Exklusiv
Der Mann, der vom Himmel fiel: Eine Weihnachtsgeschichte aus der Feder der Schweizer Buchpreisträgerin

Die Schriftstellerin Anna Stern hat in diesem Jahr den Schweizer Buchpreis gewonnen. Für uns hat sie exklusiv diese Weihnachtsgeschichte geschrieben.

Anna Stern
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Rosette

Rosette setzt sich mit der Tasse Tee ans Fenster und blickt auf den Ende Jahr kargen Garten hinaus. Die Bise streift durch die kahlen Äste der Birken, die Stämme schmal und weiss, und dahinter der See, der sich im Nebel verliert. Eine Kohlmeise und ein Rotkehlchen sitzen im Vogelhäuschen und picken von den zerhackten Nüssen und Sonnenblumenkernen, den Mohn- und Hanfsamen und Haferflocken, die sie heute Morgen aufgefüllt hat. Es ist kalt, doch noch liegt kein Schnee.

Gestern hiess es im Radio, dass es heute oder morgen vielleicht schneien wird, und Rumi, die Lehrtochter im Blumenladen, hat vorhin gesagt, dass bestimmt heute noch erste Flocken fallen werden: Der Schnee liege in der Luft, sie könne ihn riechen. Rosette muss schmunzeln, obwohl die junge Frau schon einige Jahre in Sarahs Laden arbeitet und Rosette immer zufrieden ist mit den Sträussen und Gestecken, die Rumi für sie macht, ertappt sie sich bei ihrem Anblick doch immer wieder bei dem Gedanken: ein Wesen von einem anderen Stern. Das Leuchten in Rumis Augen, wenn sie über ihre Arbeit spricht, ihre Art, sich zwischen den, mit den Blumen zu bewegen, als wäre sie Teil davon. Und zu alledem, kontrastierend damit, das krude Tattoo auf dem linken Unterarm: «careful what you wish for».

Rosette trinkt einen Schluck Tee und fragt sich, was sie sich wünschen würde, was sie sich wünscht. Sicher: Dass Julius endlich den Rank findet. Und: Dass Sophie die Heiterkeit und Gelassenheit behalten darf, die sie durch die letzten Monate getragen haben, jetzt, da das Hotel wegen der Pandemie geschlossen und Gabriel deshalb nicht in den Bergen ist. Für sich – vielleicht wieder einmal etwas Zeit allein mit Jean: So ein Wochenende wie Anfang Jahr, das wäre schön.

Daniel

Daniel drückt den Anruf weg und legt das Telefon auf den Tisch. Bedauere, hat der Polizist gesagt, für eine Suchmeldung reicht es noch nicht. Er schaut zur Uhr am Backofen, halb fünf schon, und stellt sich ans Küchenfenster, vor dem die Nacht immer näher kommt. Sarah, wo bist du. Komm morgen Mittag nach Hause, hat er ihr gestern gesagt, Maria passt auf Ariel auf und ich koche uns etwas Feines zum Zmittag. Sie hat sich aus seiner Umarmung gefädelt, ich kann nicht, nicht in dieser hektischen Zeit. Ach komm. Und was sage ich Rumi, sie ist dann ganz allein. Sag ihr, Daniel wünscht es sich. Sarah hat bloss den Kopf geschüttelt, ist bald darauf ins Bett.

Doch heute Morgen dann, da hat sie gesagt, also gut, aber nur zwei Stunden, länger kann ich nicht. Und er hat sich gefreut, ist am morgen mit Ariel auf den Markt und hat gekocht und ihren Lieblingskuchen gebacken, den mit den Mandelblättern und dem Honig und dem Rosmarin. Und dann war es zwölf, war es halb eins, war es eins und von Sarah keine Spur. Er hat auf ihr Telefon angerufen, das Klingeln ganz nah, aus dem Schlüsselkorb draussen im Flur: typisch Sarah. Später hat er im Laden angerufen, hat ihre Eltern angerufen, ihre Schwester; und dann das Spital, die Polizei. Bedauere, hat der Polizist gesagt. Mann, Sarah, bitte. Jetzt ist es ganz dunkel, die Strassenlaternen brennen und leichter Schneefall setzt ein. Daniel legt seinen Kopf an das kalte Glas. Er müsste Ariel abholen, müsste Maria erklären, was sich nicht erklären lässt, müsste sagen: Da, aber wo, wie.

Hannah

Als Hannah nach Hause kommt, sind Mona und Felix bereits im Bett. Das Haus riecht nach Pizza, und in der Küche ist alles voller Mehl, Mozzarellascheiben auf dem Schneidbrett, Tomatensaft, Schinkenschnipsel, fasrige Ananas. Oh Gabriel. Im Kühlschrank findet sie eine vorbereitete Pizza, der leichenbleiche Teig ausgewallt, Sugo, Käse, Artischockenpaste und Pancetta. Sie nimmt sie heraus, schiebt sie auf einem Blech in den noch warmen Ofen und beginnt mit dem Aufräumen.

