Siri, Cortana oder Alexa heissen die körperlosen Wesen. Als reiner digitaler Geist schweben sie in der Cloud. Verfügbar für alle. Jeder kann sich an sie wenden, seine Frage an sie adressieren.

Als wären sie Götter. Und aus der digitalen Sphäre dringen dann ihre Antworten zu uns Menschen nieder. Computerstimmen stottern monoton: «Nimm heute besser einen Schirm mit, es ist Regen angesagt.» Oder auch: «Du hast heute einen Termin beim Coiffeur um 12 Uhr.»

Yuval Harari

Yuval Harari

Zugegeben, die Antworten sind profan, die Fragen ebenso. Viel muten wir den
digitalen Göttern nicht zu, viel können sie auch nicht. Doch sie befinden sich auch noch im Babystadium, sind noch nicht in vollem Besitz ihrer Kräfte, sind erst eine Offenbarung.

Statt von digitalen Göttern spricht die Tech-Industrie dann auch von persönlichen Assistenten. Gemeint ist eine Software, die über künstliche Intelligenz verfügt und uns in unserem Alltag hilft.

Sie hört auf unsere Sprachkommandos, verschickt die E-Mails, die wir ihr diktieren, und trägt Termine in unserem Kalender ein. Sie agiert aber teils bereits proaktiv, weckt uns an einem Arbeitstag früher, wenn sich der Verkehr auf der Autobahn staut, oder schlägt uns in einem Chat ungefragt mögliche Antworten vor.

Sie flüstern uns ins Ohr

Dereinst sollen persönliche Assistenten zum Hub unseres digitalen Alltags werden. Heute ist unser digitales Leben fein säuberlich auf rechteckige Kacheln verteilt, die sich zu Dutzenden auf unserem Smartphone befinden. Für jedes Bedürfnis wird eine andere App benötigt: eine, um Musik zu hören; eine, um Serien zu streamen; eine, um sich in der analogen Welt zu orientieren (Karten-App) und mindestens ein halbes Dutzend, um mit Mitmenschen zu kommunizieren.

All diese Apps wird es in Zukunft nicht mehr brauchen, da ein persönlicher Assistent alle ihre Funktionen übernimmt: Er spielt uns die Musik, die wir hören wollen, zeigt
uns die Serien, die wir sehen wollen, lotst uns durch die Grossstadt, nimmt uns die Kommunikation mit unseren Mitmenschen ab und versorgt uns in unserem Alltag ständig mit wichtigen Informationen.

Wenn uns heute in einem Gespräch

mit einem Freund etwa der Name des Regisseurs des Science-Fiction-Films «Her» einfach nicht einfallen will, dann kramen heute die meisten von uns noch immer das Smartphone hervor, öffnen den Browser, tippen auf den Touchscreen den Filmtitel – und erfahren, dass der Regisseur Spike Jonze heisst.

In Zukunft wird in einem solchen Fall googeln genauso überflüssig sein, wie heute der Gang in die Bibliothek und der Griff nach dem Filmlexikon. Unser Smartphone wird uns den Namen «Spike Jonze» schon einblenden, noch ehe wir danach fragen – weil es mithört und erkennt, dass nun genau diese Information gefordert wird.

Oder es wird uns den Namen des Regisseurs ins Ohr flüstern. Dazu tragen wir einen kleinen Knopf in unserem Hörorgan, so wie das im Film «Her» der Fall ist. Auf die gleiche Weise können wir auch bei einem Verhandlungsgespräch mit einem Geschäftspartner auf fundierte Hintergrundinformationen unseres Assistenten zurückgreifen.

Möglich wird dies dank künstlichen Intelligenz, kurz KI. Kein Technik-Konzern, der darin nicht die Zukunft der Branche sieht. Google, Facebook, Apple, Microsoft, IBM, Samsung – alle forschen sie mit Hochdruck an noch leistungsstärkerer
KI-Software.

Die KI ist auch mit ein Grund, dass immer mehr Berufe vom digitalen Wandel bedroht sind. Eine viel zitierte Studie aus Oxford kommt zum Schluss, dass 47 Prozent aller Jobs sehr wahrscheinlich innerhalb der nächsten zwei Dekaden der Automatisierung zum Opfer fallen werden.

Dazu gehören auch traditionelle Büroarbeiten wie Sekretärin oder Steuerberater. Bisher noch weniger thematisiert worden, ist der konkrete Wandel im Alltag. Dass eine Software die Arbeit des Steuerberaters besser erledigen kann als ein Mensch, hat nicht nur einen Einfluss auf das Leben der Steuerberater, sondern auf uns alle.

