Zukunft

Leben in der Technosphäre: Wir können nicht zurück zur Natur - aber wohin vorwärts?

In den Bio Domes des Eden Project in Cornwall wächst ein künstlicher tropischer Regenwald.

In den Bio Domes des Eden Project in Cornwall wächst ein künstlicher tropischer Regenwald.

Sie hat den Menschen aus der Natur katapultiert. Deshalb muss die Technik auf Naturverträglichkeit geprüft werden

Eine der schönsten und intuitiv überzeugendsten Ideen ist die Vorstellung des Gleichgewichts. Nachdem das Gezappel und Gerumpel endlich aufgehört hat, stellt sich Idylle ein: Die Welt ist zur Ruhe gekommen. Die Natur wäre – so stellt man sich das gern vor, – genau in diesem Zustand, wenn wir ihr nicht dauernd ins Walten hineinpfuschen würden.

Leider ist das falsch. In der Natur herrscht nicht Harmonie, sondern oft Chaos. Und leider stammt der Beweis dafür aus ihrem innersten Kern: Die sogenannte «logistische Gleichung» beschreibt, wie eine Population wächst. Die Mathematik ist nicht so schwierig, aber wir ersparen sie uns trotzdem. Wir müssen nur einsehen, dass die Grösse der nächsten Generation jeweils vollständig durch die vorhergehende determiniert ist. Oder mit anderen Worten: Dass bereits die Grösse von Generation Null die Grösse ihrer Nachfolger bestimmt. Und trotzdem stellt sich manchmal wildes Schwanken ein – Wachstum und Schrumpfen und sogar Aussterben.

Das muss man im Auge behalten, wenn man sich darüber aufregt, dass besserwisserische Bedenkenträger die Klimaprotestgeneration niedermachen oder wenn man selber ein Bedenkenträger ist und die Klimaprotestgeneration naiv, deshalb gefährlich oder noch schlimmer findet. Dem Klimawandel versuchen wir mit dem Ausstieg aus der Fossil-Wirtschaft zu begegnen. Damit retten wir nicht die Welt, aber wir versuchen so, ein gravierendes Problem etwas zu entschärfen. Die Welt wird nicht untergehen.

Die Rückkehr der Gleichgewichte

Denn das grosse Problem haben wir damit keineswegs gelöst. Auch wenn wir jetzt unsere CO2-Emissionen herunterfahren, auf null oder fast. Der Klimawandel war, das hat uns die Biodiversitätskonferenz drastisch vor Augen geführt, nur ein Symptom von mehreren. Wir sind nicht umweltverträglich. Oder wir wirtschaften nicht nachhaltig. Wir verhalten uns extraktiv. Wir leben über den Verhältnissen.

Das Reden über «Verhältnisse» macht deutlich, dass es trotzdem um Gleichgewichte geht. Nicht um das grosse, das Gleichgewicht der ewigen Ruhe. Sondern um all die kleinen, die erst das Überleben ermöglich. Überleben heisst, mit seiner speziellen Umwelt im Gleichgewicht zu sein. Wir reden jetzt von Evolution und Selektion. Es ist nicht die Natur, die selektioniert. Das ist übelster Vulgärdarwinismus, dass «die Natur» nur die Stärksten (oder meinetwegen: die Fittesten) will. Es geht anders: Evolution findet statt in ökologischen Nischen. In Teilsystemen, in denen sich eine Spezies (zum Beispiel: der Mensch) mit seiner Umwelt einigermassen im Gleichgewicht befindet. Fuchs und Hase sind manchmal in derselben ökologischen Nische. Dort gibt es eben kein stabiles Gleichgewicht, sondern manchmal zu viel Füchse, dann wieder zu viel Hasen. Aber Jäger-Beute-Systeme pendeln sich ein.