Lass das, sagt Gabriel, nimmt ihr sanft den Lappen aus der Hand, ich mach das schon. Sie fügt sich, schenkt sich ein Glas Wein ein und setzt sich an den Tisch. Strengen Tag gehabt, fragt er. Hannah nickt, ja, sagt sie, und was habt ihr gemacht. Pizza, sagt er und grinst, und Wunschzettel für Weihnachten, willst du sehen? Hannah schüttelt den Kopf, blättert die Post durch, die auf der Ofenbank liegt: keine Geduld jetzt für Kinderwünsche, für den ganzen Weihnachtsscheiss. Sonst war nichts, fragt sie. Daniel hat angerufen, hat gefragt, ob Sarah hier ist. Und? Nichts und, sie war ja nicht hier. Hannah schaut nach der Pizza, setzt sich wieder hin. Und Alva, fragt sie, hofft, dass ihr Bruder ihr die Unruhe nicht anhört. Er schüttelt den Kopf, keine Ahnung, wo sie ist. Hannah legt die Post auf den Tisch, streckt sich auf der Ofenbank aus: Wie viel Müdigkeit in einem Körper Platz hat. Gern würde sie nach Lukas fragen, ob er angerufen hat. Doch wahrscheinlich hat er das nicht, und dann wüsste Gabriel, dass sie ihn nicht vergessen hat, und würde bloss wieder sagen, ach Hannah, ich wünschte mir, wirklich, ich wünschte mir.

Alva

Auf dem fensterlosen Korridor, wo er steht, ist es dunkel, doch das Licht der Neonröhren in ihrem Zimmer brennt in hellem, kaltem Weiss. Es steht nur ihr Bett darin, daneben ein Nachttisch und am Fenster ein kleiner Esstisch mit zwei Stühlen. Hinter dem Fenster liegt ein Balkon, zu dem es vom Zimmer aus keinen Zutritt gibt. Durch das Netz, das vor dem Balkon hängt, geht der Blick auf den Helikopterlandeplatz und eine Kleingartensiedlung, die sich hinter der Klinik den Hang hochzieht. Er ertappt sich dabei, wie er «High Hopes» von Pink Floyd summt, «the grass was greener, the light was brighter, the taste was sweeter, na-na-na-na ...».

Alva legt das Notizbuch weg, knipst die Taschenlampe aus und kuschelt sich tiefer in den Schlafsack. Sie ist noch nicht sicher, ob sie den Ton auch richtig getroffen hat, doch für heute reicht es, es war ein strenger Tag: Die Flucht noch vor Morgengrauen, damit sie sie nicht zurückhalten, die Sterne am Himmel und die lange Wanderung durch den tiefen Schnee. Ein wenig bedauert sie, dass sie hat gehen müssen, Hannah hat es immer gut gemeint, auch wenn sie nicht alles verstanden hat, etwa das mit dem Wolf und den anderen Tieren und der Mission. Sie weiss nicht genau, wo sie jetzt ist, doch so wichtig ist das nicht. Die Höhle ist ein gutes Versteck: das Tal, der Wald, der harte Fels. Sie hat den ganzen Abend über keine Bomben gehört, keine Sirenen, und es liesse sich fast denken, es gäbe gar keinen Krieg. Doch sie weiss ja, dass er da ist, der Krieg, obwohl sie ihn gerade nicht hören kann. Und wenn sie manchmal kurz, ganz kurz daran denkt, dass es zuweilen schön sein könnte, nicht allein zu sein, jemanden bei sich zu haben, jemanden, der nicht der Wolf ist, den sie so gern haben könnte wie Hannah Lukas – nur ohne das Ichliebdichichhaltdichnichtausdrama, ohne die ganzen Wobistdusorgen –, dann kommt sogleich der Wolf und sagt, dass diese Gedanken aufhören müssen: Es ist doch Krieg und Wünschen hilft da nichts.

Lukas

Lukas setzt sich die Fellmütze auf, tastet die Jackentaschen nach dem Schlüssel ab und löscht das Licht. Sich gegen den eisigen Wind stemmend macht er sich auf den Weg vom Besucherzentrum über das weite weisse Feld aus Schnee zu seiner Hütte. Der Mann, der vom Himmel fiel, nennen sie ihn, seit er Ende Sommer plötzlich hier aufgetaucht ist. Er hat gelacht, und dann hat ihn jemand Thomas genannt, haben ihn alle Thomas genannt, und er hat sie nicht korrigiert. Seither ist er Thomas. Oder eben: Der Mann, der vom Himmel fiel. Das war im August, jetzt ist Dezember, und es ist ruhig im Katmai-Nationalpark, keine Bären, keine Lachse, nur die Schneehasen und der Hermelin, der bei ihm unterm Dach wohnt. Seine Augen beissen von der trockenen Luft, und der aufgewirbelte Schnee bleibt in seinem Bart hängen, feine Eiskristalle im hellblonden Haar.

Es ist längst dunkel, salzkörnig streuen sich die Sterne am Himmelszelt, die ganze Milchstrasse. An Mona und Felix denkt er kaum noch, an Hannah erst recht nicht. Anfang Monat spielte er kurz mit dem Gedanken, den Kindern etwas zu Weihnachten zu schicken, einen Plüschbären aus dem Geschenkladen des Besucherzentrums zum Beispiel. Doch dann liess er es sein, mit der Post ist es kompliziert hier, und wahrscheinlich wartet zu Hause ohnehin niemand auf Nachricht von ihm, geht es ihnen besser ohne ihn. Was er sich selber wünscht – die Frage stellt er sich nicht. Es geht ihm gut, seit er hier ist, das Jetzt fliesst reibungslos, solange er nicht zu viel nachdenkt. Und zum Nachdenken bleibt keine Zeit, gibt es doch immer genug zu tun hier: Für Lukas; für Thomas; für den Mann, der vom Himmel fiel.