In der Kritik
Trumpf Underin! Ein junger Schweizer lanciert neue Jass-Karten - und hat damit Erfolg

Der hiesige Nationalsport befindet sich in Erklärungsnot. Denn die Kartensujets sind vor allem weiss und männlich – und daran möchten die Hersteller nichts ändern. Trotzdem gibt es vermehrt Alternativen.

Benjamin Weinmann
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«Dä Ander Jass»: Die neuen Spielkarten des Zürcher Designers Alain Wohlgemuth verfügen über mehr Diversität bei den Sujets.

«Dä Ander Jass»: Die neuen Spielkarten des Zürcher Designers Alain Wohlgemuth verfügen über mehr Diversität bei den Sujets.

www.alain-wohlgemuth.com

Wie viel Sexismus und Rassismus steckt in Schweizer Jasskarten? Die «Schweiz am Wochenende» berichtete in ihrer aktuellen Ausgabe über amerikanische Spielkarten, die auch weibliche Sujets und solche mit anderer Hautfarbe zeigen. Die Kulturwissenschaftlerin Susan Arndt bezeichnete im Interview die historischen Darstellungen mit vorwiegend weissen Männern als sexistisch und rassistisch. Das Echo bei der Leserschaft war gross. Zahlreiche, emotionale Kommentare waren die Folge.

Nur: Hiesige Jasskarten-Hersteller verzichten lieber auf eine Modernisierung. Sie glauben, das Änderungen bei der Kundschaft schlecht ankommen würden und es keine Nachfrage gibt für Karten, die für mehr Gleichberechtigung sorgen. Das Risiko, eine solche Serie zu produzieren, sei zu gross angesichts der Herstellungskosten.

Underin, Oberin, Königin

Alain Wohlgemuth sieht dies anders. Der 22-jährige Fotograf und Digital-Designer aus Horgen ZH hat vor wenigen Wochen Jass-Karten mit neuen Sujets produzieren lassen. Sie enthalten nicht nur einen König, sondern auch eine Königin, eine Oberin und eine Underin. Und nicht alle sind weiss. Auch Transexuelle, dickere und glatzköpfige Menschen sind abgebildet.

Designer und Fotograf Alain Wohlgemuth (22).

Designer und Fotograf Alain Wohlgemuth (22).

zvg

Wohlgemuth liess erstmal 100 Sets à 11 Franken bei einer Druckerei in Stans produzieren und bot sie für 17 Franken via Instagram an. «Bereits sind alle weg», sagt der ausgebildete Mediamatiker, der seinen «Ander Jass» vor allem auf sozialen Medien bewarb. «Die Rückmeldungen waren durchwegs positiv.» Er werde nun mindestens 100 weitere Sets in Auftrag geben, die er über einen eigenen Webshop verkaufen werde. «Wahrscheinlich wäre die Nachfrage für noch mehr Sets da, aber ich finanziere die Produktion aus der eigenen Tasche.»

Er habe sich in den vergangenen Jahren vermehrt mit Themen wie Sexismus und Rassismus auseinandergesetzt. «Nicht zuletzt dank meiner Freundin, die sich sehr für diese Themen interessiert und engagiert.» Diese Debatte habe ihm die Augen geöffnet. «Schliesslich habe auch ich als Kind mit den herkömmlichen Jass-Karten gespielt, und als weisser Mann sah ich mich immer darin repräsentiert, sah also kein Problem.» Viele Bevölkerungsgruppen würden jedoch nicht berücksichtigt.

«Mein Grossvater wird wohl nicht damit spielen»

Ihm sei klar, dass einem Grossteil der älteren Generation seine Karten möglicherweise nicht gefallen könnten. «Mein Grossvater wird wohl nicht damit spielen. Aber es wir ja auch niemand gezwungen, sie zu verwenden.» Schade fände er deshalb, wenn sich manche Leute dennoch extrem stark über solche Modernisierungen aufregen.

Auch in Holland sorgte kürzlich eine Jungunternehmerin mit geschlechtsneutralen Spielkarten für Aufsehen. Anstatt König, Dame und Bube verwendet sie Gold, Silber und Bronze. Und an der Universität St. Gallen sind drei Studierende kurz davor, ebenfalls ein eigenes Jass-Set produzieren zu lassen. Noelle Artho und ihre beiden Kollegen Noah Fankhauser und Andrin Salaorni setzen dabei auf rein weibliche Figuren bei den Sujets. Geplant sind 1000 Sets.

Allerdings sind hier alle Frauen weiss. «Mit der gleichen Haar- und Hautfarbe wie bei den historischen Bildern wollen wir sicherstellen, dass die Wiedererkennung nicht gefährdet ist», sagt Artho. Die drei Studierenden betonen, dass die politische Motivation bei ihrer Aktion eher im Hintergrund stehe. «Wir möchten nur eine Alternative bieten und die alten Jass-Karten nicht schlecht machen.» Anscheinend lehrt die Wirtschaftshochschule, dass zu viel Idealismus schlecht fürs Geschäft ist.

Die weiblichen Jasskarten von drei Studierenden der Universität-St.Gallen sollen demnächst produziert werden. Die Sujets zeigen allesamt weisse Frauen.

Die weiblichen Jasskarten von drei Studierenden der Universität-St.Gallen sollen demnächst produziert werden. Die Sujets zeigen allesamt weisse Frauen.

zvg