Einmal aufgegabelt, hängt der Kerl wie an einem Ballon. Man kann ihn über Täler und Seen, über Gipfel fliegen lassen; den Griff löst er nicht mehr. Bei Tempo Teufel flattert er wie ein Wimpel hinterher.

Das ist lustig, es erinnert an Kinderspiel. Die technische Chuzpe indes, die dahinter steckt, ist von höchstem Rang.

Google hat den Wicht erfunden und in eine Ecke ihrer Karten gestellt. Dort holt man ihn mit der Maus ab, setzt ihn per Klick irgendwo aus, wartet eine Sekunde, bis Streetview alle Bilder der realen Welt drum herum gesammelt hat – los gehts!

Easy. Aber was genau geht los?

Das eben ist die Frage ...

Interlaken

Ohne Geld, ohne Benzin – egal, mit wie viel Promille im Blut

Eine Autofahrt geht los. Ohne dass man freilich Auto fährt. Auf einer Route, die man sich nach Lust und Laune ausdenkt. In der Heimregion oder jenseits des Hindukusch. Koffer ist keiner zu packen; in einer Sekunde bist du hier wie dort. Geld brauchst du keins, weder in Las Vegas, Gipf-Oberfrick noch in Paris. Aus Fremdsprache mach dir keinen Kopf. Aufs Gipfeli vom Bäcker nebenan muss keiner verzichten, nicht mal in der Atacama-Wüste. Ein Käfeli schlürfst du nebenbei und gehst doch nicht vom Gas. Die Route wählst du vorzugsweise dort, wo du noch nie entlanggefahren bist.

Egal, wo man ansetzt – das Wetter ist garantiert gut. Manchmal wechselt die Jahreszeit innert eines Kilometers: Von November 2013 mit rotgoldenem Herbstlaub in den Juli 2014 mit dem typischen Sommerglast, als wäre die Frontscheibe leicht behaucht. Egal, wie viel Verkehr es gibt – das kümmert dich nicht. Egal, auf welcher Farbe die Ampel steht – Ampeln beachtet man so wenig wie Verkehrsschilder.

Man fährt gar auf der falschen Spur, ohne Angst vor Kollision. Man fährt vorwärts, obwohl der Google-Kamerawagen rückwärts fährt. Nicht am Tag der Aufnahmen, aber jetzt, wo ich die Richtung bestimme. Alles ohne Stress. Nur die Hand erlahmt über der Maus, wenn ich dauernd den Vorwärtspfeil justieren muss. Also legt man sich auf den Diwan und steuert via Smartphone weiter. Wo es dir gefällt, hältst du an, mitten auf der Strasse. Keiner hupt. Einen Parkplatz sollen andere suchen, doofe Parkuhren füttern. Selber hält man den Verkehr einfach an, schaut ruhig nach links, nach rechts, nimmt noch einen Schluck, ehe man weitergondelt, egal mit wie viel Promille.

Niederried

Wozu umkehren, wenn man die Einfahrt verpasst? Spring drauf!

An zwei Tagen hintereinander machten wir den gleichen Ausflug zum Brienzersee. Am ersten Tag rollte höchstens der Bürostuhl etwas hin und her, weil wir auf Google Streetview reisten. Am anderen Tag frassen wir wirkliche Kilometer, frassen das, was wir uns am Vortag hatten sparen können: die dröge Hinfahrt über die Autobahn.

Googles Männchen aber katapultierte uns sofort an den Ausgangspunkt: Der Klick ist das Ziel. Brav wollten wir in Interlaken die Einfahrt auf die Überführung finden, auch per Maus am PC, und kehrten brav zweimal um. Dann riss bereits die Geduld. Es ist sinnlos, sich normal fortzubewegen, wo man übernatürliche Fähigkeiten bekommt. Also: Wagen stehen lassen, egal wo, Google-Männchen aufgabeln, auf die Überführung setzen, weiterfahren!

Real ist das ausgeschlossen.

