Was ist ein moderner Vater? So genau wusste ich es vor der Geburt meiner Tochter nicht, und wahrscheinlich weiss ich es auch heute noch nicht. Viele meiner Vorstellungen rund um dieses ungeborene Geschöpf waren diffus. Manchmal sah ich mich vor dem geistigen Auge den Kinderwagen durch den Basler Zoo schieben.

Ich stellte mir vor, wie ich mein Kind ins Bett bringe, wie ich ihm Geschichten vorlese, es anziehe, wie wir spielen. Dabei war ich stets ruhig und sicher, meiner Tochter tief verbunden. Ich nahm mir vor, da zu sein, wenn sie das erste Mal lächelt. Zeit, dachte ich, sei der nötige Luxus, um die Beziehung zu ihr von Beginn weg zu festigen. Früh fasste ich den Entschluss, zwei Monate unbezahlten Vaterschaftsurlaub zu nehmen.

Kein Druck

Schon während der Schwangerschaft wollte ich ein gleichgestellter Teil unserer werdenden Familie sein. Das war nicht einfach. Früher war da meine Frau, wissenschaftliche Mitarbeiterin, ausgehfreudig, Migränepatientin, manchmal schlecht drauf. Dann war sie: schwanger.

Plötzlich stand alles in Beziehung zu diesem Umstand, alles war damit erklärbar. Ich sah, wie sie auf Käse, Wein und Sport verzichten musste, und wie ihr alle – mich eingeschlossen – dabei auf die Finger schauten. Sie hatte Erwartungen zu erfüllen, und das möglichst gerne.

Ich hingegen war frei von Druck und stand damit seltsam neben dieser Entwicklung. Irgendwann, dachte ich, müsste sich die Last der Verantwortung auch auf meine Schultern legen. Doch nichts geschah. Freunde prosteten mir zu, während meine Frau ein stilles Wasser trank. Eltern werden ist Frauensache. Im biologischsten Moment des Menschen haben die zivilisatorischen Errungenschaften wenig verloren. Selbst moderne Menschen finden sich auf einmal in sehr archaischen Rollenvorstellungen wieder.

Die Frauen werden in Kursen auf das Gebären vorbereitet. Den Männern wird geraten, ihre letzten freien Tage zu geniessen. Nehmen Sie einmal einen Ratgeber zum Vaterwerden in die Hand – wenn Sie denn einen finden. Sie sind lächerlich unbeholfen: Der Weg vom Mann zum Vater führt über seine schrittweise Entwöhnung von bierseligen Fussballabenden, so die Botschaft. Frauen gehen auf eine zuweilen fast mystisch verklärte Reise zur Mutterschaft; Männer sind dabei bestenfalls die Gepäckträger.

Zu Hause sprachen wir oft über unsere Ungleichheit. Wir wechselten zu einer Gynäkologin, die auch meine Fragen ernst nahm. Wir besuchten einen esoterischen Geburtsvorbereitungskurs, denn da durfte ich immer mit – längst nicht Standard. Jeder kleine Schritt, auf dem ich meine Frau begleitete, wurde beklatscht. Ich will nicht lügen: Ich sonnte mich im Lob, zwei Monate auf Arbeit zu verzichten, während meine Frau auf aufgequollenen Füssen und mit Rückenschmerzen daneben stand und immer wieder betonte: Ja, sie sei sehr dankbar dafür.

Das liegt wohl daran, dass nur sehr wenige Männer von sich aus einen längeren Vaterschaftsurlaub anstreben, wie unlängst die «NZZ» vorrechnete. Was das Blatt geflissentlich ignorierte: Längst nicht alle Familien können es sich leisten, gerade mit Aussicht auf höhere Ausgaben, auf einen oder sogar mehrere Monatslöhne zu verzichten.

Kommt hinzu, dass manche Väter in ihren Betrieben auf wenig Verständnis für eine längere Auszeit stossen. Längst nicht alle KMU können es sich leisten, einen oder sogar mehrere Monate auf einen Mitarbeiter zu verzichten. Das führt dazu, dass sich die Länder rundum und die internationalen Firmen in der Schweiz gegenseitig punkto Familienfreundlichkeit überbieten, das Bundesrecht aber noch immer keinen gesetzlichen Anspruch auf einen Vaterschaftsurlaub kennt.

Plötzlich Panik

Spätestens mit der Geburt, hoffte ich, würde das Ungleichgewicht beseitigt. Doch auch das stimmt nicht ganz: Als Bohne geboren war, blieb meine Frau im Spital, ich schlief zu Hause. So bekam ich in den ersten Nächten nicht direkt mit, wenn das Stillen nicht klappte, wenn Bohne unruhig war und meiner Frau die Brustwarzen wund sog.

