In diesen Tagen ist viel von sozialer Segregation in Städten die Rede. Steigende Mieten verstärken die soziale Ungleichheit in urbanen Räumen, die Stadtbevölkerung ist immer weniger sozial durchmischt, Arm und Reich wohnen immer seltener Tür an Tür, belegen Studien. Doch das ist kein neues Phänomen. Siedlungen waren schon immer sozial segregiert. Schon in den sumerischen Stadtstaaten gab es Villen und abgesonderte Priestertrakte, wo das gemeine Volk keinen Zutritt hatte. Eine Art Gated Community avant la lettre. Doch die Ursprünge räumlicher Segregation reichen in Europa weiter zurück als bislang vermutet.

Schweizer Archäologen sind bei Ausgrabungen unter dem Zürcher Sechseläutenplatz auf jungsteinzeitliche Siedlungen gestossen, die auf eine soziale Ausdifferenzierung hindeuten. Nachdem 2010 beim Bau des Parkhauses Opéra vor dem Zürcher Opernhaus die Überreste der barocken Schanzenanlage sowie von jung- und spätneolithischen Siedlungsphasen zum Vorschein kamen, wurde im Auftrag der Stadt Zürich eine Rettungsgrabung durchgeführt. Über insgesamt neun Monate legte ein Team von Archäologen unter der Leitung von Niels Bleicher auf einer Fläche von 3000 Quadratmetern die Reste steinzeitlicher Pfahlbauten frei und förderte dabei tonnenweise Artefakte wie Keramikgefässe, Schmuck und Steinwerkzeuge zutage. Die Schichten, die bei den Grabungen freigelegt wurden, reichen zurück bis ins späte 4. Jahrtausend v. Chr.

Hauptgasse oder Hinterhaus?

Unter den Funden war auch ein aus Schwefelkies, Zunder sowie einem geschäfteten Silexschlägel bestehendes Feuerzeug. Die Wissenschafter kartierten das Gelände und erstellten mithilfe von Computertechnik eine dreidimensionale Rekonstruktion der Siedlungsstruktur. Dabei stellten die Forscher fest, dass das Siedlungsgebiet in bestimmte Quartiere unterteilt war, die entweder durch Distanzen oder Einfriedungen voneinander getrennt waren. Es gab Häuser, die direkt an der zentralen Gasse des Quartiers standen, und andere, die in zweiter Reihe errichtet wurden. Aus dieser räumlichen Struktur schlossen die Forscher, dass es schon vor gut 5000 Jahren so etwas wie soziale Differenz und Segregation gegeben haben muss. Für diese Hypothese sprechen auch Funde von Lochäxten, die als Statussymbol dienten, und besondere Keramikstile.

«In den meisten Städten gibt es Quartiere, wo sich verschiedene Bevölkerungsgruppen voneinander separieren», erklärt Archäologe Bleicher. Nicht alle sozialen Separierungen verlaufen jedoch entlang von Arm-Reich-Grenzen. Man denke an Belfast, wo die Trennung traditionell entlang der Konfessionsgrenzen zwischen katholischen und protestantischen Stadtteilen verlief und zum Teil noch heute verläuft. Archäologisch wäre dies deutlich sichtbar, weil sich Kruzifixe nur in einem der beiden Stadtteile finden würden, nicht aber im anderen oder zumindest viel seltener, so Bleicher. «Könnte man nun einen Blick in die Mülleimer verschiedener Stadtteile werfen, würde man soziale Unterschiede auf verschiedenen Ebenen sehen», erklärt der Forscher. Wohlstand wäre sicher eine davon. Genau diese Situation sei an der prähistorischen Fundstelle von Zürich-Parkhaus Opéra für ein Dorf der Jahre 3176–3153 v. Chr. gegeben: «Wir konnten die Standorte der Häuser identifizieren und deren jeweilige Abfallhaufen untersuchen, da sie konserviert waren», resümiert Bleicher.

Die jungsteinzeitliche Gesellschaft war womöglich komplexer als gedacht. Bislang ging die Forschung davon aus, dass es sich bei prähistorischen Dörfern meist um statische Gebilde mit einer homogenen Sozialstruktur handelte, die um die Familie als wirtschaftlichem Zentrum organisiert war. Die Gesellschaft der Jungsteinzeit hat man sich egalitär vorgestellt. Es gab zwar einen Anführer, doch innerhalb der Gruppe seien die Mitglieder materiell und politisch gleichgestellt gewesen.

Wohin man gehört

«Es war eine lange gehegte Illusion, dass es in den steinzeitlichen Pfahlbauten keine soziale Ungleichheit gegeben habe», erklärt Bleicher. Diese Vorstellung erweise sich aber mehr denn je als falsch. «Mit den Ergebnissen aus dem Parkhaus Opéra sehen wir nun, dass es schon damals grosse Unterschiede gab respektive das Bedürfnis, sich voneinander abzugrenzen», konstatiert Bleicher. «Interessanterweise haben sich die Bewohner eines dieser Quartiere von ihren Nachbarn mithilfe einer kleinen Palisade abgesondert, die mitten durch das Dorf verlief – das ist recht demonstrativ.» Manche Häuser in zweiter Reihe fallen durch erhöhte Werte von Wildtierknochen in ihrem Abfall auf. Detailstudien anhand des Fundmaterials stünden aber noch aus.

Fakt ist, dass es auch Unterschiede in den Tätigkeiten und der Rohmaterialversorgung zwischen den Quartieren gab. «Insgesamt sehen wir nun klarer, dass es für die Bewohnerinnen und Bewohner wichtig war, zu welchem Quartier sie innerhalb der Gemeinschaft gehörten und wo sie innerhalb des Quartiers wohnten», so Bleicher.

Die Tatsache, dass die Siedlungen schätzungsweise alle acht bis fünfzehn Jahre verlassen wurden, zeugt überdies von einer Dynamik jungsteinzeitlicher Gesellschaften und stellt auch den Begriff der Dorfgemeinschaft infrage. Dass Statussymbole nicht nur entsprechend individueller Leistung getragen wurden, sondern den Mitgliedern sozialer Gruppen wie Quartieren zugeordnet waren, deute darauf hin, dass die Menschen dieser Zeit bereits vererbbare Stellungen kannten, konstatiert Archäologe Bleicher. Es sei aber noch nicht klar, worauf sich die Unterschiede innerhalb der Quartiere bezogen, insbesondere wenn es nicht arm oder reich war.