Ich fühle mich seit langer Zeit krank, schwach und ausgebrannt. Sämtliche Ärzte, die mich untersucht haben, sind ratlos und so gibt es für meine Beschwerden keinen Befund. Was kann ich jetzt noch tun? Was raten Sie mir?

Ich empfehle eine psychosomatische Mitbeurteilung Ihrer Beschwerden. Dazu sollten Sie alle Vorbefunde mitbringen, damit wir sie kritisch miteinander durchgehen können. Wir schauen, welche körperlichen Faktoren es gibt, die für Ihr schlechtes Befinden eine Rolle spielen, und ob noch ergänzende Diagnostik sinnvoll ist.

Dass bereits eine Abklärung stattgefunden hat und es für Ihre Beschwerden keinen Befund gibt, darf Sie beruhigen, dass höchstwahrscheinlich keine schwerere körperliche Erkrankung vorliegt. Weltweit findet sich bei rund 20 Prozent aller Patienten in der Primärversorgung trotz sorgfältiger Ausschlussdiagnostik keine hinreichende somatische Erklärung für die Beschwerden.

Gleichzeitig sollten Sie achtsam auf Ihren Körper hören, wenn Sie wahrnehmen, dass Sie sich krank, schwach und ausgebrannt fühlen. Häufig drücken sich auf diese Weise Stress, Überlastung, Druck, Anspannung und Erschöpfung als Reaktion auf schwierige Lebenssituationen aus. Deshalb sollten wir Ihre familiäre und berufliche Situation, Ihr psychisches Befinden und Belastungen aus Ihrer Lebensgeschichte mitberücksichtigen und schauen, inwiefern psychosoziale Faktoren auf Ihr schlechtes Befinden Einfluss nehmen.

Soweit dies der Fall ist, sprechen wir von stressbezogenen oder funktionellen Körperbeschwerden. Oft besteht begleitend auch ein depressives oder ängstliches Syndrom. Zusammenfassend führen wir die identifizierten körperlichen und psychosozialen Krankheitsfaktoren in einem für Sie individualisierten «biopsychosozialen Erklärungsmodell» zusammen.

Ausgehend von diesem geht es für die Therapie darum, auf Signale und Bedürfnisse zu achten, die Ihr Körper mitteilt. Die Behandlungselemente wählen wir gemeinsam aus. Grundlegend sind Massnahmen, die den Lebensstil betreffen, im Sinne einer Verbesserung der Selbstfürsorge bezüglich Schlaf, Ernährung, Substanzgebrauch und Erholung. Wichtig ist insbesondere eine an Ihre Belastbarkeit angepasste dosierte körperliche Aktivierung in Form eines moderaten Ausdauer- oder Krafttrainings zwei- bis dreimal 20 bis 30 Minuten pro Woche – am besten die Aktivität, die Sie am liebsten machen.

Zusätzlich empfiehlt sich das Erlernen von Entspannungs- und Meditationstechniken wie progressive Muskelrelaxation oder Achtsamkeitstraining. Günstig ist weiterhin die bewusste und regelmässige Pflege von persönlichen und sozialen Ressourcen und Kraftquellen.

In vielen Fällen ist die Einleitung der genannten Massnahmen zusammen mit Ihrem Hausarzt ausreichend. Soweit dies nach rund drei Monaten keinen ausreichenden Fortschritt bringt, liegt möglicherweise ein komplizierterer Verlauf vor. Dann empfiehlt sich eine stärkere Strukturierung des Vorgehens mit regelmässigen Terminen und eine zusätzliche Unterstützung durch eine Psychotherapie. Zwecks Mitbeurteilung, Beratung und Bahnung einer multimodalen Therapie können Sie sich gerne an die Klinik für Psychosomatik am Universitätsspital Basel wenden.

Sie sprechen aus Sicht der Psychosomatik. Was unterscheidet diese Disziplin von der Psychiatrie und der Psychologie?

Es werden unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt. Die Psychosomatik untersucht Wechselwirkungen zwischen körperlichen und psychosozialen Krankheitsfaktoren und beschäftigt sich mit körpernahen psychosozialen Problemen – sowohl stressbezogenen, also auch Belastungen durch somatische Erkrankungen; psychosomatische Therapien sind in der Regel multimodal und legen besonderes Gewicht auf psychotherapeutische Verfahren.

Die Psychiatrie wählt stärker neurobiologische Betrachtungsweisen, beschäftigt sich mit hirnorganischen Störungen und setzt mehr auf die Behandlung mit Psychopharmaka. Psychologen haben ein Psychologiestudium absolviert. Die klinische Psychologie fokussiert auf entwicklungs- und verhaltensbezogene, soziale sowie kognitive und emotionale Aspekte psychischer wie auch somatischer Erkrankungen. Sie versucht, diese systematisch zu erfassen und im Rahmen psychologischer Psychotherapie zu behandeln.