Streit um Bewilligung

Zürcher Hochschulen kritisieren, dass Tierschützer gegen ihre Affenversuche protestieren dürfen

So könnte der Protest in Zürich aussehen: Tierschützer protestieren in Affenkostümen. Hier bei der Übergabe einer Petition in Bern im Jahr 2008. Peter Klaunzer/key

So könnte der Protest in Zürich aussehen: Tierschützer protestieren in Affenkostümen. Hier bei der Übergabe einer Petition in Bern im Jahr 2008. Peter Klaunzer/key

Universität und ETH Zürich kritisieren, dass die Polizei am Tag der Wissenschaften Proteste gegen Affenversuche bewilligt hat. Mehr Toleranz für die Aktivisten kommt von unerwarteter Seite.

Die Universität Zürich und die ETH wollen sich am Wochenende von ihrer besten Seite präsentieren. Die Hochschulen laden die Bevölkerung von Freitag bis Sonntag zu den Wissenschaftstagen Scientifica ein. Einige Höhepunkte aus dem Programm: Globi führt mit Kindern Physik-Experimente durch. Junge Forscher messen sich im Science-Slam. Ein Professor referiert zum Thema «Was mein Handy über meine Gesundheit weiss».

Die Schweizer Liga gegen Tierversuche LSCV steuert einen weiteren Programmpunkt bei, wenn auch unaufgefordert. Am Samstagnachmittag organisiert sie eine Demonstration gegen Laborversuche mit lebenden Affen an der Uni und der ETH. Die Polizei hat die Aktion bewilligt. Nach einem Protestmarsch dürfen sich die Aktivisten vor den Haupteingängen von ETH und Uni je eine Viertelstunde lang versammeln, Reden halten und Parolen rufen.

Der Zürcher Sicherheitsdirektor Richard Wolff (Alternative Liste) hat das Demonstrationsgesuch genehmigt, ohne ETH und Uni um eine Stellungnahme anzufragen. Als die Hochschulen von der Bewilligung erfuhren, intervenierten sie beim Stadtrat. Erfolglos.

Melanie Nyfeler, Sprecherin der Universität Zürich, sagt auf Anfrage, ETH und Uni würden die Meinungs- und Demonstrationsfreiheit anerkennen. Aber: «Die beiden Hochschulen haben Bedenken, dass die Demonstration und die Scientifica zur gleichen Zeit am gleichen Ort stattfinden, obwohl sie nichts miteinander zu tun haben.» Es würden viele Familien mit Kindern erwartet. Diese sollen sich «unbeschwert» mit Wissenschaft beschäftigen können. Die Veranstalter treffen Vorkehrungen: Private Sicherheitsdienste sollen dafür sorgen, dass die Veranstaltungen der Uni und der ETH nicht gestört werden.

Die Tierschützer wären bereit gewesen, den Protest an einem anderen Datum durchzuführen. Bei der Terminwahl hätten sie nicht einmal gewusst, dass dann die Wissenschaftstage stattfinden, beteuern sie. Am Alternativtermin wäre der Demonstrationszug jedoch einer anderen Veranstaltung in der Stadt in die Quere gekommen. Deshalb wählte die Polizei das Datum von diesem Wochenende und verursachte somit die Kollision der beiden Anlässe. Die Veranstalter hätten schon mehrere Demonstrationen durchgeführt, bei denen es zu keinen Problemen gekommen sei, heisst es beim Sicherheitsdepartement. Die Polizei werde stets präsent sein und falls nötig konsequent einschreiten.

Tierschutzverein pro Demonstranten

Das Affentheater in Zürich zeigt: Die Tierschützer sorgen für Verunsicherung. Dies liegt auch an der Unübersichtlichkeit der Szene. Sie ist zersplittert und reicht vom Tierschutzverein, der eine Schildkrötenauffangstation betreibt, bis zu radikalen Aktivisten. Die Schildkrötenpfleger werden am Samstag nicht zu sehen sein. Der Dachverband der Tierschutzvereine STS stellt sich auf Anfrage allerdings «ganz klar hinter die Forderungen der Demonstranten». Selber gehe man aber eher nicht mit Plakaten auf die Strasse.

Die Tierversuchs-Gegner des LSCV sind radikal. Vizepräsident Benjamin Frei mag nicht zwischen Mensch und Tier unterscheiden: «Menschen sind Säugetiere. Wir fordern für alle Tiere die gleichen Rechte.» Zerstritten hat sich der LSCV mit dem ebenfalls radikalen Verein gegen Tierfabriken (VgT). Die Organisationen bekämpfen sich bis vor Gericht. Kürzlich wurde Frei in erster Instanz verurteilt, weil er auf Facebook einen Beitrag mit einem «Like» unterstützte, der den VgT-Präsidenten Erwin Kessler mit «brauner Scheisse» in Verbindung gebracht hatte. Dabei ist es gar nicht so lange her, da sah man Mitglieder der beiden Organisationen auf den gleichen Demonstrationen. In den letzten Jahren wurde der VgT zunehmend isoliert.

Nächster Protest in Basel geplant

Zum Verhängnis wurde Erwin Kessler seine Kritik am Schächten, die er mit dem Fingerspitzengefühl eines Boxers vorbringt. Dass Kessler früher einmal Mitglied bei der Nationalen Aktion war, dient seinen Kritikern als Beweis für eine rechte Gesinnung. Heute sei er ausserhalb des Tierschutzes nicht mehr politisch aktiv, sagt Kessler auf Anfrage. Er führt die Anfeindungen durch Organisationen wie den LSCV auf den wachsenden Einfluss von linksradikalen Tierschützern zurück.

Tatsächlich sind in den letzten Jahren Gruppierungen entstanden, welche ihre Kritik an Massentierhaltung mit einer Kritik am Kapitalismus verbinden und sich auch antirassistisch betätigen. An Demonstrationen schwenken sie grüne Flaggen mit der Aufschrift «Antispeziesistische Aktion», die sich an den Fahnen der Antifaschistischen Aktion anlehnen. Sie setzen sich dafür ein, dass nicht mehr zwischen den Spezies Mensch und Tier unterschieden und Letztere diskriminiert werde.

Egal wie die Wissenschaftstage am Samstag verlaufen, die Tierrechtler planen bereits den nächsten Protest. Am 18. November wollen sie in Basel gegen die Fachmesse für Fleischwirtschaft und Lebensmittelproduktion demonstrieren. Die Veranstalter erfuhren erst durch die Anfrage dieser Zeitung von den Plänen. Im Unterschied zu ETH und Uni bleiben sie gelassen. «Wir gehen davon aus, dass die Demo friedlich verläuft. Die Meinungsäusserungsfreiheit respektieren wir selbstverständlich», heisst es beim Fleisch-Fachverband.

Die ETH wurde in der Vergangenheit dafür gerügt, Grundrechte auf ihrem Campus einzuschränken. Sie hatte eine Flugblatt-Aktion des VgT nur vor dem Haupteingang bewilligt, nicht aber zusätzlich vor einem weiteren Eingang. Im Oktober 2016 hiess das Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde des VgT gut. Die Hochschule habe die Meinungs- und Versammlungsfreiheit verletzt.

Meistgesehen

Artboard 1