Mikrobiom

Wer bin ich? Aus biologischer Sicht unendlich viele – Einsicht in das Ökosystem Mensch

Was ist schon der Mensch, kommen doch auf eine menschliche Zelle rund zehn fremde Zellen. istockphoto

Was ist schon der Mensch, kommen doch auf eine menschliche Zelle rund zehn fremde Zellen. istockphoto

Auf und im Menschen leben Myriaden winzigster Lebewesen. Die meisten Zellen, die im menschlichen Organismus vorkommen, sind keine menschlichen Zellen, sondern mikrobielle Zellen, also Zellen von Mikroorganismen. Zehn fremde Zellen kommen auf jede unserer hundert Billionen Zellen: solche von Bakterien, Milben, Amöben, Pilzen. Klar, auf Flöhe, Würmer, Zecken können wir verzichten. Und einige unserer Bewohner zählen zu den gefährlichsten Lebewesen der Welt. Sie übertragen Malaria, Typhus, Gelbfieber; Chlamydien scheinen Herzinfarkte und vielleicht auch Asthma und Alzheimer zu begünstigen; kleine Kugelbakterien, die in verkalkten Gefässen hausen, werden als Ursache für Hirnschlag und Herzinfarkt diskutiert. Es gibt sogar Theorien, dass Nierensteine, Fettsucht, Asthma, Arthritis und Multiple Sklerose ansteckende Krankheiten sein könnten – übertragen durch Mikroben aus dem Biotop Mensch. Und der Keim Micrococcus sedentarius verbreitet käsigen Fussgeruch.

Die überwältigende Mehrheit unserer Bewohner ist aber weder lästig noch gefährlich. Im Gegenteil: Viele von ihnen sind Symbionten, ohne die wir nicht existieren könnten.

Schwarz-weiss greift zu kurz

Wie falsch es sein kann, unsere Siedler strikt in «gut» und «böse» zu unterteilen, lehrt uns das Bakterium Helicobacter pylori. Es lebt im Magen und kann in seltenen Fällen bösartige Geschwülste verursachen; andererseits hält es den Menschen gesund, indem es schädliche Eindringlinge vergiftet. Dasselbe Bakterium bringt also den einen um, während es den anderen gesund hält. Differenziert beschrieben hat dies der englische Wissenschaftsautor Bernard Dixon im Buch «Der Pilz, der John F. Kennedy zum Präsidenten machte»: «Die Wahrheit aber ist, dass wir alle kontinuierlich infiziert werden – und nicht nur von Nützlingen wie Darmbakterien, die Vitamine herstellen. Menschen, die gesund und munter sind, können Tuberkulose-Bazillen, Polio-Viren, Streptokokken (...) tragen, ohne dass sie auch nur die geringste Unannehmlichkeit verspürten.»

Duschen nützt nichts. Zum Glück

Das Gros unserer Besiedler stellen Bakterien: Ein einziger Mensch beherbergt mehr von ihnen, als es Sandkörner auf der Erde gibt. Allein in einem Gramm Darminhalt finden sich rund 1 000 000 000 000 (eine Billion) Bakterien. Auch die Mundhöhle – obschon der Speichel antibakterielle Substanzen enthält – zählt zu den komplexesten Biotopen des Körpers und ist ein wahres Schlaraffenland für Mikroben. Dank steter Feuchtigkeit und reich gedeckter Zunge und Zähne schwadern in jedem Milliliter Speichel Amöben, Geisseltierchen, Hefen und bis zu einer Milliarde Bakterien. Das macht in der Regel nichts. Bei mangelnder Hygiene wuchern die Mikroben allerdings derart, dass sie schwefelige Gase bilden und so Zähne und Zahnfleisch schädigen.

Im Vergleich zum Mund ist unser grösstes Organ, die Haut, geradezu bevölkerungsarm – obwohl auf der Haut jedes Einzelnen etwa so viele Bakterien und Pilze leben wie Menschen auf der Erde. Sie bilden die resistente Hautflora. Im Gesicht und an den Ohren, auf der Kopfhaut, unter den Achseln, an den Genitalien, zwischen den Zehen und auf den Handflächen, dort wo es feucht ist, liegen die stark bevölkerten Oasen mit bis zu einer Million Bewohnern pro Quadratzentimeter.

Falls Sie das nun eklig finden und sich am liebsten sofort duschen möchten – nur zu. Nützt eh nichts. Die Bewohner unserer Haut lassen sich kaum wegwaschen. Zum Glück: Die Hautflora wehrt schädliche Mikroorganismen ab und schützt uns so vor Krankheiten.

Habitat Mensch

Zum Ökosystem Mensch gehören auch Flöhe, Mücken, Wanzen, Hefen, Würmer, Egel, Zecken – eine ganze Menagerie. Manche der Geschöpfe leben in Regionen unseres Körpers, die wir selbst nie entdecken werden.

Mutter und Vater vererben nicht nur Gene, sondern auch ihre persönliche Flora und Fauna. Schon vor der Geburt und dann auch mit dem Durchtritt durch die Scheide nimmt das Kind Bakterien auf, die sich in den ersten Tagen rasch vermehren. Ein Baby, das gestillt wird, ist zunächst überwiegend von Bifidobakterien besiedelt. Sobald sich der Speiseplan erweitert, wird die Darmflora des Kindes reichhaltiger und jener eines Erwachsenen immer ähnlicher. Flora und Fauna verändern sich zwar immer wieder, aber von der Wiege bis zur Bahre begleiten sie uns, die Bakterien, Amöben und anderen Besiedler. Irgendwie ist das ja auch tröstlich: Kein Mensch stirbt allein.

Potent dank Läusen?

Art und Anzahl der Bewohner unterscheiden sich erheblich sowohl von Mensch zu Mensch als auch von Körperregion zu Körperregion: Wer viel Fleisch isst, hat mehr Bacteroides-Arten und weniger Laktobazillen als ein Vegetarier. Und im Stuhl und an den Zähnen ist die Vielfalt der Mikroben am grössten, in der Vagina am geringsten.

Wichtig ist ein ausgewogenes Gleichgewicht zwischen den unsichtbaren Bewohnern und unserem Körper. Diesen Zustand nennen wir Gesundheit. Im intakten Ökosystem Mensch profitieren die Partner voneinander. So unterstützen Mikroorganismen uns bei der Verdauung und stellen dem Körper Vitamine und Spurenelemente zur Verfügung, sie trainieren die körpereigenen Abwehrmechanismen und prägen über spezifische Körperdüfte sogar unser Sozial- und Sexualverhalten.

Übrigens, von wegen «das ist doch eklig»: Unsere Vorfahren sind mit ihren winzigen Bewohnern weit gelassener umgegangen als wir heutzutage. So galten zur Zeit Goethes stark verlauste Herren als besonders potent – denn angeblich würden die Läuse schlechte Säfte absaugen.

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