Wir treffen Jimmy Wales während des World Economic Forum (WEF) in Davos in einer offenen Lounge des Kongresszentrums. Er ist alleine unterwegs, niemand scheint den Wikipedia-Gründer zu erkennen, alle Aufmerksamkeit konzentriert sich auf den französischen Präsidenten François Hollande, der sich wenige Meter von uns entfernt aufhält. Wales spricht schnell und gestikuliert gerne mit den Händen. Sein Blick ist etwas unstet, fast könnte man meinen, der Amerikaner sei etwas nervös.

Mr. Wales, wir wetten, Sie lieben Davos – immerhin haben Sie hier Ihre jetzige Frau kennen gelernt.

Jimmy Wales: Wette gewonnen! Ich komme jedes Jahr gern nach Davos ans WEF, meine Frau ist auch wieder hier. Sie arbeitet für eine grosse Umweltorganisation, die von den Staatsoberhäuptern Massnahmen gegen den Klimawandel verlangt. Auf dem Davoser Bubenbrunnenplatz haben sie 193 Schneemänner errichtet – einen für jedes Land.

Sie selber peilen auch die ganze Welt an. In wie vielen Ländern soll es Wikipedia eines Tages geben?

Wir haben uns folgendes Wachstumsziel gesetzt: Wir wollen mindestens 250 000 Einträge in jeder Sprache, die von mehr als einer Million Menschen gesprochen wird.

Wie viele Sprachen erfüllen diese Bedingung?

Rund 350. Im Moment gibt es Wikipedia-Einträge in 287 Sprachen. Manchmal haben wir Mühe zu entscheiden, was eine eigene Sprache ist und was nur ein Dialekt. Zudem gibt es gerade in Afrika viele regionale Sprachen, die Menschen verstehen, aber auch die nationale. Wenn wir zum Beispiel Einträge auf Suaheli haben, braucht es dann auch noch alle regionalen Sprachen? Das sind Fragen, die wir uns stellen. Sie sehen: Wir haben noch viel zu tun. 

Vor 14 Jahren haben Sie Wikipedia gegründet. Wie hat sich die Wikipedia-Community in dieser Zeit entwickelt?

Wir haben heute eine sehr grosse und stabile Community. Allerdings wächst sie nicht mehr, in einigen Gegenden schrumpft sie sogar ein bisschen. Das hat damit zu tun, dass der Zugang über die Jahre komplizierter geworden ist. Das müssen wir wieder vereinfachen – auch wenn wir nicht um jeden Preis mehr Leute wollen. Entscheidend ist die Qualität. Ein Problem, das wir haben: Rund 80 Prozent unserer Autoren sind männlich. Wir versuchen seit längerem, das zu ändern – bis jetzt aber leider ohne Erfolg.

Wikipedia-Autoren erhalten kein Geld. Warum machen sie trotzdem mit?

Viele sind getrieben von der Vision, dass jedem auf der Welt die Summe allen Wissens kostenlos zur Verfügung stehen soll. Viele wollen mit ihrem Hobby die Welt verbessern. Dazu kommen die interessanten Gespräche mit anderen schlauen Leuten. Es macht schlicht Spass, dabei zu sein.

Ist die Akzeptanz von Wikipedia gewachsen, zum Beispiel an Schulen und Universitäten?

Eindeutig. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Qualität besser geworden ist – und laufend besser wird. Wikipedia ist heute vertrauenswürdiger als in den Anfangsjahren. Wir glauben aber nicht, dass Wikipedia in wissenschaftlichen Artikeln als Quelle verwendet werden sollte.

Echt? Warum nicht?

Lexikon-Einträge sollten in wissenschaftlichen Artikeln generell nicht als Quelle angegeben werden. Das gilt nicht nur für Wikipedia, sondern auch für den Brockhaus und alle anderen Enzyklopädien. Das ist schlicht nicht das Ziel von wissenschaftlichem Arbeiten. Lexikon-Einträge sind dazu da, um sich ein Basiswissen zu schaffen. In wissenschaftlichen Arbeiten sollte man aber andere, vertiefende Quellen zu Hilfe nehmen.

