Alkohol
Wie gelingt die Weindegustation zu Hause? Unser Kulinarikautor verrät die Tricks

Beim Degustieren gilt es zu studieren: Eine Weindegustation zu Hause braucht Vorbereitung und etwas Disziplin. Eine Wegleitung.

Christian Berzins
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Die Degustationsgruppe soll mit Bedacht und Fingerspitzengefühl zusammengestellt werden.

Die Degustationsgruppe soll mit Bedacht und Fingerspitzengefühl zusammengestellt werden.

Bild: Cristianoalessandro / iStock Editorial

Wer eine Weindegustation bierernst nimmt, ist selber schuld. Meine ehemalige Stammgruppe hatte mal einen Bekannten eingeladen, der offenbar ein Weinkenner war – wie wir alle. Er aber erkannte im Unterschied zu uns jeden der fünf Weine spielend, konnte sie betreffend der Traubensorten scannen und informierte uns auch über die jeweiligen Unterschiede zum Vorjahrgang. Es war nicht langweilig, aber diese Professionalität passte nicht zu unserer Runde.

Will ich mit Freuden oder mit Kennern Wein trinken?

Darum die wichtigste Regel zuerst: Stellen Sie die Gruppe mit Bedacht und Fingerspitzengefühl zusammen. Es gilt zu fragen: Hat man eher eine interessierte Spass-Gruppe? Oder wollen da ein paar Weinkenner genau erfahren, wie die einzelnen Jahrgänge eines Malanser Pinot Noirs sind, folglich den 2009er, den 2011er, den 2013er, 2015er neben den 2018 stellen und dann nach dem Erkenntnisgewinn weise mit dem Kopf nicken?

Das Mittun in zweiter Gruppe kann durchaus spannend sein, in eine bin ich ab und zu eingeladen: Ein Dutzend Weinfreunde sitzt da jeweils in einem Restaurant-Säli an einem grossen Tisch. Jedes Mitglied bringt eine Flasche mit, auf die es naturgemäss stolz ist: Die hohe Qualität – und meist auch der hohe Preis einer Flasche – ist bei diesen Weintrinkern gewährleistet.

Zutaten für eine
Degu für 5 Leute

- 1 grosser Tisch
- 5 Weine (evtl. Alufolie)
- 5 Kugelschreiber
- 5 Teller
- 25 Gläser
- ein Blatt Papier mit fünf von
1 bis 5 gekennzeichneten Kreisen
- Gschwellti oder Brot, Käse,
Trockenfleisch, Wasser

Vorgegeben ist das klare Thema: «Bordeaux», «Pinot Noir» oder «Barolo» kann es heissen. Man bestellt das mehrgängige Menu, und während des Essens wird ein Wein nach dem anderen zum Blindprobieren gereicht und bewertet. Am Schluss gibt es die Auflösung, ein Sieger wird erkoren, die Resultate schriftlich auf Excel-Tabelle per Mail nachgeliefert. Ein solcher Abend ist reizvoll, denn wann erhält der Laie schon mal die Möglichkeit, zwölf Top-Barolos nebeneinander zu testen? Es ist durchaus ein Weg, (s)einen Lieblingswein zu finden.

Welche Weine wollen wir trinken, wollen wir etwas lernen?

Womit wir bei der zweiten Regel oder eher Frage wären: Was wollen wir überhaupt degustieren, was von den Weinen wissen? Wollen wir Weine derselben Traubensorte vergleichen? Verschiedene, vermeintlich bekannte klassische Traubensorten kennen lernen? Regionen miteinander vergleichen? Verschiedene Länder? Oder alte Weine mit jungen vergleichen?

Immer wieder beliebt, da man emotional verbunden ist, ist das Degu-Thema «Lieblingsweine».

Immer wieder beliebt, da man emotional verbunden ist, ist das Degu-Thema «Lieblingsweine».

