Taschen leeren, Beine auseinander, Blick nach vorne. Die Stimmen sind schroff, die Anweisungen klar: Wenn der Metalldetektor piepst, wird man abgetastet; Rucksäcke werden komplett durchsucht. Dass es an einer Informatik-Konferenz eine Eingangskontrolle gibt – und erst noch eine derart rigorose –, ist aussergewöhnlich. Das sei dieses Mal aber zwingend notwendig, erklärt eine Mitarbeiterin des Sicherheitsdiensts, «wir haben ja einen wichtigen Gast».

Damit ist Mark Zuckerberg gemeint, Gründer und CEO von Facebook. Am vergangenen Dienstag eröffnete er die F8-Konferenz, die dieses Jahr im kalifornischen San José durchgeführt wurde. In seiner Präsentation sprach er über die Lage des Unternehmens, über neue Produkte und seine Visionen für die Zukunft. Das war schon vor zehn Jahren so, als die Facebook-Entwicklerkonferenz zum ersten Mal stattfand.

Damals wurde das soziale Netzwerk noch primär von amerikanischen Studenten genutzt, hatte rund 20 Millionen Mitglieder und Zuckerberg kam in Flipflops und in schwarzem Kapuzenpullover auf die Bühne. Dass es ein Jahrzehnt später für denselben Auftritt strenge Sicherheitskontrollen geben würde und sich Entwickler schon Monate im Voraus für einen der 4000 Plätze im Publikum bewerben müssen, das hätte wohl selbst der damals 23-Jährige nicht erwartet. Aber heute ist eben alles anders.

Die Zukunftsvision von Mark Zuckerberg: Mit AR-Brillen sollen sich reale und digitale Welt vermischen.

Die Zukunftsvision von Mark Zuckerberg: Mit AR-Brillen sollen sich reale und digitale Welt vermischen.

Eine Firma wird erwachsen

Zwar tritt Zuckerberg noch immer im legeren Outfit auf – graues T-Shirt, Jeans und Turnschuhe –, ansonsten erinnert aber nicht mehr viel an das kleine Startup von damals: Facebook hat gegenwärtig fast zwei Milliarden Mitglieder, gehört zu den wertvollsten Firmen der Welt und wird die digitale Zukunft entscheidend mitgestalten. Wenn der Chef darüber spricht, an was sein Unternehmen gerade arbeitet, dann hört die ganze Welt zu.

Und die präsentierten Themen zeigen, wie rasant sich Facebook seit der Gründung entwickelt hat: Während Zuckerberg bei der ersten F8 vor zehn Jahren noch über den neuen Newsfeed und die Konkurrenz von Myspace referierte, ging es dieses Mal um hochintelligente Computerbrillen und Gehirnimplantate. Zwar sind diese Ideen futuristisch und ein konkretes Produkt liegt noch in der Ferne, trotzdem sind die Pläne relevant. Facebook hat unterdessen nämlich nicht nur das politische Gewicht, sondern auch die nötigen Ressourcen, um solche Visionen zu realisieren.

Das Unternehmen ist erwachsen geworden. Facebook identifiziert sich schon längst nicht mehr nur als soziales Netzwerk, sondern sieht sich zu weit Grösserem berufen. An der F8 manifestierte sich diese Überzeugung in Form der Drohne Aquila: Das Flugobjekt soll dereinst mobiles Internet in die ganze Welt bringen. Als Zuckerberg dieses Vorhaben 2014 publik machte, belächelten ihn die Experten noch für seine Naivität. Diese Woche hat Facebook die Drohne aber in die F8-Ausstellungshalle in San Jose hängen lassen und damit demonstriert, dass man seine Visionen durchaus ernst nehmen darf. Dass man sie gar ernst nehmen muss.

Mit «Building 8» will Facebook die Augmented Reality ins Alltagsleben einbinden.

Mit «Building 8» will Facebook die Augmented Reality ins Alltagsleben einbinden.

Regina Dugan präsentiert die ambitionierten Ziele von Facebook.

Facebook will uns ans Hirn

Die Vernetzung der Welt steht im Zentrum von allem, was Facebook macht. Es ist die «Mission», von der Zuckerberg jeweils mit so viel Inbrunst und Überzeugung spricht, dass die USA regelmässig darüber spekuliert, ob der Facebook-Gründer wohl bald als Präsident kandidieren könnte. Im Moment stehen für den CEO aber andere Pläne im Vordergrund: Diese Woche hat er nämlich bekannt gegeben, an was das ominöse Facebook-Team «Building 8» seit mehreren Jahren arbeitet: Es handelt sich dabei um eine Schnittstelle zwischen dem menschlichen Gehirn und der digitalen Welt.

Sie soll den Nutzern dereinst ermöglichen, nur mithilfe von Gedankenkraft elektronische Geräte zu steuern. Dafür werden Sensoren von der Grösse einer Erbse ins Gehirn implantiert, wo sie die Hirnaktivitäten messen und interpretieren. An der F8 wurde das Video einer gelähmten Frau gezeigt, die nur mit ihren Gedanken den Zeiger auf einem Computerbildschirm steuert und so mit ihrer Umwelt kommuniziert.

