«Vielleicht ist es Eisenmangel.» Fühlen wir uns schlapp oder chronisch müde, scheint fehlendes Eisen die einfachste Erklärung zu sein.

Weltweit leiden laut der Weltgesundheitsorganisation WHO über drei Milliarden Menschen an Eisenmangel – in der Schweiz ist etwa eine Million betroffen.

Unser Körper braucht Eisen, um Blut zu bilden und Sauerstoff zu transportieren. Im Normalfall nehmen wir Eisen über die Nahrung auf.

Wird aber über längere Zeit mehr Eisen ausgeschieden als aufgenommen, haben wir irgendwann zu wenig Eisen und es können Beschwerden auftreten.

Müdigkeit, Schlafstörungen, Kopf- und Nackenschmerzen, Schwindel, Blässe, Konzentrationsschwierigkeiten oder brüchige Haare und Fingernägel können auf einen Eisenmangel hindeuten.

Die Symptome sind unspezifisch, das heisst, neben fehlendem Eisen gibt es viele andere Gründe, warum jemand diese Beschwerden hat. Deshalb ist eine sorgfältige Abklärung wichtig.

Wie es um das Eisen im Körper steht, können Ärzte herausfinden, indem sie das Blut untersuchen.

«Aber es gibt nicht den einen Marker, der Aufschluss darüber gibt, ob ein Eisenmangel vorliegt oder nicht», sagt Andreas Huber, Chefarzt und Leiter des Instituts für Labormedizin am Kantonsspital Aarau (KSA).

Ein Ferritinspiegel unter 30 Gramm pro Liter Blut ist bei Frauen und Männern ein Zeichen, dass der Eisenspeicher ungenügend voll ist.

«Solche Patienten haben aber noch keine Blutarmut.» Das ist laut WHO erst der Fall, wenn der Blutfarbstoff Hämoglobin unter 12 Gramm pro Deziliter Blut bei Frauen beziehungsweise 13 Gramm pro Deziliter bei Männern fällt.

Es gibt Ärzte, die Patienten bereits mit Infusionen oder Eisentabletten therapieren, ohne dass eine Blutarmut diagnostiziert ist.

Zum Beispiel Beat Schaub, der in Binningen das erste Eisenzentrum der Schweiz gegründet hat. Er hat kürzlich ein Buch zum Thema geschrieben, in dem er seine Therapiemethode vorstellt. Sie ist in Fachkreisen umstritten.

So empfiehlt er, den Eisenspeicher «möglichst rasch, aber sanft und sicher aufzufüllen». Dadurch werde Patienten schnell geholfen und Blutarmut als möglicher Spätfolge eines Eisenmangels vorgebeugt.

Andreas Huber vom KSA ist kritisch gegenüber dieser «Eisen-PR», die Schaub betreibt: «Es wird zu oft behandelt, ohne dass es wirklich notwendig ist.»

Huber empfiehlt Patienten zuerst Nahrungsmittel mit hohen Eisengehalt (siehe Infobox). Erst wenn ein Eisenmangel mit Blutarmut, eine sogenannte Eisenmangelanämie, nachgewiesen werde, führt kein Weg an Tabletten oder Infusionen vorbei.

Huber verschreibt Eisentabletten, bevor er eine Infusion steckt. «Sie wirken sanfter und haben weniger starke Nebenwirkungen.»

Zwar können sie Bauchschmerzen und Verstopfung verursachen – aber viele Patienten gewöhnen sich mit der Zeit daran.

Infusionen: Nicht gerade harmlos

Bei Eiseninfusionen, wo das fehlende Eisen in einer oder mehreren Sitzungen direkt ins Blut gegeben wird, kann es zu heftigen allergischen Reaktionen kommen.

In der Packungsbeilage einer solchen Eisenlösung steht: «Sie sollte nur angewendet werden, falls medizinisches Fachpersonal, das allergische Reaktionen bewerten und behandeln kann, sofort verfügbar ist sowie nur in einer Einrichtung, in der alle Vorrichtungen zur Reanimation vorhanden sind.»

Für Andreas Huber ist klar: «Ich verschreibe nur Eiseninfusionen, wenn es wirklich nötig ist, weil ein Patient die Tabletten nicht verträgt oder sie nicht wirken.»

Patienten an den Eisen-Tropf zu hängen, ist für Ärzte ein lukratives Geschäft. Eine Schachtel Tabletten, die einen Monat reicht, koste knapp 13 Franken, eine Infusion bis zu 600 Franken.

Genauso wichtig wie den Eisenmangel zu behandeln, ist es, seine Ursache zu finden. Oft sind Blutungen schuld daran, dass Menschen mehr Eisen verlieren, als sie aufnehmen.

Bei Frauen ist starke Menstruation die häufigste Ursache für Eisenmangel. Zudem brauchen sie in der Schwangerschaft mehr Eisen als sonst, was vorübergehend zu einem Eisenmangel führen kann.

In seltenen Fällen ist auch eine extreme Diät schuld – beispielsweise wenn sich jemand rein pflanzlich ernährt und nicht genug eisenhaltige Speisen in den Menüplan einbaut.

Nach einer Eisentherapie sollte der Arzt das Blut wieder untersuchen, ob die Eisenwerte normal sind.

Es dauert mindestens eine Woche, bis eine Eisentherapie wirkt. «Bei Patienten, die berichten, dass sie sich kurz nach einer Infusion wieder topfit fühlten, liegt das wohl am Placebo-Effekt und nicht am Eisen», sagt Andreas Huber.

Bei Tabletten kontrollieren Ärzte die Blutwerte etwa vier Wochen nach der letzten Einnahme, bei Infusionen erst nach acht bis zwölf Wochen. Nur wenn die Symptome bleiben, ist es sinnvoll, früher einen Bluttest zu machen.