Bild: Gilaxia / E+

Hier merken wir auch, wie sehr sich die private Degustation von jener in einer Weinhandlung oder bei einem Weinproduzenten unterscheidet. Dort probieren wir möglichst viele Weine, nippen am Glas, spucken aus, machen eine Reise von vielleicht sechs Weissweinen über leichtere bis zu schweren Rotweinen. Schön und gut.

Die private Degustation hat damit nichts zu tun, sie widmet sich intensiv fünf Weinen über 90 Minuten. Es ist die Slow-Food-Degustation, wo es nichts zu verlieren, aber bis weilen viel zu entdecken gilt.
Bei durchschnittlich begabten Weinkennern empfiehlt sich, unterschiedliche Weine im Angebot zu haben, eher Klassiker: Ein Brunello kann durchaus in einer Reihe mit einem Bordeaux, einem Barolo, einem Burgunder und einem Rioja stehen. Ein Master of Wine kann über eine solche Versuchsanordnung nur lachen.

Aber stellen Sie mal dem vermeintlichen «Weinkenner» aus der Nachbarschaft eine so bunte Auswahl in mehr oder weniger gleichen Jahrgängen blind vor die Nase. Sie werden staunen, wie sehr er ins Grübeln gerät. Der Schwierigkeitsgrad lässt sich problemlos erhöhen. Neben den Brunello einen Top-Chianti stellen, neben den Burgunder ein Pinot aus Neuseeland, neben den Bordeaux einen Bolgheri oder einen Top-Merlot aus dem Tessin – und schon hat man als Laie ungeahnte Hürden. Aber Achtung: Wenn seltene Weine, etwa eine sizilianische Fruchtbombe und eine südfranzösische Kunterbuntmischung, in der Runde sind, braucht es Klassiker, die einen klaren Kontrast geben. Ansonsten wird aus dem Weingespräch eine Raterunde voller unlogischer Voten.

Immer wieder beliebt, da man emotional verbunden ist, ist das Degu-Thema «Lieblingsweine»: Die Teilnehmer bringen einen Wein mit, den sie lieben. Einige werden ihr blaues Wunder erleben, wenn sie ihren Blauburgunder nicht erkennen oder in der Blinddegustation gar abschätzig darüber reden.

Beim Zusammenstellen der Weine kann auf die Freunde und Freundinnen vertraut werden – oder aber ein Degu-Gastgeber nimmt die Vorschläge der Teilnehmer entgegen und lenkt dann die Mitbringsel. Drei Bordeauxs an einem Abend machen die Fünfer-Runde langweilig.

Noch einfacher: Der Gastgeber oder die Gastgeberin nimmt das Heft in die Hand, stellt die Weine aus dem eigenen Keller zusammen. So kann er oder sie spannend, witzig, ja trickreich mischen: Einem klassischen, 90 Franken teuren Bordeaux stellt er einen Cru Bourgeois für 21 Franken gegenüber. Auch immer wieder inte­ressant: einen weltweit gefragten Burgunder neben einem lokalen Schweizer Top-Pinot-Noir zu probieren. Das Preisverhältnis ist dann meisten 5:1. Auch ein alter Wein sollte in der Fünferrunde mit dabei sein.

Der Degu-Gastgeber öffnet je nachdem die Weine auch schon einige Stunden vor der Degustation. Das ist nicht möglich, wenn die Gäste spontan eine Flasche mitbringen (aber meistens auch nicht schlimm).

Will man blind oder semi-blind degustieren?

Will man «blind» degustieren, muss sich einer der fünf Tischgenossen und Tischgenossinnen opfern. Er nimmt die Weine der Gäste entgegen und schenkt die fünf Weine in fünf Gläser ein, notiert, was wo drin ist. Theoretisch kann das auch ein Nachbar oder ein zusätzlicher Gast machen. Ideal ist es, wenn die Weine auf einem Papier mit fünf nummerierten Kreisen stehen. Nichts Dümmeres, als wenn der eine Gast vom Bordeaux spricht und ein anderer den Brunello meint. Die Verwechslungsgefahr der Gläser bleibt gross...

Was wird bewertet, über was wird am Tisch geredet?

