Jubiläum
Dieser Stuhl hat schon zahlreiche Designpreise gewonnen: Der Tripp Trapp wird 50

Der Kinderhochstuhl Tripp Trapp schaffte es vom Familienesstisch bis in die Designabteilung des Moma. Würdigung eines Klassikers, der sogar mit Essensresten noch gut aussieht.

Julia Stephan
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Seine Erfindung machte das Leben von vielen Familien leichter der Kinderhochstuhl Tripp Trapp.

Seine Erfindung machte das Leben von vielen Familien leichter der Kinderhochstuhl Tripp Trapp.

Wearepepper / www.wearepepper.ch

Der Tripp Trapp ist fünfzig, und steht immer noch mit beiden Beinen fest im Leben. Zwei Generationen haben auf ihm sitzend Spaghetti geschaufelt oder ihren Ernährern aus sicherer Entfernung beim Kochen zugeschaut. Eine neue Generation werdender Eltern ist gerade dabei, ihn auf Online-Verkaufsportalen zu stolzen Preisen zu ersteigern oder ihn mit DIY-Videos auf Youtube liebevoll zu restaurieren.

Das Internet ist voller Tipps für ehrgeizige Heimwerker, die ihren Tripp Trapp einem Upcycling unterziehen wollen.

Quelle: Youtube

Der Tripp Trapp ist Kult. Wie die Maxi-Cosi-Babyschalen gehört der verstellbare Hochstuhl seit Jahrzehnten zur Grundausstattung von Eltern mit Kleinkindern. 13 Millionen Exemplare hat der norwegische Möbelhersteller Stokke seit seiner Markteinführung 1972 in über 50 Ländern abgesetzt. Auch, weil das Unternehmen strategisch klug vorging und den Hochstuhl früh an Kitas und Kindergärten verteilte, wo sich Eltern von seiner Nützlichkeit überzeugen konnten.

Er steht im Moma und im Vitra Designmuseum

Längst hat sich der Hochstuhl auch in glamouröseren Ecken des gesellschaftlichen Lebens niedergelassen, wo ihn keine steinhart gewordenen Essensreste mehr verunstalten. Im Museum of Modern Art in New York und im Vitra Design Museum hat er sich in den Dauerausstellungen neben Designklassikern wie Ludwig Mies van der Rohes Barcelona Chair oder dem Panton Chair einen festen Platz erobert.

Designer und Erfinder Peter Opsvik.

Designer und Erfinder Peter Opsvik.

ZVG

Zu Recht. Denn sein Erfinder, der norwegische Designer, Maler und Jazzmusiker Peter Opsvik, löste mit dem Tripp Trapp eines der grössten Probleme der sich vermehrenden Menschheit: Wie setzt man ein Kleinkind an einen Esstisch, damit es seinen Eltern auf Augenhöhe begegnet – und zwar flexibel über mehrere Jahre Wachstum hinweg? Opsvik fand für seinen damals zweijährigen Sohn Tor mit dem Tripp Trapp eine universal anwendbare Lösung: Dank seiner verstellbaren Sitz- und Fussplatten passt sich der Tripp Trapp an jeden Tisch und an jedes Kind an. Der Hochstuhl wächst mit dem Nachwuchs mit, begleitet ihn vom Baby bis ins Schulkindalter. Jahrzehnte, bevor Nachhaltigkeit zum Trendbegriff und Verkaufsargument wurde, hatte Opsvik etwas geschaffen, dessen Investition sich auf Jahre auszahlt. Die Hochstühle aus massivem Holz wurden von Anbeginn in Europa gefertigt. Auch das Holz stammt mehrheitlich aus europäischen Wäldern.

Das hat seinen Preis: 260 Franken kostet das günstigste Modell in Buchenholz. Für Eiche muss man rund 300 Franken für die Grundausstattung berappen – das Zubehör für Neugeborene und Babys ist da noch nicht eingerechnet. Zum 50-Jahr-Jubiläum gibt das Unternehmen in limitierter Auflage sogar Stühle in edlem Eschenholz heraus. Die auf der Rückenlehne eingravierte Jubiläumszahl wirkt bei so viel Zweckgebundenheit fast schon extravagant.

Auch an unserem Esszimmertisch stehen zwei schwarze Vintage-Modelle. Unser elf Monate altes Baby ist dank den verlängerbaren Bodengleitern relativ sicher vor den Schubs-Attacken seiner grossen Schwester. Im Internet macht auf Elternforen nicht zu Unrecht der Mythos vom unkippbaren Tripp Trapp die Runde. Tatsächlich lässt sich der Stuhl von allen Seiten relativ gefahrenlos erklettern. Unsere dreijährige Tochter, die gerade alles verachtet, was sie daran erinnert, nicht erwachsen zu sein, hat den Tripp Trapp nach mehreren ehrgeizigen Versuchen, auf einem normalen Esszimmerstuhl zu essen, dennoch nicht zum Möbel zweiter Klasse degradiert. Sie nutzt ihn neben dem Sitzen auch gerne als Schemel, als Tribüne für Stofftiere und als Pfahl für aufwendige Höhlensysteme mit Tüchern. Sie schätzt ihn ebenso wie ihr Vornutzer, der laut Auskunft seiner Mutter auf ihm bis zu seinem 15. Lebensjahr seine Hausaufgaben gemacht haben soll. Und selbst unsere Partygäste verlieren, wenn das Sitzangebot bei uns knapp wird, nicht ihre Würde, wenn sie auf dem Hochstuhl Platz nehmen müssen. Schliesslich hat der Stuhl zahlreiche Designpreise gewonnen.

