höheren Oxytocin-Spiegel aufwiesen. Oxytocin ist auch bekannt als Glückshormon. «Es ist für das Gefühl verantwortlich, das man zum Beispiel auch hat, wenn sich jemand liebevoll um einen kümmert», schreibt Richard.

Kein Wunder, versprechen ASMR-Flüsterinnen «Personal Attention» durch ihre Videos. Es geht nicht nur um den auditiven Effekt, sondern darum, dass da jemand ist, der sich um einen kümmert. Auffallend, dass praktisch ausschliesslich Frauen in diesem Bereich erfolgreich sind.

Wie hypnotisch Flüstern wirken kann, weiss auch eine erfolgreiche Sängerin ganz genau: Billie Eilish. Die 20-Jährige ist dafür bekannt, in ihren Songs stellenweise mehr zu Hauchen als zu singen. Ihr Gesang sei sehr ASMR-verdächtig, schreibt Craig Richard in seinem Buch. «Vor Eilish waren schon Marilyn Monroe, Jane Birkin oder auch Carla Bruni mit ihren gehaucht Gesängen äusserst erfolgreich.»

Billie Eilish auf dem Cover ihrer neusten Platte «Happier Than Ever»

Billie Eilish auf dem Cover ihrer neusten Platte «Happier Than Ever»

Bild: Universal Music

In der Werbung und in der ­Literatur wird jetzt auch geflüstert

Natürlich hat auch die Werbeindustrie das Flüstern längst für sich entdeckt. So haben sich auf Youtube mehr als zwei Millionen Menschen freiwillig einen Werbespot für einen Smoothie-Mixer namens BlendJet angeschaut. Das Ding mixt absolut alles innert Sekunden zu Saft. Das Hypnotiserende daran ist aber die weibliche Stimme, die dazu verschwörerisch flüstert, was als Nächstes drankommt: «Gurken, Brokkoli, Orangen, Eis…» Auch Ikea und eine amerikanische Brauerei haben ihre Werbefilme schon flüstern lassen.

Quelle: Youtube

Dass Flüstern die Aufmerksamkeit manchmal mehr auf sich zieht als Schreien, weiss auch einer, der seit 40 Jahren im Politgeschäft ist: US-Präsident Joe Biden. An Pressekonferenzen kommt es immer wieder vor, dass der Präsident verschwörerisch leise ins ­Mikrofon spricht. Nach Ansicht von US-Kommunikationsexperten sei das eine beabsichtigte symbolische Geste, um Nähe und Vertrautheit zu vermitteln. Er signalisiere damit, dass jetzt etwas Wichtiges komme und die Medienleute besser sehr gut zuhören.

Auf Buchtiteln wird sehr viel geflüstert gerade
Michael Christie: Das Flüstern der Bäume. Übersetzt von Stephan Kleiner. Penguin

Michael Christie:
Das Flüstern der Bäume. Übersetzt von Stephan Kleiner. Penguin

Flüstern ist wegen des Geheimnisvollen, dass dem Wort schon innewohnt, auch in der Literatur äussert beliebt – zumindest was aktuelle Buchtitel angeht. Die preisgekrönte Elif Shafak lässt Feigenbäume flüstern, bei anderen Autoren sind es wahlweise der Wald, einfach nur Bäume oder explizit der Ahorn. Auch Tiere flüstern auf Buchtiteln, aktuell Bienen und Raben. Und nicht nur der Wind auch Nebel und Schneeflocken flüstern sich da was.

Vielleicht sehnen wir uns in dieser lauten Zeit voller Schreihälse einfach nach etwas mehr Chüschele.

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