Interview

Mehr psychische Erkrankungen wegen Cannabis – Suchtexperte: «Konsum ist alles andere als Kinderspiel»

Rausch mit Folgen: Hat man Pech, mündet kurze Leichtigkeit in dauerhafter Schwere.

Rausch mit Folgen: Hat man Pech, mündet kurze Leichtigkeit in dauerhafter Schwere.

Neue Studien weisen einmal mehr auf einen Zusammenhang zwischen Cannabiskonsum und der Erkrankung an Psychosen hin. Ganz und gar nicht ratsam ist der Gebrauch im Jugendalter.

Britische Forscher um Marta Di Forti vom King’s College London berichteten unlängst im Fachblatt «Lancet Psychiatry» von mehr diagnostizierten Psychosen in Städten mit stärkerem Cannabis. Würde hochpotentes Cannabis vom Markt verschwinden, gäbe es in grossen europäischen Städten zwölf Prozent weniger Patienten, die erstmals an einer Psychose erkranken. In London wären es fast 30 Prozent weniger, in Amsterdam gar 50 Prozent.

Die Forscher analysierten den Cannabiskonsum von 900 Psychose-Patienten in zehn europäischen Städten. Wir sprachen über diesen Zusammenhang mit Rainer Thomasius, der sich seit Jahren als Suchtexperte dezidiert gegen eine Liberalisierung der Cannabisgesetzgebung engagiert.

In der Schweiz steht zur Debatte, Cannabisverkauf im Rahmen von Studien zu legalisieren – ist das gut so?

Rainer Thomasius: Ich bin aus drei Gründen gegen eine Lega­lisierung von Cannabis. Der erste: Im Falle einer Legalisierung würden mehr junge Menschen Cannabis konsumieren – mit der Gefahr der Suchtentwicklung und den diversen Gefahren für die kognitive, psychische und soziale Gesundheit. In den USA verzeichnete man nach der Legalisierung in den jeweiligen Bundesstaaten einen enormen Zuwachs an sehr jungen Konsumenten. Deren Umsteigen auf noch stärkere Drogen steht zudem stets als weiteres Problem im Raum.

Und der zweite Grund?

Gerade Deutschland verfolgte in den letzten Jahren eine erfolgreiche Cannabispolitik. Der Cannabiskonsum der Jugendlichen ist im europäischen Vergleich niedrig. Wir haben vieles richtig gemacht, was Prävention, Hilfe für Abhängige und die Begrenzung des Angebots durch die Illegalität der Droge betrifft. Eine Legalisierung würde diesen erfolgreichen Kurs konterkarieren.

Und der dritte Grund wäre?

In unserer Abteilung im Universitätsklinikum Eppendorf in Hamburg behandeln wir 1600 Suchtfälle jährlich. Die Erfahrung zeigt, dass die minderjährigen jungen Patienten vor allem aus ungünstigen sozialen Verhältnissen kommen. Besonders gefährdet sind definitiv Jugendliche aus sozial schwächeren Familien.

Was genau sind die negativen gesundheitlichen Folgen des Cannabiskonsums?

Prof. Dr. Rainer Thomasius ist Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitäts-klinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg.

Prof. Dr. Rainer Thomasius ist Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) am Universitäts-klinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg.

Es entsteht mitunter eine jahrelange Abhängigkeit, Entzugserscheinungen sind starke innere Unruhe, Schlaflosigkeit, erhöhter Blutdruck, Pulsbeschleunigung. Die Beeinträchtigung der altersgerechten Hirnentwicklung führt zu Intelligenzeinbussen, Verlust an Aufmerksamkeit, Defiziten in Schule und Ausbildung. Ungünstige psychosoziale Folgen sind Motivationsstörungen und soziale Desintegration. Die aktuelle Studie der Forscher um Marta Di Forti hat gezeigt, dass insbesondere der langjährige Konsum von hochpotentem Cannabis die ­Risiken stark erhöht – gerade auch das Risiko, an einer Psychose zu erkranken. Bei hohem Konsum nehmen zudem affektive Störungen wie Depressionen um 30 bis 60 Prozent zu, Angststörungen um 30 bis 70 Prozent.

Das Risiko für Verkehrs­unfälle soll ebenfalls steigen?