Wikipedia arbeitet aber vermehrt mit Universitäten und Wissenschaftern zusammen.

In der Wissenschaft wird das Interesse für Wikipedia grösser und grösser. Viele gehen jeden Tag auf Wikipedia, sie sind richtige Fans geworden. Immer besser wird auch die Zusammenarbeit mit Galerien, Bibliotheken und Museen. Heute stellen sie uns Inhalte und Fotos zur Verfügung. Das ist grossartig, denn es steigert unsere Qualität. Früher hatten die Verantwortlichen Angst, dass die Leute nicht mehr ins Museum kommen, wenn auf Wikipedia von allen Gegenständen Fotos verfügbar sind. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Die Leute gehen ins Museum, um sich das Original anzusehen, weil sie vorher über Wikipedia darauf gestossen sind.

Haben Sie eigentlich kein schlechtes Gewissen, dass Sie so viele Enzyklopädie-Verlagshäuser ruinieren?

Nein, nein. Kerzenmacher waren sicher auch nicht begeistert von Thomas Edison (lacht). Das gehört dazu, die Welt entwickelt sich weiter.

Werden wir in ein paar Jahren noch Bücher lesen?

Auf jeden Fall. Die Idee des Buches wird immer funktionieren. Die Frage ist, ob digital oder auf Papier. Aber auch Papier darf man nicht unterschätzen, es ist eine fantastische Technologie: Es braucht keine Batterie, ist relativ günstig. Wenn Sie Ihren Roman im Zug vergessen, ist das nicht so schlimm. Wenn Sie aber Ihr iPad vergessen, ist das weniger lustig.

Glauben Sie auch an eine Zukunft für gedruckte Zeitungen?

Ja klar, auch gedruckte Zeitungen wird es noch lange Zeit geben.

Was macht Sie da so sicher?

Eben, die Vorzüge von Papier. Ich persönlich bin ein grosser Fan von Booten und habe ein Boot-Magazin abonniert. Das Lesevergnügen mit der gedruckten Ausgabe ist viel höher, als wenn ich dasselbe auf meinem Smartphone lese. Die Bilder sind dort verschwindend klein. Ich kann es Ihnen zeigen . . . (Nimmt sein Smartphone hervor und durchsucht Seite um Seite nach der richtigen App.) Hm, wo ist es nur? Sehen Sie, das würde mit einem gedruckten Magazin nicht passieren. (Schliesslich findet er die App doch noch.) Ah, hier. Sehen Sie, die Bilder sind ganz klein. Das macht längst nicht so viel Spass, wie wenn ich das gedruckte Magazin lese.

Digital hat den Vorteil des unbeschränkten Platzes.

Ja, davon profitiert auch Wikipedia. Wir können Themen abdecken, die in einer gedruckten Enzyklopädie keinen Platz hätten. Wir können über jede noch so kleine Sparte der Popkultur einen Artikel verfassen. In einem Buch wäre das nicht möglich, weil man sonst den Artikel über Queen Elizabeth rauswerfen müsste – das würde wohl nicht gut ankommen.

Wie oft werden Sie von Leuten angefragt, die etwas in ihrem Wikipedia-Eintrag ändern wollen?

Das passiert ständig.

Sollen die Leute denn ein Recht darauf haben, ihren Eintrag zu ändern?

