Manshiet Nasr ist ein Stadtteil Kairos, den man riecht, bevor man ihn sieht. Ein säuerlich-fauliger Gestank umwabert seine Gassen und Häuser. Dreck, Staub, Fliegen. In einem Café trinken einige Männer und rauchen Shisha, eine Frau verkauft auf einem Tuch Gemüse, Kinder rennen durch die Strassen.

Etwa 75 0000 Menschen haben gelernt, in diesem Gestank zu leben. Manshiet Nasr ist ihr Zuhause, ihr Wohn- und Arbeitsort. Die Luftverpestung rührt von ihrer Lebensgrundlage her: anderer Leute Abfall. Aussenstehende nennen ihr Quartier auch Garbage City, Abfallstadt. Deren Bewohner werden Zabaleen genannt, Abfallsammler.

Garbage City ist ein Slum – und doch kein Slum. Die Strassen sind ungeteert, die unverputzten Ziegelhäuser illegal, die Jobs informell. Es herrscht Armut, aber nicht Trostlosigkeit. Niemand bettelt. Stattdessen überwiegt eine Atmosphäre geschäftigen Treibens.

Die Zabaleen arbeiten von morgens früh bis abends spät; sie entsorgen etwa 40 Prozent des Mülls der Megapolis Kairo. Zur Dämmerung machen die Zabaleen sich auf, gehen von Tür zu Tür zu Tür. Mit meterhoch beladenen, klappernden Lastwagen, oder manchmal wie früher auf Eselskarren, bringen die Zabaleen den Unrat reicherer Leute ins eigene Quartier, um ihn bei sich zu Hause zu sortieren. Rund 6000 Tonnen Müll täglich. Gut 80 Prozent des Abfalls können die Zabaleen rezyklieren; das ist die höchste Quote weltweit.

Der Abfall wird getrennt, aber die Stadt und der Abfall sind hier nicht mehr voneinander zu trennen. Er sprenkelt die Strassen, er lagert auf Dächern, und die Erdgeschosse der meisten Wohnhäuser dienen als grosse Abfallsammelbecken. Darin waten Frauen, Männer, manchmal auch Kinder, bis zu den Knien im Müll und nehmen ein jedes Ding in die Hand. Frauen trennen Organisches von Anorganischem.

Ersteres füttern sie ihren Tieren oder kompostieren es. Dann geht die Aufteilung weiter: Plastik, Alu, Metall, Papier, Karton, Stoff, Kupfer. Für fast jedes Material gibts in einem Hinterhof oder einer Halle eine Maschine, die es säubert, presst, zerkleinert, zerhackt, zerschreddert.

Kinder leiden unter Asthma

Viele dieser Maschinerien sehen abenteuerlich selbst gebaut aus. Eine erinnert an den Film «Lauf der Dinge» der Künstler Fischli und Weiss: Da wird Plastik erst zu einem heissen, schwarzen Brei geschmolzen, dann auf einem Laufband zu langen, schwarzen Würmern gepresst, im nächsten Becken abgekühlt und zuletzt in kleine schwarze Pellets gehackt.

Alte Plastikplanen werden geschreddert und eingeschmolzen. Handschuhe oder Mundschutz trägt niemand. Kinder haben Asthma.

Alte Plastikplanen werden geschreddert und eingeschmolzen. Handschuhe oder Mundschutz trägt niemand. Kinder haben Asthma.

Es raucht, zischt, dampft, rattert. Eine andere Apparatur gemahnt an eine bewegte Tinguely-Skulptur: Sie schreddert vibrierend und staubend alte Plastikplanen zu warmen, knusprigen Stückchen. Ein wenig wie Popcorn. Füllmaterial. Granulate, Pellets und Flocken werden in grosse Säcke verpackt und weiterverkauft, ein Fünftel ins Ausland. Daraus entstehen dort neue Dinge, zum Beispiel Plastikstühle.

Die Männer an den Maschinen tragen weder Handschuhe noch Mundschutz. «Der Geruch wird sie umbringen», sagt ein junger Mann. Die Lebenserwartung der Zabaleen soll zwischen 55 und 60 Jahre betragen. Die Luft ist noch kontaminierter als im Rest der Megapolis Kairo, die hygienischen Bedingungen sind schlecht, die Unfallgefahr erhöht. Hepatitis C ist weit verbreitet, Kinder leiden unter Asthma. Die meisten jungen Menschen wollen weg hier.

Unterstützung von NGO

Umgekehrt haben die wenigsten Kairoerinnen und Kairoer je einen Fuss in diesen Stadtteil gesetzt. Die Zabaleen werden von vielen verachtet und diskriminiert. Nicht einfacher macht ihre Situation in einem mehrheitlich muslimischen Land, dass die meisten von ihnen zur Minderheit der koptischen Christen gehören.

Das Quartierbild macht es noch bunter: Marien- und Jesusbilder, Kreuze und Poster des koptischen Oberhaupts hängen überall. «Trotz der harten Arbeit siehst du die Menschen hier lächeln», sagt der Bewohner Bekhit Mettry, «dank des Glaubens an Jesus.»