Zuerst einmal heisst das, dass wir uns in Zukunft nicht mehr mit dem Ausfüllen der Steuererklärung abmühen müssen. Das kann nämlich Cortana, Siri oder wie auch immer unser persönlicher Assistent heisst, besser als wir. Und eine Sekretärin zu haben, die Mails beantwortet, Termine vereinbart und weiteren Organisationskram erledigt, wird nicht mehr das Privileg der Chefs sein.

Siri, ich liebe aber Maya!

Das hört sich erst einmal gut an. Wir kümmern uns um die wirklich wichtigen Dinge, nehmen uns den grossen Fragen an, während uns eine Assistentin den Rücken freihält. Doch was ist, wenn diese Assistentin auf einmal auch besser im Treffen der prägenden Entscheidungen ist als ihr Chef?

Stellen wir uns dazu folgende Situation vor: Wir sagen «Siri, schreib bitte Maya eine liebe Nachricht und frag sie, ob sie heute Abend vorbeikommen möchte» und Siri antwortet «das kann ich natürlich tun, ich würde dir aber nicht dazu raten.» Verblüfft halten wir inne, fragen nach: «Warum denn das?» Und Siri antwortet mit ruhiger Stimme: «Du wirst dich mit sehr grosser Wahrscheinlichkeit in Maya verlieben, sie aber kaum in dich, das wird dich unglücklich machen.»

Wir werden rebellieren, sagen dass das doch Quatsch sei. Siri wird dem aber entgegnen, dass sie uns besser kenne als wir uns selber, aufgrund all der Daten, die sie ständig auswerte, und Maya genauso gut kenne wie uns, da sie auch Mayas persönlicher Assistent sei. Ausserdem habe sich Maya längst in Paul verliebt. Aufgrund ihres Psychogramms und insbesondere ihrer Vorliebe für südländische Typen, sei es so gut wie ausgeschlossen, dass sich Maya einmal in jemanden wie uns verlieben werde.

Nach ihrem gestrigen Date mit Paul lägen unsere Chancen bei unter fünf Prozent. «Ich rate dir aber», sagt Siri weiter «dass ich Maria einlade. Ich weiss, du findest sie derzeit nur mässig attraktiv, das wird sich aber heute Abend mit grosser Wahrscheinlichkeit ändern.» Hierfür liege die Wahrscheinlichkeit bei 83 Prozent.

Der israelische Historiker Yuval Harar beschreibt in seinem Buch «Home Deus» ein ähnliches Szenario und folgert daraus: «Die neuen Technologien des 21. Jahrhunderts könnten die humanistische Revolution rückgängig machen, indem sie die Menschen ihrer Macht berauben und stattdessen nicht-menschliche Algorithmen damit betrauen.»

Anders gesagt: Wir könnten unser Leben in den Schoss eines selbst erschaffenen, digitalen Gotts legen, der sich uns annimmt, und zwar so, dass für uns das grösstmögliche Glück resultiert.

Ob es wirklich einmal so weit kommen wird, hängt von zwei Prämissen ab,
die dieser Vorstellung zugrunde liegen: Erstens, dass der Mensch gemäss einem naturalistischen Weltbild bloss ein biologischer Algorithmus ist, dessen Wünsche man dechiffrieren kann, wenn man erst einmal versteht, wie genau er funktioniert.

Und zweitens, dass eine künstliche Intelligenz tatsächlich einmal fähig sein wird, das zu tun. Beides ist alles andere als sicher.

Wann ist es zu spät?

Ziemlich sicher ist jedoch: Wenn wir tatsächlich bloss Biomaschinen sind, die eine KI durchschauen kann, dann wird das auch passieren. Denn dass wir selber eingreifen und den Prozess stoppen, ist nur schwer vorstellbar. So lange uns die Technologie das Leben vereinfacht, und das tut sie, werden wir uns dem Fortschritt hingeben. Dass dabei auch die Autonomie des Menschen nach und nach untergraben wird, werden wir hinnehmen; es wird uns gar nicht so sehr auffallen, denn die Entwicklung verläuft nicht in Sprüngen, sondern kontinuierlich.

Und so könnte sich der Mensch der Zukunft einmal fragen, wann es dann genau passiert ist, dass er seine Selbstbestimmung aufgegeben und sich seinem selbst erschaffenen Gott anvertraut hat: Damals als wir auf seinen Rat gehört haben und Maria an Stelle von Maya eingeladen haben? Oder schon früher, nämlich als wir auf seine Empfehlung hin auf Weizenprodukte verzichtet haben, weil die unserer Psyche nicht gut bekommen? Oder schon damals im Auto, als wir gemäss seinem Vorschlag die Autobahn verlassen haben, um den Stau auf der Hauptstrasse zu umfahren?