Kommt drauf an. Wenn in einem Eintrag ein objektiver Fehler steht, dann ändern wir das natürlich sofort. Wir machen uns auch viele Gedanken darüber, was in eine Biografie gehört und was nicht. Und wir achten darauf, dass die Relationen stimmen. Wir hatten den Fall eines amerikanischen Lokalpolitikers. Seine Karriere war langweilig, keine Skandale, nichts. Dann wurde sein Sohn wegen Fahrens in angetrunkenem Zustand verhaftet. Auf Wikipedia handelte der grösste Teil des Eintrags über diesen Politiker von dieser Verhaftung. Das ist natürlich lächerlich, wir haben das geändert. In diesem Fall muss man sich sogar überlegen, ob der Vorfall überhaupt erwähnenswert ist.

Welche Länder zensurieren Wikipedia?

Wir werden nirgends vollständig geblockt. In China war das mal der Fall und vorübergehend in Syrien. Oft jedoch werden einzelne Einträge geblockt.

Über das Tian’anmen-Massaker findet man in China wahrscheinlich nichts.

Genau, das ist blockiert. Auch über den Künstler und Regierungskritiker Ai Weiwei ist nichts zu lesen.

Akzeptieren Sie diese Zensur?

Wir akzeptieren die Zensur nicht, aber wir können sie nicht verhindern. Allerdings kooperieren wir nie mit den Behörden. Ausserhalb Chinas kann die wahre Geschichte des Tian’anmen-Massakers jederzeit und ohne Probleme auf Chinesisch nachgelesen werden. Und die chinesische Diaspora ist riesig. Es gibt ausserhalb Chinas ungefähr so viele chinesisch sprechende Menschen wie deutsch sprechende.

Verhandeln Sie mit der chinesischen Regierung, um Zensur zu verhindern?

Ich war schon zweimal in Peking, um den zuständigen Minister zu treffen. Einmal besuchte er unser Büro in San Francisco. Ich bin ein starker Verfechter der Pressefreiheit und reise viel herum, um unsere Anliegen zu erklären.

Und, erreichen Sie etwas?

Ich erwarte nicht, dass Wikipedia in näherer Zukunft irgendwo komplett blockiert wird. Das ist doch schon etwas. Übrigens haben wir auch in den USA kürzlich einen grossen Erfolg gefeiert: Wir haben Wikipedia für 24 Stunden unzugänglich gemacht. Das hat dazu geführt, dass der Kongress ein Gesetz sofort fallengelassen hat, das weitreichende Eingriffe in die Verbreitung unserer Inhalte ermöglicht hätte. In Italien haben wir mit einem Wikipedia-Streik ebenfalls ein Zensurgesetz verhindert. Silvio Berlusconi wollte, dass jeder, der sich im Netz schlecht behandelt fühlt, Inhalte zum Verschwinden bringen kann. Die Pläne wurden aufgegeben.

Haben Sie auch schon mit US-Präsident Barack Obama über solche Themen gesprochen?

Ich hatte einmal eine Einladung ins Weisse Haus, aber diese fiel auf meine Vater-Tochter-Woche. Ich fragte, ob ich meine Tochter mitbringen könne. Das war aber nicht möglich. Deshalb ging ich nicht hin. Als geschiedener Vater muss man Prioritäten setzen, die gemeinsamen Momente sind selten.

Sie reisen auf der ganzen Welt umher, um Geld zu sammeln für Wikipedia. Sagen Sie den Leuten da einfach: «Hey, ich habe hier ein tolles Projekt, bitte gib mir ein bisschen Geld.» Oder wie muss man sich das vorstellen?

(Lacht.) Ja, ziemlich genau so läuft es. Wobei der mit Abstand grösste Teil des Geldes von kleinen Spendern kommt, mal 30 Euro, mal 100 Dollar. Unser grösster einzelner Geldgeber ist die Donald-Trump-Stiftung.

Haben Sie auch schon eine Spende abgelehnt?

