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Das kleine Inselparadies, in das der «Mann vom Mond» Millionen investiert – für einen Traum

Der kleine afrikanische Inselstaat Sao Tomé und Principe lockt Touristen mit unberührten Stränden und erstklassiger Schokolade. Auf dem kleineren Eiland investiert ein reicher Unternehmer ein Vermögen in den Traum der Nachhaltigkeit.

Die Insel Principe wäre heute eine andere ohne die Weltraummission des Milliardärs Mark Shuttleworth. Der britisch-südamerikanische IT-Unternehmer machte 2002 seinen Traum wahr: Für den Preis von 20 Millionen US-Dollar flog er in den Weltraum. Beim Blick auf die Erde soll er sich in Principe verliebt haben, eine Insel mit 6000 Einwohnern westlich von Afrika, anderthalbmal so gross wie die Stadt Zürich.

Zusammen mit der grösseren Schwesterinsel Sao Tomé (200'000 Einwohner) bildet die vulkanische Inselgruppe den zweitkleinsten Staat des Kontinents, 200 Kilometer vom Festland Gabuns entfernt. Und eben dort, in Principe, versucht Shuttleworth seit einigen Jahren, einen weiteren Traum zu verwirklichen.

Unterwegs auf Principe

Unterwegs auf Principe

Ob die Geschichte stimmt, ist unklar. Doch sie wird auf der Insel erzählt. Klar ist: 128 Millionen Euro hat der Weltraumtourist mit seiner HBD- Group seit 2011 in die Insel investiert, über 20'000 Franken pro Bewohner. «Wir hoffen, dass wir dieses Jahr eine schwarze Null schreiben», sagt Chris Taxis, der lokale Firmenchef auf Principe.

Der Flughafen wurde ebenso ausgebaut wie Strassen und Infrastruktur. Jeder Haushalt, auch jede Holz- und Wellblechhütte, verfügt mittlerweile über einen Stromanschluss. Shuttleworth liess das Roca Sundy, ein ehemaliges koloniales Anwesen einer Plantage, restaurieren und als Luxus-Hotel ­eröffnen. Er hat Ferienresorts wie das Bom Bom oder das Sundy Praia an paradiesischen Stränden geschaffen für zahlungskräftige Gäste, die einen nachhaltigen Tourismus leben wollen.

Die Einheimischen, die Shuttleworth den «Man in the Moon», den Mann vom Mond, nennen, arbeiten im Tourismus, als Bauern oder Fischer mit den Hotels als Abnehmern ihrer Produkte.

Sein Unternehmen beschäftigt 640 Mitarbeitende auf der Insel. Die Natur soll geschützt werden. Allen ­voran der Regenwald. «Bis 2030 soll Principe eine Referenz für die biologische Vielfalt und die nachhaltige Entwicklung sein», sagt Chris Taxis.

Der Spitzen-Chocolatier als einfacher Bauer

Sao Tomé und Principe feierte erst 1975 die Unabhängigkeit. Damit aber verliessen die portugiesischen Plantagenbesitzer mit ihrem Know-how die Insel. Die Kaffee- und Kakaoproduktion brach ein. Heute macht die Entwicklungshilfe über die Hälfte der Staatseinnahmen aus.

Die Kakaoplantagen machten Sao Tomé und Principe zu Schokoladeninseln. Diese Tradition lebt mit vielen Kleinproduzenten fort. Einer der wenigen grossen Hersteller ist Claudio Corallo. Er wohnt auf Sao Tomé. Nach Principe fliegt er regelmässig, um den Herstellungsprozess zu kontrollieren.

Claudio Corallo nennt sich einen Bauern - und stellt erstklassige Schokolade her.

Claudio Corallo nennt sich einen Bauern - und stellt erstklassige Schokolade her.

«Sono solo un contadino» – «Ich bin nur ein Bauer», sagt er uns, als wir ihn auf dem Plateau Terreiro Velho besuchen, von dem man auf das türkisblaue Meer und das satte Grün des Regenwaldes schaut. Es ist ein Understatement. Denn Corallo gilt als König der Schokolade in Westafrika. Der 68-jährige Italiener betreibt auf Sao Tomé und Principe auf 64 Hektaren Kakao- und Kaffeeplantagen mit 250 Mitarbeitenden. In seiner Fabrik in der Hauptstadt von Sao Tomé stellt er seine eigene Schokolade her. Man kann sie in seinem Online-Shop ebenso kaufen wie im Zürcher Niederdorf.

