Catcalling
«Hey, gits en F***?»: Wie Frauen mit Kreide auf sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum aufmerksam machen

Von Kairo, über London bis Luzern und Zürich: Weltweit erleben Frauen sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Mit Beiträgen auf Instagram kämpfen nun zahlreiche Catcalling-Accounts dagegen an.

Natascha Arsić
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Bild: PD

Von weitem sehen die grossen, bunten Schriftzüge auf dem Boden harmlos aus. Doch wer genauer hinschaut erkennt schnell, dass es keine Kinderkritzeleien sind. Mit Kreide steht auf dem Asphalt geschrieben:

«Hey, gits en F***?»
«Geili Fot*e, stiig is Auto!»
«Chum doch mit zu mir!»

Es handelt sich dabei nicht um erfundene, üble Sprüche, die bloss schockieren sollen, sondern um sogenannte Catcalls, die Frauen auf offener Strasse zugerufen wurden.

Catcalling – Definition

Catcalling ist verbale sexuelle Belästigung. Dazu gehören unangebrachte, oft sexistische Kommentare, die (meist) Frauen zugerufen werden sowie Pfeif-, Zisch- und Kussgeräusche.

Hinter der Aktion in Zürich stehen die Urheberinnen des Instagram-Accounts catcallsofzrh. Sie möchten damit in ihrer Stadt auf sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum aufmerksam machen. «Unserer Meinung nach wird diesem Thema noch zu wenig Beachtung geschenkt. Wir hoffen, dass unsere Aktion die Menschen zum Denken anregt und die Zivilcourage zunimmt», sagen die Initiantinnen, die anonym bleiben möchten.

Das Projekt funktioniert folgendermassen: Personen, die sexuell belästigt wurden, erzählen per Nachricht, was ihnen an welchem Ort widerfahren ist. Die Initiantinnen schreiben dann den genannten Spruch oder die geschilderte Situation mit Strassenkreide an jene Stelle. Anschliessend laden sie ein Bild davon auf Instagram hoch.

Insbesondere junge Frauen werden im öffentlichen Raum belästigt

Es sei schon komisch, diese beleidigenden Wörter auf die Strasse zu schreiben, so die Zürcherinnen. «Wir selbst würden solche Wörter niemals in den Mund nehmen.»

«Was sich die Betroffenen anhören müssen, ist wirklich unglaublich.»

Gleichzeitig gebe es ihnen aber ein gutes Gefühl, wenigstens etwas für sie tun zu können und ihre Geschichte sichtbar zu machen. Die Reaktionen seien bislang grösstenteils positiv ausgefallen und ermutigen sie, weiterzumachen.

Pro Woche melden sich etwa zehn Personen bei «catcallsofzrh» und erzählen von ihrer Erfahrung. «Es wenden sich vor allem sehr junge Frauen an uns.» Das Durchschnittsalter liege bei 18 Jahren, viele davon seien auch minderjährig oder waren zum Zeitpunkt der Belästigung noch minderjährig. «Das heisst aber nicht, dass ältere Frauen von Belästigungen ausgeschlossen sind. Wir bekommen Nachrichten von allen Altersgruppen», sagen die Initiantinnen.

Es sind aber nicht nur Frauen, die von ihren Erfahrungen berichten. Es hat sich auch schon ein Mann bei den Zürcherinnen gemeldet. «Wir schreiben die Belästigungserfahrung jeder Person nieder, unabhängig von Geschlecht, Alter und sexueller Orientierung – wir unterscheiden da nicht. Belästigung ist und bleibt Belästigung und ist somit nie in Ordnung.»

Die richtige Reaktion auf Catcalling gibt es nicht

Seinen Anfang genommen hat die Bewegung der Catcalling-Accounts 2016 in New York mit der Aktivistin Sophie Sandberg. Mittlerweile gehören dem Dachverband «Chalk Back» Instagramprofile aus 150 Städten an, die auf das Thema aufmerksam machen – von Kairo, über Kenia und London bis Buenos Aires. Auch in der Schweiz gibt es mehrere Accounts. Nebst demjenigen in Zürich etwa auch in Bern, Basel, Luzern, Freiburg und Genf. Die Aktionen passieren unabhängig voneinander, das Vorgehen ist aber stets dasselbe.

Laut den Zürcher Initiantinnen kommt es vor allem an stark frequentierten Orten wie dem Zürcher Hauptbahnhof und Umgebung besonders häufig zu Belästigungen – aber auch zu Übergriffen. «Wir erhielten nun schon ein paar Nachrichten von Personen, die im öffentlichen Raum belästigt wurden und die Belästigung ignorierten. Als Reaktion auf ihr Nicht-Reagieren wurden sie dann angespuckt oder tätlich angegriffen. Das ist schon sehr schockierend.»

Rahel Fenini, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen.

Rahel Fenini, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen.

Bild: Michel Canonica

Doch wie soll man denn reagieren, wenn einem auf offener Strasse etwas zugerufen oder nachgepfiffen wird? Eine Antwort darauf, die für alle richtig ist, gibt es nicht, sagt Rahel Fenini, Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen. «Wichtig ist, dass sich die Frau mit der gewählten Reaktion gut und sicher fühlt.»

Die einen würden Catcalls ganz bewusst ignorieren und dem keine Beachtung schenken, andere hingegen kontern oder benennen das Catcalling klar als Belästigung, beispielsweise mit den Worten «Hören Sie auf, mich zu belästigen!». «Im öffentlichen Raum kann das eine grosse Wirkung haben, da andere Leute dabei sind und so mitbekommen, dass etwas los ist. Zudem wird die belästigende Person vor den Kopf gestossen und gewissermassen blossgestellt», erklärt Fenini.

Was auch nützlich sein kann: Sich im Voraus überlegen, was man in einer solchen Situation sagen könnte. Es sei zwar erschreckend, dass das nötig ist, doch:

«Das ist die Realität, in der wir leben.»

Grenzen des Gegenübers respektieren

Noch immer sei das Bild der «schwachen Frau» in der Gesellschaft verankert, so Fenini. Frauen werden in Filmen, Medien und Musikvideos nicht selten als Objekte dargestellt, die es zu begehren und zu jagen gilt. Das sei über Jahre so gemacht worden und irgendwann als normal akzeptiert. «Die Aktion der Catcalling-Accounts fordert auf, hinzuschauen und zeigt, dass solche Sprüche nicht richtig sind und unserer Normalität nicht entsprechen sollten.»

Die Bewegung erinnert etwas an #MeToo. Durch die Beiträge auf Instagram merken Frauen, dass sie mit ihrer Erfahrung nicht alleine sind. «Das Aufschreiben der Sprüche und Situationen auf dem Asphalt ermöglicht es, zusätzlich Menschen anzusprechen, die nicht in den sozialen Medien unterwegs sind», sagt Fenini. Dadurch werde eine breite Realisierung des Problems und Sensibilisierung für sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum erreicht.

«Es geht nicht darum, das Flirten zu verbieten, sondern um die Art und Weise, wie die Kommunikation erfolgt.»

Deshalb sei es wichtig, das Thema zu enttabuisieren und offener über solche unangenehmen Momente reden zu können. Man(n) müsse sich mit den eigenen Grenzen sowie den Grenzen seines Gegenübers auseinandersetzen und sich Gedanken über die Wirkung seiner Aussagen machen. Zuhören, respektieren und lernen lautet also die Devise. Wir müssen uns als Gesellschaft endlich bewusst werden, dass gewisse Sprüche einfach nicht in Ordnung sind.