Richtig. Von Colorado weiss man, dass die Verkehrs­unfälle im Zusammenhang mit der Legalisierung von Cannabis zugenommen haben. Gestiegen sind auch die Spitalaufnahmen wegen Cannabisüberdosierungen. Diese führen zu Verwirrtheit, Panik und Angst. Auch gibt es mehr Suizidversuche junger Frauen.

Erkranken nach hohem Cannabiskonsum nur jene an Psychosen, die sowieso schon die Veranlagung dazu haben?

Das ist nicht endgültig geklärt.

Hat man eine genetische Veranlagung für Psychose, steigt sicher die Relevanz von Cannabis als externem Stressor. Cannabis­konsumenten können aber auch ohne eine Vorbelastung Psychosen entwickeln.

Sind Psychosen heilbar?

Ein Drittel heilt komplett, ein Drittel flammt immer wieder auf, und ein letztes Drittel der Psychose-Erkrankungen verläuft ungünstig – die Betroffenen sind lebenslang auf fremde Unterstützung angewiesen.

Wie sieht es im Gegensatz dazu mit dem medizinischen Nutzen von Cannabis aus?

Die klinische Studienlage ist hier sehr begrenzt. Positive Effekte haben sich bislang nur in zwei Bereichen gezeigt: bei der Schmerztherapie von Tumorpatienten und bei der Behandlung von Appetitlosigkeit oder Übelkeit bei Tumor- und HIV-Patienten. Viele Hoffnungen, die in Cannabis als Medikament gesetzt werden, halte ich für völlig unberechtigt. Nicht zu vergessen die Nebenwirkungen: Schwindel, Fahruntüchtigkeit, geminderte Konzentrationsfähigkeit. Zudem muss die Dosierung teilweise kontinuierlich gesteigert werden.

Wie stimmig ist die neue Studie der Briten für Sie?

Das ist eine sorgfältige Studie ­exzellenter Wissenschafter. Ihre Hauptaussagen sind sehr wertvoll, und sie muss zur Kenntnis genommen werden.

Sie sind für eine Aufklärung über das Psychose-Risiko bei Cannabiskonsum – nur wie?

Der Wissensstand über das Psychose-Risiko ist in weiten Kreisen der Bevölkerung völlig unzureichend, obwohl wissenschaftlich gut belegt ist, dass Psychosen bei Cannabiskonsumenten bereits bei gelegentlichem Konsum fast doppelt so häufig auftreten wie bei Abstinenten. Der Zeitpunkt der Ersterkrankung ist bei Patienten, die Cannabis konsumieren, etwa drei Jahre vorverlagert, die Rückfallgefahr für Psychosen ist deutlich erhöht, und die Symptome der Erkrankung sind schwerer ausgeprägt. Diese Fakten muss man in der Prävention adressatengerecht transportieren.

Wie kann man abklären, ob man ein genetisch bedingtes höheres Psychose-Risiko hat?

Einen Hinweis für eine genetisch bedingte Vulnerabilität finden wir bei vielen Patienten in der Familienanamnese, wenn etwa in der Eltern- und Grosselterngeneration psychische Erkrankungen aufgetreten sind. Dies ist aber keine notwendige Bedingung für eine solche Empfindsamkeit.

Welches sind Ihre beruflichen Erfahrungen in Bezug auf den Cannabiskonsum der Jugend?

In der Deutschen Suchtkrankenhilfe machen Cannabiskonsumenten im Bereich «Illegale Drogen» die grösste Nachfragepopulation in ambulanter wie stationärer Therapie aus. Die Krankheitslast ist in Anbetracht der körperlichen, seelischen und sozialen Folgen des Cannabiskonsums schon heute sehr hoch. Es müssen daher sämtliche präventive Bemühungen intensiviert werden, um Cannabisgebrauch so weit wie möglich zu begrenzen und im Jugendalter vollständig zu vermeiden. Angebotsreduzierende Massnahmen leisten hier wertvolle Dienste. Die Legalisierung von Cannabis ist gesundheitspolitisch gesehen ein Irrweg. Sie trägt zur Intensivierung der Folgeschäden bei. Fatal für Junge, die früh in regelmässige Konsummuster einsteigen und ihrer Zukunftschancen beraubt werden.

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