Und deshalb ist eben der Mensch kein gutes Beispiel. Weil er sich nie in eine Nische einsperren liess. Er kann wählen und gehen oder seine Umwelt neu gestalten. Es gibt Anzeichen, dass das der Homo sapiens besonders gut kann; dass Neandertaler und andere Vorfahren doch noch «bodenständiger» waren und im Verhalten nicht so sprunghaft wie wir. Sie hatten zwar auch Kultur, waren also nicht biologisch instinktmässig festgelegt, aber dort war wenig Wandel. Sie arbeiteten 100'000 Jahre mit den gleichen Werkzeugen, jagten mit den gleichen Waffen und bestatteten – hin und wieder – ihre Toten auf die gleiche Weise.

Innovation heisst Technik

Anders der moderne Mensch. Er war schon immer innovativ und neugierig bis zur Tollkühnheit. Nur der Homo sapiens wagte sich hinaus aufs Meer und erreichte Australien oder die Pazifik-Inseln. Und warum konnte er das? Warum war er so erfolgreich? Wie konnte er sich über die Selektionsmechnismen hinwegsetzen? Die Antwort auf alle Fragen ist gleich: durch Technik. Kleider, Geräte, Waffen, Unterkünfte, aber auch Züchtungen und Domestizierungen, Techniken zur Nahrungskonservierung und -veredlung.

Die Selektionsmechanismen der biologischen Evolution verfingen beim Homo sapiens nicht (mehr). Man spricht deshalb oft auch von «vertikaler Evolution». Evolution hat kein Ziel, sie schafft ein Ergebnis. Wir sind nicht die «Krone der Schöpfung» und schon gar nicht das «Ziel der Evolution». Sondern einfach ein Ergebnis. Und zwar eines, das auf die Kontroll- und Regelmechanismen der Natur verzichtet und seine Existenz oder sein Überleben in die eigene Hand genommen hat. Oder seiner Vernunft anvertraut hat.

Nach vorn zum Ausgang

Deshalb können wir auch nicht zurück. Wir können nicht zurück in die Natur. Es gibt dort kein Gleichgewicht für uns. Nicht einmal der Verzicht auf Technik würde uns helfen. Wir machen uns nur anfälliger und verwundbarer. Wir müssen weiter machen. Nicht wie bisher, das ist klar. Sondern weiser, bedächtiger, rücksichtsvoller. Wir müssen eine Schein-Allianz mit der Natur eingehen. Technik war ursprünglich gedacht, die Natur zu beherrschen, dann das Leben angenehmer zu machen (so wird sie immer noch gedacht) – jetzt muss sie das Überleben ermöglichen. Wenn die Natur «unser Haus» ist (offenbar ist das so), müssen wir es umbauen; nicht, bis es unseren Zwecken entspricht, sondern bis es das menschliche Leben und Wirtschaften auf Dauer erträgt.

Konkret heisst das: Technik ja, aber nicht jede. Wir müssen das technische Wissen auf Ökologie trimmen. Gleichgewichte suchen, nicht darauf warten, bis sie sich einstellen, die Natur nicht Natur sein lassen, sondern gestalten. Der Selbstbedienungsladen von «Cheap Nature» ist zu. Überhaupt: Natur zur Ware erklären, wird nicht helfen. Die Technik sagt ja oder nein, sie vergibt keinen Preis.

Technik und Natur werden sich annähern. Aus der Biosphäre wird eine Technosphäre werden müssen. Das schaffen wir, wenn wir unser Wissen und unsere Möglichkeiten der Technikbewertung ausbauen. Welche Technik in welcher Ausgestaltung passt rein und welche nicht? Ja, richtig, systemisch aufgeklärtes Wissen muss die Richtschnur liefern und nicht ein profitgetriebener Markt. Das ist nicht durchgeknallter Wahnsinn, sondern ein Gebot der Vernunft. Das wird individuelle Verhaltensänderungen unsererseits absetzen, die weitreichender sein müssen als einfach mehr mit dem Velo als mit dem Auto zu fahren.

Meistgesehen

Artboard 1