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«Hilfe! Mein Chef ist ein Algorithmus»: Wie Künstliche Intelligenz bald die Personalabteilungen erobern könnte

Wenn der Chef im Computer steckt: Algorithmen übernehmen Aufgaben der Personalsteuerung.

Wenn der Chef im Computer steckt: Algorithmen übernehmen Aufgaben der Personalsteuerung.

In einigen Ländern wird Künstliche Intelligenz bereits für die Personalsteuerung verwendet – sogar vor der Toilette macht sie keinen Halt.

Werden Algorithmen bald darüber entscheiden, ob wir den Arbeitsplatz erhalten oder behalten? Die künstliche Intelligenz ist in der Personalführung auf dem Vormarsch. Sogenannte «People Analytics Tools» messen, wie viel die Frau oder der Mann vor dem Bildschirm lacht. Sie suchen unter den Bewerbern automatisch passendes Personal aus oder überwachen und bewerten die Arbeitsleistung eines Mitarbeitenden.

Simon Schafheitle vom Forschungsinstitut für Arbeit und Arbeitswelten der Universität St.Gallen hat mit seinem Team untersucht, in welchen Bereichen Algorithmen in der Schweiz bereits besonders häufig die Chefposition übernommen haben und welche Auswirkungen dies auf die Beziehung der Arbeitnehmenden zu ihrer Firma haben kann.

Dabei zeigt sich, dass Algorithmen in den HR-Abteilungen von Schweizer Firmen bereits einen Einfluss haben. Algorithmen, die das Lachen messen, gibt es in der Schweiz aber nicht. «Gemacht wird das zum Beispiel in Casinos in Las Vegas. Der Algorithmus der Gesichtserkennungssoftware schaut, ob die Croupiers genug lachen. Je mehr diese lachen, so die Intention der Casinos, desto mehr Geld geben die Leute aus», sagt Schafheitle.

Es gibt aber noch ein krasseres Beispiel aus Asien: Die smarte Toilette. Da können Biodaten analysiert werden, um beispielsweise zu sehen, ob die Mitarbeitenden Drogen missbrauchen oder eine Angestellte schwanger ist. Schafheitle:

Simon Schafheitle Forscher an der Universität St. Gallen

Simon Schafheitle Forscher an der Universität St. Gallen

Der Forscher erklärt: «Dabei werden die Hirnströme von CEOs analysiert, um herauszufinden, was einen guten Chef ausmacht, wie eine Entscheidung entsteht und ob ein Algorithmus nicht vielleicht sogar eine ganze Firma ‹besser› steuern kann.» Also, ob Algorithmen sogar in der Königsdisziplin des Managements überlegen sind.

Algorithmus sortiert Bewerber für einen Job vor

In der Schweiz findet man das noch nicht. «Gott sei Dank», sagt der Forscher. Bei uns gibt es Erkennungsalgorithmen, um die Zusammenarbeit und das Abhalten von Meetings zu verbessern. Die Kamera erkennt zum Beispiel während einer Sitzung automatisch, wer spricht, und schwenkt dorthin, um so die Gesprächsführung zu verbessern. «Da sind wir aber noch weit davon entfernt, dass die Stimme analysiert wird, um daraus Rückschlüsse auf die Leistungskraft eines Mitarbeitenden zu schliessen.»

Verbreitet ist in der Schweiz der Einsatz von «Hiring & Recruiting»-Software. Dazu gehört, dass ein Algorithmus zum Beispiel bei 100 Bewerbungen 90 ausscheidet und so eine «Shortlist» für die Endauswahl zusammenstellt. Die Forscher der Uni St.Gallen haben im Juni über 200 Schweizer Firmen auf die Nutzung solcher Tools abgefragt.

Dabei zeigte sich, dass knapp 40 Prozent dieser Firmen zumindest ein Tool aus dem Bereich «Hiring & Recruiting» nutzen, am meisten für die Erstellung einer «Shortlist». Das sind deutlich mehr als bei der Umfrage des Forschungsinstituts im Jahr 2018. Wohl auch, weil diese Systeme relativ einfach zu installieren sind und das Angebot an Tools in diesem Bereich rasant steigt.

