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Psychotherapie per Mausklick: Online-Angebote könnten grosse Zukunft haben

Ob über App, am Computer, mit Therapeutin oder allein: Angebote für die Seele im Netz starten durch. Wann sind sie erfolgreich? Und was muss man beachten?

Anna Miller
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Angebote im Netz helfen vor allem denen, die flexibel bleiben wollen.

Angebote im Netz helfen vor allem denen, die flexibel bleiben wollen.

Unsplash/Steinar Engeland

Sechzig Jahre lang war die Welt eine Bedrohung, die Angst ständige Begleiterin. Doch Frau Ludwig, wie wir sie hier nennen, um ihre Identität zu schützen, merkte das gar nicht. Sie dachte: Soweit alles okay, ich bin einfach ein wenig introvertiert. Die lange Zeit im Spital, als Kind und Jugendliche, hatten Frau Ludwig zugesetzt, das ja. Aber bis zu diesem Moment 2017, als sie mit dem Online-Programm der Universität Bern begann, war ihr das Ausmass ihres Leidens nicht bewusst. Sie hatte sich für eine Studie der Universität angemeldet, in der es darum ging, mit übermässiger Selbstkritik besser umzugehen.

Acht bis zehn Wochen würde die Selbsthilfe dauern, in der Patienten alleine ein Übungsprogramm durchlaufen. Dabei kamen viele Achtsamkeitsübungen zum Tragen, Hilfestellungen, ihre Einstellung zu sich selbst und ihrem Leben zu verändern. Fünf Jahre ist das nun her. Seither hat sich nicht nur das Leben von Frau Ludwig verändert, sondern auch der Bereich des digitalen Therapie-Angebots.

Denn: Corona hat viele Bereiche unseres Lebens noch stärker digitalisiert. Darunter auch unsere psychische Gesundheit: Soziale Kontakte per Skype oder Zoom, Selbsthilfe-Programme, die wir selbstständig online bearbeiten können, Apps, die bei Depressionen helfen sollen - die Möglichkeiten werden immer breiter.

Nicht nur suchen immer mehr Menschen im Internet nach psychologischer Hilfe in angeleiteter oder unangeleiteter Form, sondern immer mehr Fachpersonen öffnen sich auch für solche Wege: Laut einer Umfrage des Schweizer Therapeutennetzwerks Sanasearch haben 61 Prozent der Schweizer Therapeutinnen und Therapeuten während der Pandemie Online-Therapie angeboten. Und 74 Prozent gehen davon aus, dass diese Form der Therapie zukünftig an Relevanz gewinnen wird.

Hilfreich, wenn Therapieplätze oder Zeit fehlen

Vor allem aber sind Therapien, bei denen der Patient grösstenteils eigenständig arbeitet, im Kommen - weil sie einige Vorteile bieten. So benötigt die Therapeutin viel weniger Zeit pro Patient - und kann bei langen Wartelisten so mehr Menschen erreichen. Die Therapie ist zeit- und ortsunabhängig, ist unter Umständen niederschwelliger, weil kostengünstiger. Und: Der Beziehungsaufbau zum Therapeuten, der für manche Menschen schwierig ist, fällt weg.

Digitale Therapie-Angebote sind deshalb vor allem dann von grossem Nutzen, wenn Personen digitalaffin sind, Hemmungen haben, sich in ein Behandlungszimmer zu setzen, die finanziellen Möglichkeiten fehlen oder ein Therapieplatz aufgrund von Nachtschicht oder Kinderbetreuung nicht realistisch ist. Tobias Krieger von der Universität Bern, der selbst zum Thema der digitalen Behandlungsmöglichkeiten forscht, sagt: «Es zeigen sich bei verschiedenen Formen von internet-basierten Interventionen positive Effekte. Auch dann, wenn herkömmliche Psychotherapie mit der parallelen Nutzung von Apps oder Programmen kombiniert wird.»

Doppelt so viel Übungszeit wie bei konventioneller Therapie

Diese Kombinationstherapien können in bestimmten Fällen sogar wirksamer sein als herkömmliche Therapie allein, weil die Patientinnen dadurch fast doppelt so viel Zeit mit den psychologischen Anleitungen verbringen, sie regelmässig zu Rate ziehen und vertiefen können. Gerade in Zeiten von Therapieplatz-Knappheit und sozialen Ängsten eine interessante Alternative. «Viele fragen sich, ob es klug sei, wenn ein Mensch, der unter sozialer Angst leidet, sich noch zusätzlich hinter dem Bildschirm versteckt», sagt Krieger.

Psychologe Tobias Krieger von der Universität Bern.

Psychologe Tobias Krieger von der Universität Bern.

zVg

Doch genau bei diesen Menschen können internetbasierte Programme helfen, denn die Programme enthalten viele Übungen, die Betroffene dazu ermutigen, sich ihren Ängsten in der realen Welt zu stellen und diese zu erkunden. Auch können solche Programme Menschen, die gegenüber Psychotherapie skeptisch sind, eine Hilfestellung bieten, um die Arbeit an sich selbst niederschwellig kennen zu lernen - und sich dann gegebenenfalls für eine konventionelle Therapie zu entscheiden, wenn sie merken, dass sie mehr Unterstützung benötigen.

Internet-basierte Programme oder Apps sind aber nicht alle wissenschaftlich geprüft und es gilt, Programme von seriösen Anbietern von frei zugänglichen Programmen zu unterscheiden, denn die meisten internet-basierten Interventionen sind in akuten Krisen nicht geeignet. Viele Unternehmen haben den Markt der digitalen Gesundheit für sich entdeckt - und schlagen Profit aus der Unsicherheit vieler Menschen, die sich mit dem Thema nicht auskennen. Apps aus Amerika machen wachsenden Umsatz mit Coaching-Tools, die von Fachkreisen nicht oder noch nicht anerkannt sind.

Ungenügender Datenschutz, keine Übernahme der Kosten

Auch ist bei vielen Apps der Datenschutz ungenügend. Studien zeigen ausserdem, dass Selbsthilfeprogramme, die ohne die Interaktion mit einer Fachperson stattfinden, teilweise früher abgebrochen werden und weniger effektiv sein können. Ein möglicher Grund ist, dass viele Programme standardisiert sind und nicht genügend auf die individuelle Situation der Betroffenen eingehen können.

Hierzulande sind die wissenschaftlich überprüften Angebote noch sehr begrenzt und meist nur im Forschungskontext von Universitäten verfügbar. Deutschland hingegen hat wissenschaftlich getestete Internet-Programme zur Behandlung von Krankheiten bereits freigegeben - 14 davon sind zur Behandlung von psychischen Störungen zugelassen; die Kosten werden von der Krankenkasse übernommen. Die Schweiz ist noch nicht so weit. Doch der Trend geht ebenfalls hin zu mehr Digitalität.

Frau Ludwig hat das Programm damals sehr geholfen. Sie habe, so schrieb sie Tobias Krieger ein Jahr nach Beendigung des Programms, wieder Kontakt zu den Nachbarn, wieder Kontakt zur Familie. Und Frau Ludwig hat mit über sechzig Jahren die Maturität nachgeholt. Sie habe erkannt, wie sehr ihre Ängste sie über Jahrzehnte einschränkten - und wie sehr sie es vermisst hatte, nach ihren eigenen Bedürfnissen zu leben.

Aktuelle Studien zu internet-basierten Interventionen der Universität Bern mit Möglichkeit zu einer Teilnahme sind zu finden unter: www.online-therapy.ch. Online-Paar-Coaching der Universität Zürich: www.paarlife.ch.

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