Das ist beeindruckend, aber nicht revolutionär; Forschungsinstitutionen haben ähnliche Erfolge bereits vor mehreren Jahren vermeldet. Und vor kurzem hat auch Elon Musk – der andere grosse Visionär aus dem Silicon Valley – eine Firma mit diesem Ziel gegründet.

Bis anhin hatte sich Facebook vor allem auf Virtual Reality konzentriert. Das soll aber nur der erste Schritt sein.

Bis anhin hatte sich Facebook vor allem auf Virtual Reality konzentriert. Das soll aber nur der erste Schritt sein.

Was aber hellhörig machen dürfte, ist der ambitionierte Zeitplan des Projekts: Momentan lassen sich mit der Technologie rund acht Wörter pro Minute schreiben. In den kommenden zwei Jahren sollen daraus 100 pro Minute werden – mehr als die meisten Leute auf der Computertastatur tippen können.

Unproblematisch ist dieses Vorhaben nicht. Schliesslich handelt es sich bei Facebook um jene Firma, die schon jetzt viel zu viel über uns weiss und alle Daten über seine Nutzer sammelt, welche sich finden lassen. Soll man Zuckerberg und sein Team tatsächlich auch noch in seine Gedanken lassen?

«Da muss man sich gar keine Sorgen machen», erklärte die Leiterin von «Building 8», Regina Dugan. Es gehe nämlich nicht darum, zufällige und private Gedanken von jemandem zu entziffern, «nur was Sie kommunizieren wollen, wird von unseren Sensoren auch erfasst». Ob einem diese Zusicherung beruhigen darf, ist schwer abzuschätzen. Die Nutzungsbestimmungen des Produkts wird man auf jeden Fall sehr genau lesen müssen.

Realität ergänzen, dann ersetzen

Besonders interessant dürfte die neue Gehirn-Steuerung in Kombination mit Augmented Reality (AR) sein, also mit jener Technologie, bei der die reale Welt mit digitalen Objekten ergänzt wird. Paradebeispiele dafür sind heute Pokémon Go und die Maskenfilter, die man von Snapchat kennt. Bisher hatte sich Facebook und die Tochterfirma Oculus vor allem auf die Virtual Reality (VR) konzentriert, bei der man mithilfe einer Videobrille komplett in eine digitale Welt eintaucht.

Diese Demonstration zeigt, dass die Technologie funktioniert.

Diese Demonstration zeigt, dass die Technologie funktioniert.

Das soll sich jetzt ändern. Denn obwohl man diese Woche mit «Facebook Spaces» eine spannende, neue VR-Plattform lanciert hat, bei der Nutzer die virtuelle Realität gemeinsam mit Freunden erleben können, wurde gleichzeitig auch immer wieder betont, dass dies nur der erste Schritt sei. Die Zukunft sei AR, so Zuckerberg, «vor allem dann, wenn wir sie vom Smartphone entkoppeln können».

Zuckerberg will nämlich Brillen – «vielleicht sogar Kontaktlinsen» – entwickeln, mit denen Informationen und Gegenstände direkt ins Sichtfeld eingeblendet werden können. So sollen irgendwann physische Objekte mit digitalen Objekten ersetzt werden; ein Fernseher oder ein Schachbrett muss man auf diese Weise nicht mehr wirklich besitzen, sondern kann sie einfach herunterladen. 

Der Weg in die Geschichtsbücher

Gehirnimplantate, die automatisch feststellen, was wir tun wollen; Kontaktlinsen, welche die dafür notwendigen Informationen direkt einblenden. Das klingt nach purer Fiktion, für Facebook aber ist es ein neuer Markt. Was einst ein soziales Netzwerk war, das vier gelangweilte Studenten in ihrem Schlafzimmer entwickelt hatten, ist heute ein wichtiger Treiber des technologischen Fortschritts.

Zuckerberg hat sich bis vor wenigen Jahren ausschliesslich auf die Weiterentwicklung des Kernprodukts konzentriert, wird jetzt aber immer mehr zum Elon Musk und investiert seine Energie in die grossen Visionen. Seine «Mission», die Welt zu vernetzen, soll ihm dereinst einen Platz in den Geschichtsbüchern sichern. Und um das zu erreichen, muss er nicht mal Präsident werden.

Denn bei Facebook ist er an der Spitze eines Unternehmens, das seine Macht und seine zwei Milliarden Mitglieder optimal zu nutzen weiss, das aber gleichzeitig nicht vergisst, zu diversifizieren. Die F8 hat diese Woche klarer denn je gezeigt, was bei der ersten Konferenz vor zehn Jahren noch niemand erwartet hätte: Facebook will und wird die Welt verändern – sowohl die virtuelle als auch die reale. Und das dürfte schneller gehen, als wir es derzeit erwarten.