Schon im nächsten Dorf zeigte sich der Vorteil erneut, in Ringgenberg. Virtuelle Sprungkraft – am Steuer ein fantastischer Booster! Im Vergleich dazu machte der Raketengöppel K.I.T.T. aus der amerikanischen TV-Serie «Knight Rider» in den Achtzigerjahren bloss Hüpfer. Wie funktionierts?

Man fährt im beschaulichen Ringgenberg etwa die Hauptstrasse entlang und sieht im Fenster der Karte, dass es Parallelstrassen gibt. Eine unten am See, eine oben am Berg. Google zeichnet jeweils mit blauer Farbe an, ob die Kamera auch da vorbeigefahren ist. Wie sieht eigentlich die Seepromenade aus? Man springt kurz hin: Geranien bei der Schifflände, eine Gartenbeiz am Ufer. Von hier weiter direkt zum Hang, zur Hohflühstrasse. Und zurück zur Hauptstrasse, mit Halt bei einer Toi-Toi-Box. Daneben erklärt eine braune Tafel, was es sonst noch Sehenswertes gibt: eine Burg und einen kleinen See im Wald.

Brienz

Wie man mithilfe der künstlichen Welt ihre Fehler entdeckt

Den Namen des Seeli trug Google falsch auf seiner Karte ein. Wir überprüften das, indem wir auf Streetview neben der Ortstafel hielten und im Namensvergleich den Fehler entdeckten (mehr Vertrauen zur traditionellen Beschilderung vorausgesetzt).

Wir entdeckten den Fehler also im Medium selbst, dort, wo wir gerade steckten. Eigentlich sollte das Folgen haben bis in die Wahrnehmungs-Philosophie. Denn mithilfe der künstlichen Welt gelingt es uns, ihre Fehler gegenüber der Wirklichkeit nachzuweisen. Mithin braucht es die Wirklichkeit nicht mehr notwendigerweise zu dieser Korrektur. Sozusagen System-immanent erkennt das Auge offenbar nach wie vor auch Fehler gegen das System.

Als Gaffer unerkannt unter Gaffern, dafür unterwegs begafft

Anderseits profitierten wir am Tag danach vom künstlichen Ausflug. In Ringgenberg kannten wir die Abzweigung auswendig, runter zum See, obschon wir nie in Ringgenberg gewesen waren. In der «Seeburg» folgte ein Imbiss, als wären wir da zu haus. Nur zu Fuss gabs Neues; dahin gelangte die Google-Kamera (noch) nicht. Auch die Information zur Geschichte der Burg Ringgenberg lasen wir – ganz analog – auf den Tafeln an Ort und Stelle. Dafür hatten wir ein reales Parkproblem. Der Blick über den See war vom Friedhof aus besonders schön. In Brienz überzeugte uns jedoch das Panoramabild vom Friedhof auf Google mehr als die reale Anschauung. Schwer zu sagen, weshalb, letztlich rätselhaft.

Mit leisem Erstaunen nahmen wir auf der Strecke eine Baustelle zur Kenntnis. Am Vortag waren hier noch kein Bagger, kein Kran, keine WC-Häuschen zugegen. Mit leisem Groll hielt man am Rotlicht wirklich an. Die Realität, dieses Gefühl begleitete uns dauernd, legt dir Fesseln an; nur Traum und Vorstellungen sind wirklich frei.

Beim ehemaligen «Parkhotel», heute ein Floh- und Trödelmarkt, sowohl auf Streetview wie an der realen Strasse, gabs einen Zwischenfall. Auf der rechten Seite stand ein Ambulanzfahrzeug bereit. Links hockte ein älterer Herr benommen am Strassenrand. Eine Ärztin prüfte gerade die Reflexe des Mannes im Gesicht. Ein paar Gaffer standen herum; ihre Gesichter hatte Google unkenntlich gemacht. Um genauer zu sehen, was vorgefallen sein könnte, hielten auch wir an, sozusagen anonym, als unerkannte Gaffer. Als fast um ein Jahr verspäteter Geist auf dem Unfallplatz. Viel mehr Aufschluss indes gab auch dieser Halt nicht.

