Testfahrt

Freihändig durch Zürich: So fährt es sich im selbstfahrenden Auto

Swisscom präsentierte am Dienstag das erste selbstfahrende Auto in der Schweiz. Die «Nordwestschweiz» war mit dabei: Wie es sich anfühlt, wenn der Fahrer die Hände vom Steuer nimmt.

Eingequetscht sitze ich nun da: auf dem Rücksitz des selbstfahrenden Autos. Ganz alleine bin ich nicht, zwei Journalisten sind neben mir. Auch Fahrer und Beifahrer sind da, sie werden aber wenig zu tun haben. Dennoch fühle ich mich ausgeliefert. Ich frage mich, ob ich dem Volkswagen Passat – besser gesagt – der Technik vertrauen kann? Den Sensoren, mit denen das Auto ausgerüstet ist? Den Kameras, die an der Innenseite der Windschutzscheibe angebracht sind? Und dem rotierend, futuristisch aussehenden Ungetüm, das auf dem Dach des VWs montiert ist?

Das «Ungetüm», wie Tinosch Ganjineh, Chef des deutschen Innovationslabors Autonomos, erklärt, ist ein Laser-Scanner. Dieser verfügt über 64 Laserstrahlen, die Autos, Passanten sowie andere Verkehrsteilnehmer erkennen, besser: erkennen sollen. Denn noch gelingt es mir nicht, den Datenströmen zu vertrauen, die der Laser-Scanner und die anderen technischen Einrichtungen produzieren.

Der Puls steigt beim Einbiegen

Tinosch Ganjineh hat das selbstfahrende Auto mitentwickelt. Heute ist er aber nicht nur Wissenschafter, sondern auch unser Sicherheitsfahrer. Er beobachte den Verkehr und könne, falls nötig, jederzeit die Kontrolle wieder übernehmen, sagt er. Seine Worte beruhigen mich etwas. Weniger angespannt, aber neugierig warte ich auf das, was kommt. Vom Vorplatz des Betriebsgebäudes der Swisscom in Zürich Herdern gehts los. Rund zehn Minuten wird die Fahrt dauern. Wir sind startklar! Noch hat Ganjineh die «Macht»: über die Software, über den Computer, über das Auto. Ich bin leicht enttäuscht. «Nur bis wir in die Hauptstrasse einbiegen», sagt er.

Doch dann biegt das Auto ein. Mein Puls steigt. Nein! Sagt meine innere Stimme. Nicht die Hände vom Steuer nehmen! Ganjineh nimmt die Hände vom Steuer. Das Auto fährt auf der rechten Fahrbahn. Von links passieren uns andere Autos, auf dem Radstreifen fährt ein Radfahrer. Obwohl ich eingequetscht bin, Körperwärme von links und rechts abbekomme, läuft es mir kalt den Rücken runter. Wir fahren freihändig durch Zürich!

Während ich mich daran gewöhnen muss, dass der «Sicherheitsfahrer» die Hände in die Höhe streckt, fährt uns der Computer sicher durch Zürich. Das Steuer dreht sich wie von Geisterhand. Welche Impulse das Auto verarbeiten muss, zeigt der Laptop auf dem Schoss des Co-Piloten. Daniel Göhring, Teammitglied von Autonomos, kontrolliert den Status von Gaspedal, Bremse und Lenkung.

Hände weg vom Steuer: Swisscom testet selbstfahrendes Auto

Hände weg vom Steuer: Swisscom testet selbstfahrendes Auto

Auto fährt im Zeitlupentempo

Aus der Vogelperspektive sind auf dem Bildschirm die Umrisse unseres Autos zu sehen, ebenso die nähere Umgebung. Graue Linien, rote, gelbe und grüne Punkte. Ich fixiere den Bildschirm und versuche, die Aussenwelt zu abstrahieren. «Die Gelben sind die anderen Verkehrsteilnehmer», sagt Göhring und zeigt auf ein Häufchen Punkte, die sich entlang der virtuellen Strasse bewegen. Befinden sich hingegen Hindernisse vor dem Auto, so seien diese rot.

Rot ist auch die Ampel, auf die wir zusteuern. Der VW bremst ab, er nähert sich langsam dem vorderen Fahrzeug. Weit mehr als drei Meter dahinter halten wir an. Ich atme auf. Kurze Zeit später schaltet das Lichtsignal auf Grün, wir nehmen die Fahrt wieder auf – fast im Zeitlupentempo. «Das Auto ist defensiv programmiert», erklärt Tinosch Ganjineh zum Fahrstil. Jedoch, sagt der Wissenschafter, könne man den Computer auch so programmieren, dass es sportlich fährt. Die Autofreaks wird es freuen. Ich bin aber froh, dass es gemütlich durch die Strassen geht.

Selbstständig setzt das Auto den Blinker, wir fahren auf den Vorplatz. Der Chef des Innovationslabors schaltet den Motor aus. Kann ich dem selbstfahrenden Auto vertrauen? Ich weiss es nicht. Auf alle Fälle hat mich das Auto in seinen Bann gezogen.

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