Die Antithese zum rosa Einhorn-Schaukelpferd

Denn der Tripp Trapp erinnert optisch nicht an ein Kindermöbel. Er ist praktisch, formschön, und doch so unauffällig, dass er den Sitzmöbeln, denen er assistiert, nie die Show stiehlt. Er ist die Antithese zum rosa Einhorn-Schaukelpferd, das mit seiner Exzentrik jedes Einrichtungskonzept zunichte macht.

Derzeit gibt es den Tripp Trapp in zwölf verschiedenen Farben, die meisten so pastellig-dezent, dass sie in einem «Schöner-Wohnen»-Katalog nicht auffallen würden. Dass kinderlose Paare ihn manchmal für eine Etagere für Pflanzen oder Bücher halten, wird den Tripp Trapp auch in seinem 50. Lebensjahr nicht vom Hocker hauen. Warum auch? Seine Daseinsberechtigung in einem Haushalt wäre mit dieser neuen Rolle auf weitere Jahrzehnte gesichert.

Gut gestalten für kleine Gestalten

Das Kinderzimmer ist zur Spielwiese für stilbewusste Eltern geworden, vorzeigbar nicht nur für spontanen Besuch der Nachbarskinder, sondern bestenfalls für die wachsende Followerschaft in den Sozialen Medien. Während des pandemischen Rückzugs ins Häusliche gaben Herr und Frau Schweizer mehr als sonst aus für die Einrichtung, das Zimmer des Nachwuchs’ war dabei keine Ausnahme. Nur das Schönste ist für die Kleinen gut genug. Ob die kleinen Möbel dem Rütteln, Schaukeln und der Kletterei ihrer jungen Nutzer auch standhalten, scheint dabei oft zweitrangig. Gut wird das Design da, wo es beiden gerecht wird: den ästhetischen Vorstellungen der Eltern und den hohen Ansprüchen der kleinen Kinderkörper. Es brauchte offenbar eine Frau, um das Kinderzimmer für Designer interessant zu machen. Die italienische Reformpädagogin Maria Montessori plädierte Anfang des 20. Jahrhunderts für ein Kinderzimmer, das für Kinder gemacht ist. In dem alles für kurze Arme erreichbar ist und auf Kinder-Augenhöhe liegt; das die Fantasie anregt und dennoch dem Alltag nicht im Wege steht. Davor galt bei Kindermöbeln der Pragmatismus: Da wird das Kind schon hereinwachsen. Spätestens mit dem Bauhaus wurde anfang der 1920er-Jahre das Gestalten für Kinder zur festen Designaufgabe. Man sägte den Stühlen die Beine ab oder stockte sie auf. Der Niederländer Gerrit Rietveld baute einen Stuhl, der das Kind auf Tischhöhe hebt. Und Marcel Breuer baute Tisch und Stuhl für Kinderbeine. Das Ehepaar Charles und Ray Eames hängten ihrem Hocker aus Schichtholz zwei grosse Ohren und einen Rüssel an und stellten damit ab 1945 den «Elephant» ins Kinderzimmer. In der DDR ergänzte Renate Müller Ende der 60er-Jahre den Zoo um Nilpferde und Nashörner. Die pädagogisch wertvollen Sitz- und Spieltiere schafften es sogar ins Museum of Modern Art (MoMA) in New York. Inzwischen sind allerhand Designklassiker auch in Kindergrösse erhältlich. Wo der bunte und heiter geschwungene Panton Chair noch gut ins Kinderzimmer passt, wirken andere geschrumpfte Möbelikonen von Egon Eiermann etwa oder Arne Jacobsen in ihrer eleganten Strenge fehl am Platz.  An den norwegischen Kult-Stuhl Tripp Trapp von Stokke kommen aber bis heute nur wenige Alternativen heran. Im Produkttest der Stiftung Warentest 2018 konnte ihm nur das Modell «Nomi» von Evomove aus Dänemark das Wasser reichen. Neue Ansätze testen auch Gestalter aus der Schweiz. Nach dem Prinzip «Sackmesser» sind ihre Entwürfe oft mehr als nur Stuhl. Den «Kraabe»-Hochstuhl aus dem Jura etwa kann man mit wenigen Handgriffen schmal zusammenfalten. Den Lernturm «Tuki» haben zwei Aargauer Maturanden gemeinsam mit dem Luzerner Designer Stefan Westmeyer erfunden und inzwischen zur Serienreife gebracht. Multifunktional wie mitwachsend, muss sich das innovative Möbel vor dem Klassiker nicht verstecken. (Anna Raymann)

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