Wetter

Tornados, Erdrutsche, Sturzfluten: die wichtigsten Fakten zum Wetterchaos

Kurz, aber heftig: Diese Aufnahmen sind mitten im Wirbelsturm entstanden.

Kurz, aber heftig: Diese Aufnahmen sind mitten im Wirbelsturm entstanden.

Im Süden Überschwemmungen, im Norden Tornados – das Wetter in Europa spielt verrückt. Was steckt dahinter und wann wird es wieder besser? Die wichtigsten Fragen zu den aktuellen Wetterkapriolen.

Strassen werden zu Sturzbächen. Keller zu Hallenbädern. Äcker zu Seen. Gestern zogen heftige Gewitter über die ganze Schweiz, legten vorübergehend den Verkehr lahm und forderten Polizei und Feuerwehr.

Aus Deutschland erreichen uns Bilder, die wir bisher vor allem aus Amerika kennen. Wolken, die sich wie ein riesiger Staubsaugerschlauch am Himmel bilden, übers Land ziehen, Bäume aus dem Boden reissen und Autos umwerfen. Tornados verwüsten innert weniger Minuten ganze Landstreifen. Am Dienstagabend zog ein Tornado über den Nordosten Hamburgs, brachte orkanartige Böen, bis zu drei Zentimeter grosse Hagelkörner und hinterliess abgedeckte Häuser und zerstörte Gärten. 1000 Feuerwehrleute standen im Einsatz. Sie verhängten über Teile der Stadt den Ausnahmezustand. Verletzt wurde zum Glück niemand.

1. Was ist da eigentlich los am Himmel?

Seit Anfang vergangener Woche dreht ein Tief über Mitteleuropa im Schneckentempo seine Kreise. Es ist zwischen zwei Hochdruckgebieten eingeklemmt. Meteorologen sprechen von der sogenannten TM-Wetterlage (für «Tief Mitteleuropa»). Über Island liegt derzeit ein sehr kräftiges Hoch. Da die Luftdruckunterschiede über dem Kontinent sehr gering sind, weht kaum Wind, und das Tief bleibt praktisch stehen. Vor allem der eigentlich konstant wehende Höhenwind ist deutlich abgeflaut. Zudem ziehen die Wolken seit einigen Tagen aus östlichen Richtungen über Mitteleuropa und nicht wie sonst eher aus dem Westen.

2. Warum hat es die Schweiz im Vergleich zu Deutschland weniger stark getroffen?

Das liegt ebenfalls an der flachen Luftdruckverteilung über Mitteleuropa und dem fehlenden Wind. Denn dadurch, dass sich die Wolken nur sehr langsam fortbewegen, wüten Unwetter nahezu an Ort und Stelle. Die Folge: Die Wolken entladen sich auf engstem Raum, und in sehr kurzer Zeit prasseln Regenmengen eines ganzen Monats auf eine sehr kleine Fläche. «Es hätte genauso gut die Schweiz treffen können», sagt der Meteorologe Marco Stoll von Meteo Schweiz.

3. Wäre ein Tornado wie in Hamburg also auch in der Schweiz möglich?

Das Wetterphänomen lässt sich ab und zu auch in der Schweiz beobachten. Erst Ende Mai ist über dem Neuenburgersee eine Windhose entstanden. Rein physikalisch unterscheiden sich Windhose und Tornado nicht. Heute sprechen Meteorologen grundsätzlich von Tornados, weil der Ausdruck Windhose verniedlichend ist.

In der Schweiz entstehen jedes Jahr fünf bis zehn Tornados. Sie sind zwar seltener und schwächer als in Amerika, aber auch über die Schweiz sind schon verheerende Tornados hinweggezogen. Das Vallée de Joux im Jura traf es gleich zweimal. Am 26. August 1971 wütete dort ein Tornado der Stärke 4 auf der Fujita-Skala. Am Ende des 19. Jahrhunderts pflügte mutmasslich ein F5 mit Windspitzen von über 420 km/h durch das Hochtal. «Die Tornadoforschung spielte in der Schweiz allerdings stets eine untergeordnete Rolle», sagt Marco Stoll. Tornados träten bei uns eben zu kleinräumig und selten auf. Aber immerhin würden die wenigen in neuerer Zeit rasch und zuverlässig beobachtet und gemeldet.

Massive Überschwemmungen im Bezirk Lenzburg

Massive Überschwemmungen im Bezirk Lenzburg

Besonders hart traf es die Gemeinden Hendschiken, Othmarsingen und Wildegg. Betroffene berichten.

4. Tornados verbindet man mit Amerika. Müssen wir uns auch hier an die US-Wetterphänomene gewöhnen?

Medien schrieben, dass die Ähnlichkeit der klimatischen Verhältnisse der beiden Länder noch nie so deutlich gewesen sei. Der deutsche Tornadoexperte Thomas Sävert von Meteomedia widerspricht: Dass in Europa mehr Windhosen oder Tornados gesehen werden, sei in Zeiten von Handykameras ein reiner Beobachtungseffekt und habe mit dem Klimawandel nichts zu tun. Ob Tornados in einer wärmeren Welt häufiger auftreten, wisse kein Mensch. Das sagt auch Marco Stoll: «Es wäre falsch, wegen des Tornados in Hamburg solche Schlüsse zu ziehen.»

5. Die Unwetter kamen oft überraschend. Warum sind genaue Vorhersagen so schwierig?

Das liegt an der Unberechenbarkeit und in der Natur solch hoch labiler Wetterlagen. Meteorologen erkennen Wärmegewitter erst eine halbe bis zwei Stunden vorher – also im sogenannten Nowcast. Sie schauen dabei hauptsächlich auf gut aufgelöste Niederschlagsradar-Daten, die Wetterdienstanbieter heute kostenlos zur Verfügung stellen.

Einen Tag vorher abzuschätzen, wo Wärmegewitter entstehen, ist fast unmöglich. Es lassen sich allenfalls die Regionen eingrenzen, wo das Unwetter potenziell auftreten könnte. Meteorologen können also einige Tage vorher grosse Gebiete vorwarnen. Wo das einzelne Gewitter am nächsten Tag wirklich ist, wissen sie aber erst, wenn es entstanden ist. Eine Vorwarnung ist deshalb nie eine Garantie dafür, dass das Unwetter kommt, sondern zeigt lediglich die Wahrscheinlichkeit für ein aufziehendes Gewitter an.

Überschwemmte Strassen in Dottikon.

Überschwemmte Strassen in Dottikon.

6. Wann wird das Wetter endlich besser?

Heute ist noch Geduld gefragt. Erst im Laufe des Nachmittags wird es langsam besser. Für Freitag sieht die Prognose gut aus. Es bleibt trocken und wird richtig sommerlich mit Temperaturen bis 25 Grad, sagt Heinz Maurer von Meteo Schweiz. Aber die Sonne zeigt sich nur kurz: «Schon am Samstag wird es wieder schlecht», sagt der Meteorologe. Und schlecht bleibt es. Bis Mitte nächste Woche ist das Wetter unbeständig – und leider ist keine Besserung in Sicht. Vielleicht wird es sogar noch kälter, weil die Schafskälte tiefe Temperaturen bringt.

Fluten in Hendschiken.

Fluten in Hendschiken.

Meistgesehen

Artboard 1