Auf der anderen Seeseite passierten wir, kurz nach Iseltwald, dann einen realen Unfall mit Autobus. Ein Passagier lag blutend auf der Strasse. Was war geschehen? Warum war nur dieser eine Passagier, niemand anderer verletzt? In Brienz rückte die Ölwehr aus. Kurze Zeit später klärte uns das iPhone auf, bzw. die Internetseite der «Jungfrau-Zeitung»: Der Bus war in eine «mobile Leitplanke» geprallt.

Was man daraus lernt: Seien es künstliche oder reale Vorkommnisse – selten wird man daraus wirklich klug.

Brienz 2

Alles Unwägbare ist ausgeschlossen – zum Guten?

Im Übrigen spielte real das Wetter mit. Sonst ist das Wetter stets Vabanque, im Gegensatz zu Google Streetview. Bei Regen und grauer Watte wäre die Reise zum unwägbaren Fiasko geworden.

Das wiederum hätte die entspannte Autowanderung am PC zu einem Vergnügen werden lassen, in dessen Verlauf sich jeder vernünftige Mensch jene Frage stellt, die zu stellen er sich womöglich auch ein wenig scheut: Ist es letzten Endes nicht sinnlos, sich auf einer Tour der Tortur der Wirklichkeit auszusetzen?

Reisen auf Streetview sind schön, gratis und bequem. Reale Reisen ermüdend, teuer und stimmungslabil. Fotos kann man auf beiden Wegen machen. Zur Not auch Selfies, dank Photoshop auf Streetview. Wäre denn das Gefühl, an einem Ort wirklich präsent zu sein, zuletzt der einzige Sinn, irgendwohin zu gehen?

Reist man nicht lebhafter im Kopf? Reist mit der ganzen Kraft der Vorstellung, wofür es im Deutschen schliesslich dieses Wort gibt: Vorstellungskraft. Wer braucht wirkliche Anschauung, wenn er merkt, dass seine Vorstellungskraft ihm bessere stärkere Empfindungen einflösst?

Vor allem weniger flüchtige.

Es war zuweilen etwas schizophren, Leute am Strassenrand zu sehen, die einem neugierig nachschauten, teilweise mit offenem Mund begafften. Und zu wissen, dass man bei diesen Leuten nie vorbeigefahren war.

Der Google-Wagen hatte das getan, mit seinem Kameraball oben drauf. Er weckte die Neugier, die uns vermeintlich zuteilwurde.
Gegenwart ist kein Gefühl von Streetview.

Aber wäre es denn eins im wirklichen Dasein? Wie klagte Faust, Jahrhunderte vor dem Internet: «Und Schlag auf Schlag werd’ ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön!» Darum ist das noch ein Paradox: Während ich am gleichen Ort verweile, wenn ich bei Streetview eine Reise antrete, kann ich nach Belieben diese Reise anhalten und den Moment sozusagen einfrieren.

Zwei wesentliche Dinge: Teilnahme und Poesie

Am poetischsten geschah das irgendwo zwischen Ober- und Niederried. Ein Fleck auf der Fahrbahn war so ungewöhnlich wie verwunderlich. Eine virtuelle Fahrt lässt sich stoppen, ein Gegenstand vom Auto aus heranzoomen.

Als sich zeigte, was dieser Fleck war, rief ich im Büro überrascht aus: Ein Herbstblatt hatte sich vom Baum gelöst und fiel zu Boden. Aber kurz, bevor es auf den Boden traf, wurde es vom Google Streetcar fotografiert.

Und darum ist dieses landläufigste aller Symbole für Vergänglichkeit – ein fallendes Blatt im Herbst – hier das Bild für einen ewigen Schwebezustand.

Das musste ich sofort teilen, mitteilen. Zuerst meinem Büronachbarn. Und das war am Ende jener Teil, den man künstlich nicht erlebt: ein Erlebnis mit anderen zu teilen. Streetview war toll, keine Frage. Der reale Ausflug aber war teilbar. Und damit sozial.