Zu viele Emojis führen zum Emoji-Paradoxon

Emojis gelten als neue Weltsprache, Milliarden davon werden täglich verschickt. Laufend werden neue erfunden, doch je mehr Symbole hinzugefügt werden, desto unflexibler wird das Zeichensystem.

Adrian Lobe
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Blindtext Blindtext Blind Blind Blindtext Blindtext Blind Blind Blindtext (Bild: Emojimedia)

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Jeden Tag werden auf der Welt sechs Milliarden Emojis verschickt. Vor wenigen Wochen hat das für die Standardisierung der Zeichen zuständige Unicode-Konsortium der Kollektion neue Symbole hinzugefügt: 59 neue Emojis, 75 Varianten bestehender Emojis mit Geschlechtsvarianten und insgesamt 230 neue, wenn alle Hautfarben-Varianten mitberücksichtigt werden.

Neu ist darunter ein Blindenhund, ein Rollstuhlfahrer sowie homosexuelle Paare. Damit wollte das Gremium – ein Verein, dem Tech-Konzerne wie Apple, Microsoft und Google angehören – dem Gedanken der Diversität Rechnung tragen. In seinem Vorschlag vom Vorjahr argumentierte Apple, dass «das Hinzufügen emblematischer Emojis dabei hilft, eine vielfältige Kultur zu schaffen, die auch Behinderungen mit einschliesst.»

Emojis seien eine universale Sprache und ein mächtiges Kommunikationsinstrument sowie eine Form der Selbstentfaltung. Menschen mit Behinderung begrüssten die neuen Emojis denn auch als Zeichen der Einschliessung.

Kritik bei jeder Neuerung

Doch obwohl die Zeichenordnung mit jedem Update immer etwas bunter und diverser wird, gibt es bei jeder Neuerung Kritik von Minderheiten, die nicht repräsentiert sind. Im aktuellen Unicode 12.0, der 3053 Emojis umfasst, gibt es zum Beispiel keine rothaarigen Bräute und keine weissen Männer mit braunen Haaren und Bart. Auch das Fehlen eines Weisswein-Symbols wird seit längerem moniert. Es gibt nur ein Rotwein-Glas.

Man mag das für eine Nebensächlichkeit halten. Doch die Emoji-Updates sind mittlerweile ein Politikum. So wurde auf der Plattform change.org eine Petition eingereicht, in der die Aufnahme eines Vater-Baby-Emojis in den Katalog gefordert wird. Bisher gibt es das nur in der Variante der Mutter. Kritik kann von überall herkommen, weil beim Unicode-Konsortium sowohl Privatleute als auch Konzerne Vorschläge einreichen können.

Warum Weisswein und nicht Rosé?

Es ist das Emoji-Paradoxon: Je mehr Symbole das Unicode-Konsortium hinzugefügt, desto mehr Leerstellen werden in der Taxonomie sichtbar. Wenn das Gremium das Weisswein-Symbol in den Kanon aufnähme, kämen sofort Fragen auf: Warum kein Rosé? Und warum nur Bier und kein Pale Ale oder Stout?

Der Emoji-Experte Jeremy Burge schrieb in einem Beitrag für das Portal «Medium», dass die Option verschiedener Hautfarben beim Familien-Emoji zu 4225 Kombinationen führen würde. Bislang gibt es das Feature für verschiedene Ethnien nur bei einigen ausgewählten Symbolen wie etwa dem Ärzte- oder Polizisten-Emoji. Das Unicode-Konsortium sitzt in der Diversitätsfalle: Je mehr Emojis dem Standard hinzugefügt werden, desto schwieriger wird das Handling der Zeichen. Kein Mensch möchte Tausend Symbole durchblättern, um endlich das Fussball- oder Ferien-Emoji zu finden.

Apple hat auf seinem Mac eine Emoji-Suche, mit der man in einem Suchfenster nach dem passenden Symbol suchen kann. Gibt man zum Beispiel «Herz» ein, erscheinen entsprechende Emojis. Auch Google hat seiner Tastatur Gboard eine Emoji-Suche hinzugefügt. Mit emojipedia.org gibt es sogar eigens eine auf Emojis spezialisierte Suchmaschine, die Wörter in Emojis übersetzt. Emojis sind ja mittlerweile so etwas wie eine eigene Sprache, und manch einer fühlt sich, als fehlen ihm die Worte, wenn er in einem Chat das entsprechende Emoji nicht findet. Auch das Denken wird schon formatiert.

Emojis wandeln sich von Piktogrammen zu Bildern

Im ersten Emoji-Zeichensatz, den der Japaner Shigetaka Kurita 1998 entwarf und der heute im Museum of Modern Art in New York zu sehen ist, waren Bildpixel wie das Victory-Zeichen oder ein Cocktail-Glas enthalten, die in ihrer Schemenhaftigkeit an die Gameboy-Grafik erinnern. Der Journalist Ian Bogost hat in einem Beitrag für die US-Zeitschrift «The Atlantic» die These aufgestellt, dass sich Emojis heute von Piktogrammen zu Bildern wandeln. Piktogramme sind standarisierte Bildzeichen wie etwa das Symbol für einen Fluchtweg oder Flughafen, die überall auf der Welt verstanden werden.

Wenn man etwa das Cocktail-Emoji von Apple betrachtet, ist dieses Symbol sehr konkret und bildhaft: Man sieht eine olivfarbene Flüssigkeit, eine Frucht sowie einen Rührstab. Das hat den Vorteil, dass man den Alltag sehr genau abbilden kann. Doch je konkreter und damit weniger abstrakt das Zeichensystem wird, desto unflexibler werden auch die Bedeutungseinheiten. Man kann mit dem Cocktail-Symbol keinen Cuba Libre oder Gin Tonic darstellen, weil die Getränke einfach anders aussehen als das grünliche Gebräu. Zum Vergleich: Das deutsche Alphabet hat lediglich 26 Grundbuchstaben und ein paar Sonderzeichen. Trotzdem lässt sich damit die Wirklichkeit so famos erzählen wie mit keinem anderen Zeichensystem.