Vor «Smart Toiletts» muss man sich nach Schafheitle in der Schweiz auch in Zukunft nicht fürchten. Solche Anwendungen künstlicher Intelligenz haben bei uns schon wegen des Schutzes der Privatsphäre keine Chance. Allgemein wird aber befürchtet, dass ein Rekrutierungsalgorithmus so programmiert wird, dass ein Bewerber zum Beispiel aus rassistischen Gründen aus der Bewerberliste gestrichen wird. Schafheitle sagt:

Dabei gebe es mindestens zwei Einfallstore für eine systematische Benachteiligung. Zum Ersten durch den Menschen, der bestimmt, worauf der Algorithmus schaut. Zum Zweiten durch die Daten, die der selbstlernende Algorithmus für sein Training vom Menschen «vorgesetzt» bekommt. So erkennt er mit der Zeit, wer sich für das Unternehmen eignet.

Ob letztlich eine diskriminierende Einstellungsentscheidung zustande kommt, liegt somit in der Hand des Menschen. Wie auch die letzte Entscheidung: wer den Job erhält. Der Algorithmus berechnet zwar die optimale Bewerbung, aber vielleicht nicht die beste. Vielleicht möchte der Chef lieber einen kreativen Querdenker einstellen als einen glattgestriegelten Karrieristen.

Die automatisierte Personalsteuerung kann wie jede Technik zum Guten oder Bösen genutzt werden. Im schlechten Fall wird die künstliche Intelligenz vor allem zur engmaschigen Kontrolle der Arbeitsleistung eingesetzt, wenn ­diese über Mausbewegungen und das Verweilen auf Websites beurteilt wird. «Das ist dann mit Misstrauenssignalen seitens des Arbeitgebers verbunden, der Arbeitnehmer fühlt sich ­kontrolliert» sagt Schafheitle. «In dieser Denkweise ist der Mensch die schlimmste Bedrohung des Geschäfts.»

Immer mehr Firmen ersetzen menschliche Arbeitskräfte mit automatisierten KI-Systemen – auch in der Schweiz.

Immer mehr Firmen ersetzen menschliche Arbeitskräfte mit automatisierten KI-Systemen – auch in der Schweiz.

Nicht alles machen, was technisch möglich ist

Im guten Fall werden die Mitarbeitenden als selbstbestimmte Personen betrachtet, denen die künstliche Intelligenz hilft, sich weiterzuentwickeln und zu lernen, weil sie schnell Wissen teilen können, ohne in einem ungesunden Wettbewerb bestehen zu müssen. Dabei ist unter anderem entscheidend, ob die Datenerfassung transparent ist, der Mitarbeiter davon weiss und freiwillig mitmachen kann.

Die Frage ist somit, was eine Firma mit den Möglichkeiten der Algorithmen macht. Schafheitle ist für unsere Breiten nicht pessimistisch, weil die Wirtschaftsethik hier hoch sei. Zudem mache man auf dem Werkplatz Schweiz nicht alles, was technisch möglich sei. Das gelte aber nicht für alle Regionen der Welt.

In Zukunft ist es wahrscheinlich, dass jene Arbeiten öfter durch Algorithmen automatisiert werden, die auf die Stabilität und Effizienz der Firma ausgelegt sind, das klassische Management also. Aber zwei zentrale Dinge wird der Algorithmus weiterhin nicht können: Zum Ersten das zeitgleiche Ausführen und Balancieren mehrerer Aufgaben, gleichzeitig Vertrauen aufbauen und harte Entscheidungen treffen. Der Algorithmus trifft per Definition nur eine genaue und effiziente Entscheidung.

Zum Zweiten kann der Mensch diese genaue Entscheidung zur besten machen. Diese in einen grösseren Kontext einbetten und auf Unvorhergesehenes wie zum Beispiel die Coronakrise reagieren. Das kann ein Algorithmus nicht. Noch nicht oder gar nie? «Man soll niemals nie sagen», meint Schafheitle, «aber ich glaube, das erleben wir nicht mehr.»

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Autor

Bruno Knellwolf

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