Nicht, dass ich wüsste. Ich war aber erst vor kurzem in einer kniffligen Lage: Ich erhielt vom Scheich von Dubai einen mit 500 000 Dollar dotierten Wissenschaftsaward. Aufgrund der Menschenrechtslage in Dubai konnte ich mit dem Geld nicht einfach ein Boot kaufen oder sonst was Schönes. Zurückgeben wollte ich es aber auch nicht – wer weiss, wofür das Geld sonst verwendet würde. Also habe ich mit den 500 000 Dollar nun eine Stiftung gegründet, die sich für Belange der freien Meinungsäusserung einsetzt. Ich möchte vor allem Blogger unterstützen, die kritisch über autokratische Regimes schreiben.

Ein weiteres Projekt von Ihnen: eine Firma namens «The People’s Operator» (TPO). Eine Art wohltätiges Telekommunternehmen . . .

. . . 25 Prozent des Gewinns verwenden wir für wohltätige Zwecke. Zusätzlich können unsere Kunden 10 Prozent ihrer Handyrechnung für eine gute Sache spenden.

Dann müssen Sie aber höhere Preise verlangen als Ihre Konkurrenten. Finden Sie da genügend Kunden?

Unsere Preise sind absolut konkurrenzfähig. Die 10 Prozent, die nicht an uns, sondern an Wohltätigkeitsorganisationen gehen, holen wir wieder rein, indem unsere Marketingausgaben deutlich tiefer sind als bei der Konkurrenz. Wir verzichten auf Fernseh- und Plakatwerbung. Stattdessen setzen wir auf Mund-zu-Mund-Propaganda und virales Onlinemarketing in den sozialen Medien.

Was braucht es, damit aus einer Idee eine so grosse Sache werden kann wie Wikipedia?

Das ist eine gute Frage. Ich bin ein Zimmermann und kein Architekt. Vor mir hatten schon viele die Idee einer Gratis-Enzyklopädie. Aber keiner hat es gemacht. Man muss die Dinge anpacken und mutige Entscheide fällen, damit etwas Grosses wie Wikipedia entstehen kann. Und natürlich braucht es auch etwas Glück.

Sie sind aus den USA nach London gezogen. Was ist anders in Europa?

In London ist es ein bisschen kälter als in Florida (schmunzelt). Trotzdem ist London ein grossartiger Ort zum Leben, eine sehr internationale Stadt.

Welche Kulturunterschiede zwischen Amerikanern und Europäern stellen Sie fest?

In den USA ist es akzeptiert, mit einer Geschäftsidee zu scheitern, es gehört quasi dazu. Da hat Europa Nachholbedarf. Es gibt allerdings Regionen, in denen es noch schlimmer ist. In Südkorea zum Beispiel ist Scheitern ein Tabu. Das macht es für junge koreanische Unternehmer sehr schwierig, etwas aufzubauen.

Ist das der Grund dafür, dass alle grossen Internetkonzerne wie Google, Facebook oder Wikipedia in den USA gegründet wurden?

Das ist ein Grund. Ein zweiter liegt im Kapital: Besonders im Silicon-Valley in Kalifornien gibt es sehr viele Investoren, die ihr Geld in Start-ups investieren. Sie sind viel risikofreudiger als in Europa und stehen den Jungunternehmern oft auch beratend zur Seite. Das ist ein optimales Umfeld für Start-ups. Es ist sehr schwierig, dieses ganze Silicon-Valley-Ökosystem zu kopieren – da haben die USA einen grossen Vorteil.

Was kann Europa tun, um für Jungunternehmer ein besseres Umfeld zu schaffen?

Ein wichtiger Punkt sind die Steuern. Es ist wichtig, dass Risikokapital tiefer besteuert wird. Grossbritannien geht diesbezüglich in die richtige Richtung. Dort müssen Jungunternehmen in den ersten zehn Jahren gar keine Steuern bezahlen. Das fördert die Bereitschaft, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Ein weiterer Punkt ist die Immigration: Innerhalb Europas ist der freie Personenverkehr zwar grösstenteils gewährleistet, für Leute aus anderen Weltregionen jedoch ist es oft sehr schwierig in Europa zu arbeiten. Damit gehen viele Talente verloren.