Zum Vater wurde ich in der ersten Nacht zu Hause. Ich hatte grosse Angst, dass es Bohne zu warm war. Bange mass ich die Raumtemperatur, fühlte wieder und wieder ihren Nacken und tastete nach Schweiss. Mein Kind war nicht mehr im Bauch und auch nicht mehr rundum versorgt vom Spitalpersonal. Es half nichts, mich hilfesuchend an meine Frau zu wenden: Sie wusste nicht mehr als ich. Dieses kleine Leben lag plötzlich auch in meinen Händen. Endlich. Was für eine glückselige Panik.

Ab jetzt bestimmte Bohne den Rhythmus, und das zehrte an den Nerven. Dabei ging ich ausgeschlafen in meine erste Woche als Vater, war nicht ermattet von einer Geburt, geschweige mehrmonatigen Strapazen davor. Schnell verlor ich meine Vorstellung von einem angeborenen Mutterinstinkt, der in dieser Phase der Unsicherheit das Handeln leiten soll.

Das Gegenteil ist der Fall: Eltern wissen gar nichts. Elternschaft führt nur über das Lernen, beim Mann wie bei der Frau. Ich hatte viel aufzuholen, denn meine Elternschaft begann erst jetzt und meine Frau liess das zu, glücklicherweise.

Wir teilten uns die Arbeit in Input und Output: Sie stillte, ich wickelte. So hatten beide ausreichend Schlaf. Es fiel mir nicht schwer, aufzustehen, um Bohne frische Windeln anzuziehen. Ein schreiendes Kind lässt sich geduldiger besänftigen, ein vollgeschissener Wickeltisch um vier Uhr nachts einfacher putzen ohne den Druck, am nächsten Tag eine Zeitungsseite zu füllen.

Wir hatten Glück: Bohne ist bis heute ein zufriedenes Kind, das kaum schreit, und die Nächte sind ruhig. Mühsam hingegen war das Stillen. Milchstau, Brustentzündung, Abszess: Statt in den Zolli fuhren wir zeitweise fast täglich zu Untersuchungen.

Im Unterschied zu Schwangerschaftsbeschwerden bekam ich das nun viel direkter mit: Wir fühlten uns gemeinsam ohnmächtig, weil auch ich im Wartezimmer sitzen konnte, weil die Ärzte, Hebammen und Stillberaterinnen auch mit mir sprachen und bald Salben, bald Globuli vorschlugen.

Ich spürte den Druck, der auf Stillenden lastet. Das Umfeld, die Hebamme, ja die WHO stimmen unisono in das Mantra ein; Stillen ist das Beste für das Kind. Und welche Eltern würden nicht mindestens das Beste wollen? Von den damit verbundenen Mühseligkeiten hatte ich keine Ahnung. Die Bewunderung für meine Frau, nach der Geburt für kaum steigerbar gehalten, stieg ins Unermessliche.

Fragile Balance

Inzwischen sind die ersten Wochen verstrichen. Ich glaube nicht, dass ich eine tiefere Bindung zu meiner Tochter habe als andere Väter. Vielleicht bin ich ein bisschen sicherer, was den Umgang mit Bohne angeht. Aber der eigentliche Punkt ist ein anderer: Mein Vaterschaftsurlaub hat geholfen, die Last besser zu verteilen.

Heute fühle ich mich nicht gleichberechtigt, sondern gleichverpflichtet. Das erste Lachen zu erleben, war wunderschön. Aber es wäre genau gleich schön gewesen, hätte ich es erst nach dem Feierabend gesehen. Der Vaterschaftsurlaub hat nicht die guten Momente besser gemacht, sondern half, die schwierigeren zu meistern. Ich spüre, dass ich den Rückstand als Elternteil ziemlich gut aufholen konnte.

Meine Frau und ich machen uns keine Illusionen: Es ist eine fragile Balance, die es zu halten gilt. Nun arbeite ich wieder, meine Frau noch nicht. Wenn Bohne nachts schreit, liegt die Frage an meine Frau «Könntest du nicht…?» viel näher als in den ersten beiden Monaten. Es ist anstrengend, nach einem langen Tag im Büro die Leichtigkeit aufzubringen, mit einem Kind zu spielen. Schnell geht dabei vergessen, dass vielleicht auch meine Frau einen harten Tag hatte. Und bald wird das Gefüge von Neuem auf den Kopf gestellt, wenn meine Frau wieder arbeitet.

So ganz erschüttern wird unsere Gleichberechtigung indes nichts so schnell. Zu solide ist das Fundament, das wir in den ersten beiden Monaten als Eltern gelegt haben.