«Jung & Alt»-Kolumne
Schlaraffenland für alle? Dann gut Nacht, Schlaraffenland

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unser Autor Ludwig Hasler, 76, alternierend mit Samantha Zaugg, Journalistin, 26. Diese Woche erklärt Hasler, wieso es in unserer Gesellschaft halt doch Milliardäre braucht.

Ludwig Hasler
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Geld ist in der modernen Gesellschaft so ungleich verteilt wie nie zuvor.

Geld ist in der modernen Gesellschaft so ungleich verteilt wie nie zuvor.

Keystone

Liebe Samantha

Du denkst, ich könnte deine Lieblingsidee für Unfug halten. Weil ich ein alter Mann bin? Oder findest du sie selber nicht ganz dicht? Ich bin zu Ideen generös. Weil: Eine Idee, die auf Anhieb einleuchtet, ist gar keine. Ideen mit innovativer Kraft beginnen gern als Schnapsidee.

Muss man darum gleich betrunken sein wie Mikel Jollet? Du zitierst ihn: Milliardäre abschaffen! Geld verteilen! Alle happy! Das soll eine Idee sein? Ich sehe nichts als flockige Sprüche eines aktuellen Lebensgefühls. Ihr Jungen wächst heran im Schlaraffenland, es gibt reichlich von allem, ganz viele bunte Kleider, woher sie kommen, sieht man nicht. Ihr fühlt euch pudelwohl da drin – bis ihr merkt: Es gibt schreckliche Unterschiede, pfui! Milliardäre! Und Arme! Nicht alle können gleich viel kaufen! Das ist gar kein richtiges Schlaraffenland! Braucht ein Milliardär mehr als eine Milliarde? Wozu? Also sozialisieren, was darüber ist. Das würfe in der Schweiz 75 Milliarden ab. Schlaraffenland für alle!

Die krassen Unterschiede sind ein Skandal. Ich stimme zu. Tieflöhne, die kaum zum Leben reichen, beschämen uns als Gesellschaft (bitte auch als Konsum-Zombies). Umgekehrt betreiben Finanz- und Tech-Giganten eine Rückkehr zum Feudalismus, der die offene Gesellschaft bedroht, Demokratie inklusive. Da vergeht sogar mir der Humor. Dagegen, glaubst du, richte Geldverteilen etwas aus? Mir klingt das zu sehr nach 99-Luftballons-Mentalität. Daher meine Schlaraffenland-Satire. Sie geht übrigens schlimm aus: Nach der ersten Verteilaktion gäbe es nichts mehr zu verteilen – gute Nacht, Schlaraffenland.

Denn: Bald gäbe es keine Milliardäre mehr. Weil jede Motivation fehlte, fürs Abschröpfen zu arbeiten. Was dann, ohne Milliardäre? Kämen dann die Multimillionäre dran? Aber, magst du einwenden, sind denn diese Leute ohne innere Motivation am Werk, nur auf Geld aus? Nein, das sind keine Dagobert Ducks. Manchen – wie Elon Musk – ist Geld schnurzegal. Er will Elektroautos, Weltraumraketen, Macht, Transformation, Innovation. Geht nicht ohne Geld.

Das heisst auch: Milliardäre haben gar kein Geld, ihre Milliarden stecken in Unternehmen. Platz eins: Jeff Bezos = Amazon. Platz zwei: Elon Musk = Tesla. Willst du Aktien verteilen? Wie? Mit welchen Folgen? Nehmen wir mal an, der Verleger dieser Zeitung wäre doppelter Milliardär. Willst du nun die Firma halbieren, verscherbeln, eine Milliarde an Kitas verteilen? Okay, wie hätten einfach bald keine Zeitung mehr für unsere Kolumne.

Was tun also? Tiefstlöhne rauf. Gerechtere Renten. Oligarchen aushebeln. Mühsam, ja. Verteilen ist Fassadenmalerei, keine Lösung. Alle üppiger am Erlös beteiligen? Sollten wir nicht besser um Teilhabe streiten? Um Partizipation statt um Distribution?

Ludwig

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