Alkohol
Die Säufer der Tierwelt: Die Affenart Aye-Aye liebt Hochprozentiges

Einen Schnaps fürs Fingertier, bitte! Die Affenart Aye-Aye sucht gezielt nach Alkohol. Auch andere Tiere sind Gelegenheitssäufer – aber eher aus Versehen.

Jörg Zittlau
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Nach einer alkoholreichen Mahlzeit ein bisschen in den Ästen hängen: Ein Aye-Aye nüchtert aus.KEYSTONE/PICTURE ALLIANCE/Arco I

Nach einer alkoholreichen Mahlzeit ein bisschen in den Ästen hängen: Ein Aye-Aye nüchtert aus.KEYSTONE/PICTURE ALLIANCE/Arco I

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Bekannt wurde das Aye-Aye vor allem wegen seines riesigen Mittelfingers, mit dem es unter Baumrinden nach Insekten pult. Doch zu den besonderen Eigenschaften dieses Affen gehört auch, wie jetzt US-Zoologen ermittelt haben, dass er auf Hochprozentiges steht. Damit untermauert das Aye-Aye seinen Exotenstatus – denn andere Tiere werden in der Regel nur versehentlich zum Quartalssäufer.

Mit seinen grossen, leuchtenden Kulleraugen und dem langen Mittelfinger ist das Aye-Aye ein echter Blickfang. Als typischer Lemur lebt es in Madagaskar und ernährt sich hauptsächlich von Insekten. Manchmal geraten jedoch auch nektarreiche Blüten und Früchte auf seinen Speiseplan, die schon so weit vergoren sind, dass sie erhebliche Mengen Alkohol enthalten. Dass der Affe damit, wegen seiner spezifischen Verdauungsenzyme, gut klarkommt, wissen Zoologen schon länger. Doch bisher interpretierte man dies lediglich als Anpassung an ein unvermeidliches Übel, mit dem die Evolution auf die hohen Alkoholwerte in Madagaskars Wäldern reagiert hat. Dass die Aye-Ayes gezielt nach Hochprozentigem suchen, hielt man für ausgeschlossen.

Ein Forscherteam vom Dartmouth College in New Hampshire enttarnte nun den Langfinger als vorsätzlichen Gelegenheitssäufer. Die Zoologen servierten ihm mehrere nektarartige Lösungen mit unterschiedlichen Alkoholwerten zwischen null und fünf Prozent und warteten, wofür er sich entscheiden würde. Dabei wurden die Becher immer wieder vertauscht, um auszuschliessen, dass die intelligenten Tiere sich nicht einfach die Position eines bestimmten Drinks einprägen konnten.

Je hochprozentiger, desto besser

Es zeigte sich: Die Aye-Ayes wählten in jedem Versuchsdurchlauf zielsicher den Becher mit dem höchsten Alkoholgehalt. «Und sie stocherten selbst dann noch in dem betreffenden Gefäss herum, wenn es schon längst leer war», berichtet Studienleiter Samuel Gochman. Die Affen konnten also nicht nur riechen, wo es den meisten Alkohol gab; sie gierten auch danach, wenn der betreffende Behälter schon ausgetrunken war. «Dies spricht dafür, dass Alkohol eine hohe Anziehungskraft auf sie ausübt», so Gochman.

Bleibt die Frage nach den Gründen für das starke Verlangen des Aye-Ayes nach Alkohol. Ist es die Suche nach dem wohltuenden Rausch? Ausschliessen könne man es nicht, so die US-Zoologen. Doch sie vermuten eher, dass die Evolution den Lemuren auf Hochprozentiges geeicht hat, weil es viel Energie liefert. Mehr Energie zu haben, ist im Unterschied zum besoffenen Torkeln ein Vorteil im Überlebenskampf.

Die Aye-Ayes sind nicht die einzigen Tiere, die ab und zu einen Rausch haben. Auch Elche in Skandinavien oder Bären in der Slowakei trinken – doch meistens versehentlich. Die Tiere laufen immer im Herbst Schlangenlinien, weil sie sich für den Winter mit überreifen Äpfeln vollfressen, die im Magen nachgären und Alkohol freisetzen.

In den 1970er-Jahren zeigte der Disney-Film «Die lustige Welt der Tiere» zwar dem Zuschauer gleich ein ganzes Panoptikum besoffener Fauna-Vertreter, doch hier wird auch munter gemogelt. So wird einer Gruppe torkelnder Elefanten unterstellt, dass sie sich ihren Rausch mit gärendem Obst vom Marula-Baum erfressen hätten. Tatsächlich bräuchte man jedoch, wie Steve Morris von der University of Bristol ausgerechnet hat, ungefähr 700 von den Früchten, um die tonnenschweren Dickhäuter auch nur anzusäuseln. «Solche Mengen können selbst Elefanten nicht fressen», so der englische Physiologe.

Nervengift aus der Baumrinde

Was die Elefanten allerdings wirklich gerne machen: Sie fressen grosse Rindenstücke des Marula-Baums – und darin befinden sich oft Käferlarven, die ein als Nervengift wirkendes Alkaloid enthalten, um ihre Fressfeinde abzuschrecken. Doch der hartgesottene Elefant lässt sich dadurch nicht abschrecken – und wird dann auch noch damit belohnt, dass ihm sein schwergewichtiges Leben vorübergehend ein bisschen leichter vorkommt.