Es war schon viel schlimmer und schon etwas besser in Garbage City. Mitte des letzten Jahrhunderts, als die ersten Menschen hierher kamen, meist arme Bauern aus Oberägypten, zogen sie ins Nichts. «Es war der letzte Ort in Kairo; danach kam nur noch die Wüste», erzählt Bekhit Mettry, der als Dreijähriger herkam: «Es gab keinen Strom, kein fliessendes Wasser. Wir lebten in Wellblechhütten und spielten mit dem Abfall.»

Heute gibt es nicht zuletzt dank des Engagements etlicher christlicher Hilfswerke und NGO einfache Häuser aus Ziegels, ein Spital, Kindergärten, Schulen und eine spezielle Recyclingschule.

Dank Hilfswerken gibt es nun einfache Ziegelhäuser – und eine Recyclingschule.

Dank Hilfswerken gibt es nun einfache Ziegelhäuser – und eine Recyclingschule.

Bekhit Mettry hat sich selbst Englisch beigebracht und sich vom Abfallsammler zum PR-Manager der grössten hier ansässigen NGO, A.P.E, heraufgearbeitet. Eine angenehme, saubere Arbeit, die ihm 2000 ägyptische Pfund im Monat (umgerechnet etwa 140 Franken) einbringt. Damit es für die Familie reicht, müsse er sich aber mit einem kleinen Laden abends noch etwas hinzuverdienen.

Er lädt zu sich nach Hause ein. Hat man die Abfallberge im Erdgeschoss und die dreckige Treppe passiert, öffnet sich oben, kaum hat er die Wohnungstür hinter sich zugemacht, eine heile Gegenwelt: pastellfarbige Zimmer, farbig-flauschige Teppiche; an der Wohnzimmerwand schwimmt Clownfisch Nemo neben Christus am Kreuz. Bekhit Mettrys Frau sieht so jung aus, dass man sich im ersten Moment fragt, ob sie vielleicht die älteste Tochter sei – in Garbage City wird früh geheiratet und geboren.

Bekhit Mettrys Zuhause ist eine heile Gegenwelt zur Garbage City.

Bekhit Mettrys Zuhause ist eine heile Gegenwelt zur Garbage City.

Seine vier Kinder sitzen in farbigen Polyesterpyjamas vor einem Flachbildschirm und schauen Tom und Jerry; Bekhit Mettry zahlt den Fernseher noch in Raten ab. Die Stimmung ist fröhlich, der Umgang herzlich; die Eltern umarmen die Kinder, die die Kinder umarmen einander.

Mubaraks Eingriff

«Eine Serie von Albträumen» hätten die Zabaleen die letzten 15 Jahre erlebt, schreibt Laila Iskandar in einer ihrer Studien zu Garbage City. Die ehemalige Umweltministerin Ägyptens und heutige Betreiberin einer Consultingfirma engagiert sich stark für das Elendsviertel. Der Zabaleens erster Albtraum: 2002 stellte die damalige Regierung Mubaraks mehrere multinationale Firmen für die Abfallentsorgung Kairos an.

Die Bewohner zahlen dafür automatisch via Stromrechnung. Die Zabaleen standen plötzlich hinten an. Das neue System mit Müllcontainern auf den Strassen funktioniert aber schlecht. Die Strassen wurden dreckiger. Und statt zu rezyklieren, kippen die Firmen einen grossen Teil des Abfalls in Deponien. Die Zabaleen holen seither unter erschwerten Bedingungen den Müll trotzdem ab, ohne für ihren Tür-zu-Tür-Service Geld zu erhalten.

Fast jedes Material wird irgendwo gesäubert, gepresst und zerkleinert.

Fast jedes Material wird irgendwo gesäubert, gepresst und zerkleinert.

Der zweite schreckliche Albtraum folgte 2009: Die Regierung ordnete die Schlachtung aller Schweine Ägyptens an, 300 000 landesweit. Angeblich wegen der drohenden Schweinegrippe; in Wahrheit ohne jegliche wissenschaftliche Grundlage. Betroffen waren davon vor allem Christen, insbesondere die Zabaleen. Die Schweine waren ihnen dreifach nützlich und lukrativ: sie frassen den organischen Abfall, waren eine gute Proteinquelle und brachten beim Verkauf gutes Geld ein.

Doch die Zabaleen konnten einige Schweine verstecken. Sie vermehrten sich und feiern ein Comeback. Mit ihnen kommt vielleicht auch das Glück zurück. Laila Iskandar hat Anlass zu hoffen, dass sobald die Verträge mit den multinationalen Müllfirmen 2019 ablaufen die Zabaleen von der neuen Regierung erstmals offiziell in die Entsorgung eingebunden werden. Vielleicht wird ihre Arbeit bald aus der Schattenwirtschaft ans Licht geholt, geschätzt, entlöhnt – und handkehrum versteuert. Zum Wohl aller. Denn wenn Garbage City stirbt, droht ganz Kairo wie eine auszusehen.