Tatsache ist: Sonderlich behaglich sind Herren-Pissoirs nicht. Erst recht nicht, wenn «Mann» sich zwischen zwei andere, wildfremde Herren stellen muss, um etwas zu tun, was aus biologischen Gründen nur entspannt erledigt werden kann: Harn ablassen.

Hier beginnt für einen Teil der Männer – aber auch für manche Frauen – ein leidiges, meist verschwiegenes Problem: Sie können in Anwesenheit anderer Menschen nicht oder nur schwer loslassen. Bei manchen ist diese spezielle soziale Phobie namens Paruresis so arg, dass sie ausschliesslich zu Hause, auf dem vertrauten Lokus, loslassen können. Nicht umsonst wird die Störung auch «schüchterne Blase» genannt.

Der Ringmuskel muss sich lösen

Für deren Entleerung «muss der Ruhenerv, der Parasympathikus, aktiv werden», erklärt Verhaltenstherapeut Philipp Hammelstein, Leitender Psychologe der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienste Aargau, in der Deutschen Angst-Zeitschrift (DAZ).

Der parasympathische Nerv – Teil des nicht mit dem Willen steuerbaren Nervensystems – sorgt bei ausreichendem Harndrang dafür, dass die muskulöse Harnblase sich zusammenzieht. Gleichzeitig entspannt und weitet sich der innere von zwei Ringmuskeln am Blasenausgang von selbst. Lockert man zusätzlich den äusseren, mit dem Willen beeinflussbaren Blasenschliessmuskel, öffnet dies den Blasenausgang: Der Urin kann durch die Harnröhre abfliessen.

Doch dies klappt nicht, wenn man seelisch angespannt ist. Angst und Stress lassen den Gegenspieler des Ruhenervs, den Sympathikus oder Aktivitätsnerv, tätig werden. Dadurch zieht sich der innere Ringmuskel dauerhaft zusammen. «Selbst bei prall gefüllter Blase können dann beide Muskelringe mit willentlicher Anstrengung nicht geöffnet werden», sagt Hammelstein, Fachmann für die sogenannte schüchterne Blase. Es sei «völlig normal, dass man in Angst und Stresssituationen die Blase nicht entleeren kann».

Dass manche Menschen bei Aufregung – zum Beispiel vor einem öffentlichen Auftritt – öfter als sonst zur Toilette müssen oder sich buchstäblich «verpissen», also vor Angst in die Hose machen, klingt wie ein Widerspruch. Das hat aber andere Gründe: Bei solchen Schrecktypen (Vagotonikern) ist im Falle von Angst, Aufregung oder Stress der parasympathische, also entspannende, Teil des autonomen Nervensystems übermässig aktiv: Ihre Muskeln erschlaffen, und sie bekommen weiche Knie.

Anders verhält es sich bei Kampf- oder Fluchttypen (Sympathikotonikern), deren Muskulatur sich dann eher anspannt – somit auch der innere Blasenschliessmuskel. Der Effekt: Während die Aufgeregten mehrfach aufs Klo rennen, können die Angespannten ihre Blase überhaupt nicht leeren.

Beginnt oft mit einem Misserfolg

Hammerstein zufolge beginnt die Störung bei Männern häufig in der Pubertät, vermutlich weil sich in diesem Lebensabschnitt «das Bild der eigenen Männlichkeit festigt». Negative Erfahrungen, zum Beispiel etwas nicht zu schaffen, was der männlichen Rolle zugesprochen wird, würden dann «besonders sensibel wahrgenommen und verarbeitet». So kann die misslungene Teilnahme an einem pubertären Wettbewerb wie Weitpinkeln einem Jungen beim nächsten Mal erst recht die Angst vorm Versagen einjagen. Der Erfolgsdruck wird von Mal zu Mal grösser.

Wenn er Pech hat, kann der betreffende Junge bald kaum noch auf öffentlichen Toiletten seine Blase leeren, weil er sich beobachtet und bewertet fühlt. Im Extremfall gelingt ihm das sogar nur noch auf der Toilette zu Hause. «Für die Urination ist ein gewisses Mass an Entspannung, also auch ein Sicherheitsgefühl notwendig», heisst es hierzu auf den Seiten der Christoph-Dornier-Klinik in Münster. Dort arbeiten Betroffene an ihren hemmenden Grundüberzeugungen und setzen sich schrittweise typisch angstauslösenden Situationen aus.

3 von 100 Blasen schüchtern

Da die Paruresis erst seit den 1980er-Jahren als behandlungsbedürftiges Leiden erforscht wird, gab es lange Zeit keine klaren Kriterien für eine Diagnose. Seit 2001 liegt ein standardisierter Fragebogen der Universität Düsseldorf vor, mit dem Ärzte und Therapeuten das Leiden einkreisen können. Danach haben knapp drei Prozent der männlichen Bevölkerung eine schüchterne Blase. In den USA geht man sogar von sieben Prozent aus, was aber an einer anderen Definition der schüchternen Blase («Shy Bladder Syndrome») liegen kann. Zudem dürfte ein grosser Teil der Betroffenen aus Scham den Weg zu einem Arzt oder Psychologen scheuen.

Männer sind schon deshalb viel häufiger als Frauen betroffen, weil sie an Urinalen oft gezwungen sind, Schulter an Schulter von Nebenmännern ihre Blase zu entleeren. Und vielleicht zusätzlich, weil sie im Vergleich zu Frauen als revierbewusster gelten und sich deshalb eher bedrängt fühlen. Sie entspannen sich beim Wasserlassen eher, wenn Sicht- und Spritzschutz-Barrieren zwischen den Urinalen angebracht sind.

In einer alternden Gesellschaft steigt ausserdem die Zahl der Greise, die beim Wasserlassen aufgrund einer vergrösserten Prostata Probleme beim Wasserlassen haben. Solche «Schamwände» dürften auch ihnen zunehmend willkommen sein.

Buch zum Thema Philipp Hammelstein: «Lass es laufen! Ein Leitfaden zur Überwindung der Paruresis», Pabst Wissenschafts Verlag, 93 Seiten, 22 Franken.