Sind nun die Gläser 1 bis 5 eingeschenkt, kann eine erste Trinkrunde gestartet werden, ohne dass die Weinflaschen zu sehen sind. Hier gilt es, von aussen nach innen zu kommen: alter Wein – junger Wein? Traubensorte? Land? Volltreffer? Die Gefahr, dass ein unlogisches Blabla entsteht, ist jetzt gross. Einer behauptet: «Das ist ein Franzose!», hat aber kein Argument dafür. Und eben: Was heisst das schon: ein Franzose?

Werden die Weine offen ausgestellt, haben wir eine Richtung, was wir überhaupt riechen können.

Werden die Weine offen ausgestellt, haben wir eine Richtung, was wir überhaupt riechen können.

Bild: bez

Werden die Weine offen ausgestellt, haben wir eine Richtung, was wir überhaupt riechen können: Wir suchen in unseren fünf Weinen zum Beispiel nach Sangiovese-, nach Cabernet- oder nach Merlot-Noten. Keine Angst: Die Fehlerquote wird hoch bleiben.

Wie lange soll getrunken werden, wie bewertet, welche Gläser?

Jeder Teilnehmer braucht einen Kugelschreiber, gilt es doch, zwei Dinge zu notieren: Welcher Wein in welchem Glas ist und die Bewertung. Leider immer wieder ist zu sehen, wie die Teilnehmer ihrem eigenen Wein fünf Punkte geben – und dann entpuppt er sich als der Wein des Gegenübers.
Das Bewerten soll mit öffentlich geäusserten Kommentaren erfolgen. Wer seine «Kenner» und «Kennerinnen» am Tisch kennt, weiss, dass niemand etwas Exaktes weiss. Es darf durchaus geblufft werden.

Nach 20 Minuten ist Bewertungsschluss, die Voten dürfen nun nicht mehr verändert werden. Jetzt lässt sich einer nach dem anderen in die Karten schauen, am Gastgeber oder Schiedsrichter liegt es, die Resultate zusammenzutragen und bekanntzugeben, wer am meisten Weine erkannt und somit gewonnen hat. Besonders spannend ist es, zu sehen, welche Weine wie viele Punkte gemacht haben.

Wenn sich eine Runde nicht gleich allen fünf Weinen stellen will (oder zu wenig Gläser da sind), kann man auch in Etappen vorgehen und jeweils zwei Weine einander gegenüberstellen.

Wenn sich eine Runde nicht gleich allen fünf Weinen stellen will (oder zu wenig Gläser da sind), kann man auch in Etappen vorgehen und jeweils zwei Weine einander gegenüberstellen.

Bild: ho

Wenn sich eine Runde nicht gleich allen fünf Weinen stellen will (oder zu wenig Gläser da sind), kann man auch in Etappen vorgehen und jeweils zwei Weine einander gegenüberstellen. Das vereinfacht das Prozedere, auch die Weine des Mundschenks sind dann schnell bereit. Die Weine können zum Einschenken mit Alufolie abgedeckt und so anonymisiert werden. Falls es unterschiedliche Gläser gibt, sollte man sie nicht mischen, besser einer hat alle «schlechten», einer alle «guten».

Was soll zu den Weinen gegessen werden?

Wer Wein trinkt, muss etwas essen: Eine kalte Platte mit Käse und Wurstwaren, dazu Gschwellti, ist zu empfehlen. Aufgepasst, dass die Speisen die Gaumen nicht durcheinanderbringen.
Nicht unwichtig: Eine Degustation soll ein definiertes Ende haben, sonst geht es bald drunter und drüber. Überzieht man bewusst, sollte man die Weine, die «danach» getrunken werden, vorher schon bereitstellen. Ansonsten holt der Gastgeber in angeheiterter Stimmung aus dem hintersten Kellerabteil die Reserven: Die Hymnen sind laut, aber keiner merkt mehr, was probiert wird. Das wäre sehr schade, werden da doch schöne Weine für die nächste Degu verbrannt.