Langzeitstudie
Viel Milch trinken schützt nicht vor Knochenbrüchen

Viel Milch trinken soll vor Osteoporose schützen, sagt so mancher Gesundheitsfanatiker. Doch Ergebnisse einer schwedischen Langzeitstudie behauptet das Gegenteil. Hoher Milchkonsum soll bei Frauen sogar die Lebenserwartung verkürzen.

Joachim Czichos
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Je mehr Käse und Joghurt, desto gesünder. Für Milch gilt das jedoch gemäss neuster Studie nicht.

Je mehr Käse und Joghurt, desto gesünder. Für Milch gilt das jedoch gemäss neuster Studie nicht.

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Milch trinken soll angeblich vor Osteoporose schützen und so das Risiko von Knochenbrüchen im Alter senken. Die Ergebnisse einer grossen schwedischen Studie bestätigen diese Behauptung allerdings nicht.

Im Gegenteil: Bei Frauen, die mehr als ein Glas Milch pro Tag tranken, kam es im Lauf der Zeit häufiger zu Bruchverletzungen als bei anderen.

Zudem vergrösserte sich für Frauen und Männer mit hohem Milchkonsum die Sterbewahrscheinlichkeit im Untersuchungszeitraum, berichten die Forscher im «British Medical Journal». Sie halten es für möglich, dass die beobachteten Zusammenhänge auf der mit der Milch zugeführten Laktose und dadurch verursachten Entzündungsreaktionen beruhen könnten.

Milch: Knochenschutz?

Die Autoren betonen aber, dass ihre Beobachtungsstudie lediglich auf statistische Zusammenhänge hinweist, ohne eine ursächliche Beziehung direkt nachzuweisen.

Daher seien weitere Untersuchungen nötig, bevor konkrete Ernährungsempfehlungen gegeben werden können. «Unsere Ergebnisse könnten die Gültigkeit von Empfehlungen infrage stellen, nach denen ein hoher Milchkonsum Knochenbrüche im Alter verhindern kann», schreiben Karl Michaëlsson von der Universität Uppsala und seine Kollegen.

Die Forscher werteten Daten aus zwei schwedischen Langzeitstudien aus. An der einen nahmen 61 433 Frauen teil, die zu Beginn (1987–1990) 39 bis 74 Jahre alt waren.

Die andere startete 1997 mit 45 339 Männern im Alter zwischen 45 und 79 Jahren. Alle Teilnehmer gaben Auskunft über ihre Ernährung und Lebensweise. Der Fettgehalt der konsumierten Milch blieb bei der statistischen Auswertung unberücksichtigt.

Bei einem Teil der Probanden wurden Urin- und Blutproben auf Merkmale von oxidativem Stress und Entzündungsprozessen untersucht.

Im Zeitraum von durchschnittlich 20 Jahren starben etwa 15 500 Frauen, und 17 252 erlitten einen Knochenbruch, wobei in jedem vierten Fall das Becken betroffen war. In der Männergruppe starben in elf Jahren etwa 10 100 Personen, und es kam zu 5066 Bruchverletzungen.

Osteoporose: Der Altersbuckel

Osteoporose wird auch Knochenschwund genannt. In der Schweiz sind rund 600 000 Menschen davon betroffen, mehr als doppelt so viele Frauen wie Männer. Durch Wirbeleinbrüche kann sich der ganze Rücken verkrümmen (Buckelbildung). Vorbeugend wirken viel Bewegung und eine gute Ernährung mit genügend Vitamin D und Kalzium.

In keiner der beiden Gruppen war ein hoher Milchkonsum mit einem geringen Bruchrisiko verbunden. Für Frauen, die viel Milch tranken, erhöhte sich sogar die Wahrscheinlichkeit eines Knochenbruchs, für Männer dagegen nicht.

Ausserdem lag bei Frauen, die täglich mindestens drei Gläser – also mehr als 600 Milliliter – Milch konsumierten, die Sterberate deutlich höher als bei denen, die im Schnitt weniger als ein Glas am Tag tranken.

Bei Männern bestand ein ähnlicher Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Sterberisiko, der aber weniger stark ausgeprägt war. Ganz anders waren die Ergebnisse für den Verzehr von Käse und Joghurt: Je mehr davon gegessen wurde, desto geringer waren Bruch- und Sterberisiko für beide Geschlechter.

Eine Übertragung der Resultate auf Menschen nicht-europäischer Abstammung sowie auf Kinder und Jugendliche ist nach Ansicht der Forscher wahrscheinlich nicht möglich.

Milch: Entzündungsauslöser?

Je höher der Milchkonsum, desto stärker waren auch Anzeichen von oxidativem Stress und Entzündungsreaktionen im Körper. Dieser Zusammenhang liefert einen interessanten Hinweis und bietet eine mögliche Erklärung: Milch ist das Lebensmittel mit dem höchsten Gehalt an Laktose.

In Joghurt und Käse ist dieser Milchzucker meist kaum noch enthalten. Menschen europäischer Abstammung verfügen zwar normalerweise auch als Erwachsene noch über das Enzym Laktase, das den Milchzucker spaltet.

Bei der Spaltung entsteht aber neben Glukose der Zucker Galaktose, der sich in Tierversuchen in verschiedener Hinsicht als schädlich erwiesen hat: Er verursacht chronische Entzündungen, schädigt Nerven und Immunsystem und beschleunigt die Alterung. Ob solche Effekte auch beim Menschen auftreten, ist bisher nicht erwiesen.

Theoretisch könnten die Ergebnisse der neuen Studie auf einer umgekehrten Beziehung von Ursache und Wirkung beruhen, so die Autoren. Denn manche Menschen trinken vielleicht viel Milch, weil sie ein erhöhtes Osteoporoserisiko haben. Die erhöhte Sterberate wäre damit aber nicht erklärt, da diese auch Menschen betraf, die keine Bruchverletzung erlitten hatten.