Drahtloses Internet sei selbstverständlich, behaupten wir. Und schleppen trotzdem ständig Kabel mit uns für die Geräte, mit denen wir im Internet surfen. Denn während die Datenübertragung durch die Luft längst normal ist, beziehen wir die Energie für das Handy und den Laptop noch immer aus der Steckdose.

Zwar ginge es anders: Das neue iPhone zum Beispiel kann zum Aufladen des Akkus schlicht auf den Fuss einer bestimmten Leuchte von Ikea gelegt werden, auf die Ablage zwischen den Vordersitzen eines modern ausgestatteten Mercedes oder auf den Tisch in einer McDonald’s-Filiale in London.

Und das klappt nicht nur mit dem Mobiltelefon. Im Juli brachte Dell den ersten Laptop auf den Markt, der sich kabellos laden lässt. Auch zum Laden von Elektrofahrzeugen wird das Prinzip genutzt. Und vergangenen Juni präsentierte das Texas Heart Institute den Prototyp eines Herzschrittmachers, der keine Batterie mehr hat, sondern die Energie drahtlos bezieht.

Die Zahnbürste kanns schon

Das Geheimnis der kabellosen Energieübertragung heisst Induktion. Dabei erzeugt eine Spule in der Ladestation ein elektromagnetisches Feld, das von einer Spule im zu ladenden Gerät aufgenommen wird. Das ist vom Prinzip her alles andere als neu, Nikola Tesla hatte schon vor über hundert Jahren Experimente dazu durchgeführt. In unseren Alltag eingezogen ist die kabellose Energieübertragung mit elektrischen Zahnbürsten, die nach Gebrauch in ihre Ladestation gestellt werden, ohne dass der Akku in direkten Kontakt zur Stromquelle kommt.

Im Prinzip funktioniert das auch über grössere Entfernungen. Ein Team des Massachussetts Institute of Technology (MIT) brachte schon vor zehn Jahren eine 60-Watt-Glühbirne durch eine zwei Meter entfernte Stromquelle zum Leuchten. Und vor drei Jahren präsentierten Wissenschafter des Korea Advanced Institute of Science and Technology (Kaist) ein System, das simultan vierzig Smartphones über fünf Meter Distanz aufladen kann.

Aus technischer Sicht ist es also realistisch, dass der Kabelsalat in den Handtaschen tatsächlich bald Geschichte ist und sich unser Smartphone auflädt, während es irgendwo auf dem Schreibtisch liegt. Allerdings dürften Fragen zu den gesundheitlichen Auswirkungen die breite Einführung der Technologie verzögern. Die aktuellen kabellosen Ladestationen für elektronische Kleingeräte sind aus gesundheitlicher Sicht unbedenklich, heisst es in einem Bericht des Bundesamts für Energie vom Oktober.

Doch um grössere Distanzen zu überwinden, müssten die Ladestationen stärker strahlen. Und dass elektromagnetische Strahlung hitzige Diskussionen auslösen kann, ist aus dem Umfeld von Mobilfunkantennen bekannt.

Technologie kann Leben retten

Geht es also bei der kabellosen Energieübertragung nur um ein bisschen Bequemlichkeit beim Nutzen von elektronischen Gadgets, und dies auf Kosten der Gesundheit? Nein, tatsächlich soll sich die Technologie auch in der Medizin nützlich machen. Implantate wie Herzschrittmacher können drahtlos mit Energie versorgt werden, und dies hat zwei gewichtige Vorteile: Erstens entfallen die Operationen zum Ersetzen der Batterien. Zweitens können mit dem Verzicht auf Batterien die Implantate viel kleiner gebaut werden.

Sogar künstliche Herzen können kabellos von ausserhalb des Körpers, etwa durch einen Batteriegürtel, mit Strom versorgt werden. Bereits sind in den USA derartige Herzen verpflanzt worden. Im Gegensatz zu herkömmlichen Kunstherzen werden keine Kabel mehr aus der Bauchdecke geführt. Damit verschwindet die bislang häufigste Komplikation bei Kunstherzpatienten: die Infektion der Körperöffnung für die Kabel. Letztlich kann die drahtlose Technologie also Leben retten.

Während in der Medizin einzelne Patienten profitieren, soll in einem anderen Bereich die Gesellschaft als Ganzes einen Nutzen haben: Die kabellose Energieübertragung könnte Elektrofahrzeugen den Schub zum Durchbruch geben.

Denn die vielleicht grösste Schwäche von Tesla und Co. ist die lange Ladezeit der Batterien. Während der Benziner rasch an der Raststätte aufgetankt werden kann, muss das Elektroauto alle paar hundert Kilometer für Stunden an die Steckdose gehängt werden. Das könnte in Zukunft anders aussehen.

Das kabellose Laden funktioniert auch hier bereits. Besitzer von Elektroautos können in der heimischen Garage eine Station installieren, welche die Batterien des parkierten Autos ohne Kabel laden. Bereits gibt es Pläne, derartige Ladestationen auch auf öffentlichen Parkplätzen anzubieten. So könnte sich das E-Auto aufladen, während der Besitzer die Einkäufe erledigt.

Gut eignet sich das System vor allem für Fahrzeuge, die immer an denselben Orten anhalten. Sprich: Busse. Da wäre zum Beispiel derjenige, der seit fünf Jahren auf dem Campus des Korea Advanced Institute of Science and Technology (Kaist) verkehrt. In der südkoreanischen Stadt Gumi verkehren bereits vier Busse, die jeweils an den Endstationen kabellos geladen werden. Technisch funktioniere das problemlos, sagt Jinwoo Nam vom Zentrum für drahtlose Energieübertragungstechnologie des Kaist. Einzige Schwierigkeit seien die hohen Kosten, da es noch keine Massenproduktion gebe.

Züge bereits drahtlos unterwegs

Technisch einen Schritt weiter gehen die Touristenzüge, welche die Besucher durch den Seoul Grand Park chauffieren. Sie werden nicht nur an Haltestellen aufgeladen, sondern auch unterwegs während der Fahrt auf bestimmten Teilstrecken.

Daran sind europäische Länder interessiert, welche die Elektrifizierung des Individualverkehrs anstreben. Highways England, Betreiber der Autobahnen in England, kam nach einer Machbarkeitsstudie zwar zum Schluss, dass «der Markt für die kabellose Energieübertragung auf strategischen Strassen noch nicht reif ist», wie es in der Antwort auf eine Anfrage der «Schweiz am Wochenende» heisst.

Doch in einem europäischen Forschungsprogramm namens Fabric wird das Thema weiter verfolgt. Die Vision: eigene Fahrspuren für das Aufladen von Elektrofahrzeugen. Damit soll das Elektroauto konkurrenzfähig gegenüber Verbrennungsmotoren werden. Auf der Website des Projekts sind Tests für Italien und Frankreich angekündigt.