Corallo kaufte hier oben die verlassene Kakaoplantage. Er wohnt im Haus des ehemaligen Kolonialherrn, 1898 erbaut. Eine weisse Ruine mit lauter schwarzen Flecken auf der Fassade, über welche die Bewohner eines Schweizer Dorfs die Nase rümpfen würden. Hier aber strahlt das Haus etwas Mystisches aus. Corallo schläft in den schwülen Nächten im ersten Obergeschoss in einer Hängematte. Die Fenster stehen weit offen.

Das Herrenhaus der Planage Terreiro Velho von Claudio Corallo.

Das Herrenhaus der Planage Terreiro Velho von Claudio Corallo.

Vor dem Bürgerkrieg geflohen

Corallo hat ein bewegtes Leben hinter sich: Der in Florenz ausgebildete Agraringenieur widmete sich erst dem Olivenanbau. In Zaire, dem heutigen Kongo, baute er als Plantagenbesitzer Kaffee an. Doch der Bürgerkrieg trieb ihn in die Flucht. Via Bolivien kam er 1992 nach Sao Tomé und Principe.

Hier kam er auf die Schokolade. Dass das Bittere zum Geschmack gehört wie der Alkohol zum Schnaps, das bezweifelte er ­allerdings. Und so tüftelte er so lange herum, bis beim Verfahren keine Bitterstoffe mehr entstanden. «Der bittere Geschmack ist nicht natürlich», sagt er mit dem Lächeln des Entdeckers. «Über Kakao werden so viele Dummheiten geschrieben!»

Markttreiben, Höllenmaul und singende Rekruten auf Sao Tomé.

Markttreiben, Höllenmaul und singende Rekruten auf Sao Tomé.

In der Küche seines mit wenigen Möbeln eingerichteten Hauses lässt er uns Kakaobohnen und kleine Schokoladentafeln degustieren. «Der Gaumen muss sich an den Geschmack gewöhnen. Mit jedem Mal schmeckt man mehr», erklärt er. Dazu tischt er glasklaren Schokoladenschnaps auf. Ein Nebenprodukt seiner eigentlichen Arbeit, mit rund 80 Prozent Alkohol.

Bei unserem Besuch liegt ein Meer an Kakaobohnen in einem überdachten Schuppen zum Trocknen. Seine Mitarbeiter müsse er zur Disziplin antreiben. Was wird dann aus seinen Plantagen, wenn er einmal nicht mehr da ist? Corallo zuckt mit den Schultern. «Möglich, dass alles zusammenbricht», sagt er.

Das Meer als Friedhof für ausgediente Schiffe

Auf Sao Tomé und Principe gibt es auf Wanderungen durch den Regenwald eine üppige Natur zu entdecken. Ein Highlight ist der Anblick des Pico Cão Grande, ein vulkanischer Felsturm, der sich wie ein Phallus 370 Meter weit in die Höhe erhebt. Auch über eine Palmöl-Plantage. Ein Sündenfall von Korruption, über den sich die Einheimischen ärgern und doch machtlos sind.

In der gleichnamigen Hauptstadt Sao Tomés erinnern imposante Herrenhäuser und ein Fort, in dem sich ein kleines historisches Museum befindet, an die 500-jährige portugiesische ­Kolonialzeit. Auf einem Markt bieten Bäuerinnen Bananen, Papayas oder Flip-Flops an, die häufigste Fussbekleidung.

Markt in Sao Tomé.

Markt in Sao Tomé.

Junge Männer auf knatternden chinesischen Motorrädern fahren als Taxis über die aufgerissenen Strassen. Nicht eine einzige Baustelle haben wir gesehen, dafür sind uns die verlassenen Schiffe in Ufernähe aufgefallen. Das Meer ist ihr schwimmender Friedhof.

Dagegen locken auf dem Inselstaat unberührte Traumstrände mit feinem Sand, Palmen und schwarzem Lavagestein. Einen solchen ganz für uns haben wir auf der Insel Rolas, einen Kilometer südlich der Hauptinsel und ­direkt auf dem Äquator gelegen. 

Ein kleines Denkmal auf einer Anhöhe, auf dem man mit einem Schritt von der Nord- auf die Südhalbkugel schreiten kann, erinnert an die besondere Lage. Hier geniesst man eine atemberaubende Aussicht auf Ozean und Regenwald. «Leve-Leve» lautet das Inselmotto – «immer mit der Ruhe». Ein Gedanke, den man auch hier, weit abseits der Hektik Mitteleuropas, schnell verinnerlicht hat.

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