Knochenjäger
Liegen hier Miguel de Cervantes’ Knochen?

Forscher sind überzeugt, die letzten Überreste des «Don Quijote»-Autors gefunden zu haben. Ein Beweis gestaltet sich aber schwieriger als geglaubt.

Manuel Meyer, Madrid
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Die Knochen, welche die Forscher gefunden haben, sind schlechter erhalten als erhofft. Ob sie wirklich von Cervantes (kleines Bild) stammen?

Die Knochen, welche die Forscher gefunden haben, sind schlechter erhalten als erhofft. Ob sie wirklich von Cervantes (kleines Bild) stammen?

Keystone

Vor knapp einem Jahr machte sich ein Team aus Archäologen, Gerichtsmedizinern und Historikern im Madrider Kloster der barfüssigen Trinitarierinnen auf die Suche nach den sterblichen Überresten des spanischen Schriftstellers Miguel de Cervantes (1547–1616).

Der Autor des weltberühmten Ritterromans «Don Quijote» ist in Spanien eine Art Nationalheiliger. Doch niemand wusste bisher, ob Cervantes wirklich seine letzte Ruhestätte in besagtem Kloster fand. Nun soll das Rätsel gelüftet sein.

«Wir sind überzeugt, dass sich unter den Fragmenten, die wir gefunden haben, auch einige von Cervantes befinden», verkündete der spanische Forensiker und Anthropologe Francisco Etxeberria diese Woche.

Man habe die Reste von Cervantes in der Krypta in einer 1,35 Meter tiefen Grabnische aus dem Jahr 1730 gefunden. Sie seien aber mit den Überresten von sechs weiteren Männern, fünf Frauen und sechs Kindern aus dem 17. Jahrhundert vermischt, liess der Anthropologe verlauten.

Krummer Rücken, kaputte Hand

Nach sicheren Forschungsergebnissen und einer wissenschaftlichen Erfolgsmeldung, wie sie teilweise am nächsten Tag in spanischen Zeitungen zu lesen war, klingt das nicht. Was lässt die Forscher glauben, wirklich die Überreste von Miguel de Cervantes gefunden zu haben?

Cervantes wurde in dem kurz vor seinem Tod gegründeten Kloster der barfüssigen Trinitarierinnen bestattet, das danach im 17. und 18. Jahrhundert mehrfach umgebaut und erweitert wurde.

«Anhand der Klosterbücher und der Dokumente, welche die Historiker unseres interdisziplinären Forschungsteams gefunden haben, wissen wir aber, dass Cervantes’ Überreste niemals das Kloster verlassen haben», erklärt die spanische Archäologin und Sprecherin des Forschungsteams Almudena García Rubio im Gespräch mit der «Nordwestschweiz».

Alle menschlichen Überreste wurden zudem von der alten in die neue Kirche gebracht, also auch die von Cervantes. Doch damit ist das Rätsel um die letzte Ruhestätte von Cervantes natürlich nicht gelüftet. «Wir können nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, Cervantes’ Überreste gefunden zu haben. Aber die Wahrscheinlichkeit ist sehr gross.»

Das Problem: «Die Knochenreste, die wir gefunden haben, sind vermischt und in einem sehr schlechten Zustand. Ausserdem haben wir keine Möglichkeit, einen DNA-Vergleich mit Nachkommen von Cervantes zu machen, der Aufschluss geben könnte, welche Knochen ihm zugeordnet werden können», sagt Rubio.

Heute leben nur noch Nachkommen von Cervantes’ Bruder Rodrigo, bei denen nach zwölf Generationen kaum noch genetische Rückschlüsse auf Cervantes gewährleistet seien.

Das Forscherteam wusste zwar, dass Cervantes’ Knochenreste wohl mit denen anderer Personen vermischt sein konnten. «Doch wir erhofften uns, die Reste in einem besseren Zustand zu finden und an konkreten physischen Merkmalen, die wir vom Autor kannten, ausfindig zu machen», erklärt der spanische Geophysiker Luis Avial der «Nordwestschweiz».

«Aus Cervantes’ Briefen und Büchern wissen wir, dass er einen krummen Rücken hatte und wahrscheinlich eine Arthrose sowie eine Adlernase», so Avial, der bereits vor vier Jahren zusammen mit dem Historiker Fernando Prado das Suchprojekt nach den Überresten des weltberühmten Literaten ins Leben gerufen hat.

Ein weiteres Indiz, welches die Forensiker und Anthropologen Hinweise auf die konkreten Knochenreste des Dichters hätten geben können, wäre die linke Hand gewesen.

Cervantes wurde als 22-Jähriger bei der Seeschlacht von Lepanto gegen die Türken 1571 so stark an der linken Hand verletzt, dass er sie nicht mehr benutzen konnte.

Deshalb wurde er sogar der «Einarmige von Lepanto» genannt. «Aber die gefundenen Knochen sind so zerfallen, dass Hinweise auf solche Art von Verletzungen nicht mehr vorhanden sind», erklärt Avial.

Bei Ronaldo wärs nicht passiert

Wie soll es nun weitergehen? Endet hier die Suche nach dem Grab des wohl berühmtesten spanischen Schriftstellers aller Zeiten? Eine letzte Möglichkeit, Cervantes’ Überreste in dem Knochenhaufen zu identifizieren, sei ein DNA-Vergleich mit den Resten seiner kleineren Schwester, Sor Luisa de Belén Cervantes, meint Luis Avial.

Die Reste der Ordensnonnen liegen aber in einem Knochengrab im Karmeliter-Kloster in Alcalá de Henares und dürften wohl kaum zu finden sein in dem Massengrab, befürchtet Archäologin Almudena García Rubio.

Die Bürgermeisterin von Madrid, Anna Botella, scheint das nicht zu stören. Sie spielt derzeit mit dem Gedanken, einfach die gefundenen Knochenreste, unter denen sich die von Cervantes befinden sollen, erneut feierlich im Kloster zu bestatten und zu einer Art Pilgerstätte für Kultur- und Literaturfans aus aller Welt zu machen.

«Wir wissen, dass Cervantes hier liegt, auch wenn wir nicht genau wissen, welche Knochen genau ihm zuzuordnen sind», meinte Botella.

«Es ist schade, dass Cervantes’ Überreste überhaupt in Vergessenheit gerieten», ärgert sich Luis Avial. «Würde es sich um die Reste eines berühmten Fussballers wie Cristiano Ronaldo handeln, wäre das nicht passiert. Aber das ist Spanien.»