Königin Elisabeth
Der Unterschied vom Schlangestehen zwischen London und Mailand: An einem Ort sollte man die Inkontinenzhose nicht vergessen

Schlangenstehen unter Anweisung königlicher Garden ist ein Kinderspiel. Zwei Tage rund um eine Oper herumzulungern, ein Risiko.

Christian Berzins
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Das Ziel der Wartenden: Der Sarg der Königin.

Das Ziel der Wartenden: Der Sarg der Königin.

Danny Lawson / AP

Die eisige Kälte nach einer Nacht vor der Oper in der Warteschlange ist am Ende nur die Fussnote wert. Später erinnert man sich nur mehr an den erlösenden, morgendlichen Caffè in der warmen Bar. Ehe es dann wieder in die Warteschlange ging.

So wird es auch den Menschen dieser Tage in London gehen. Sie werden noch in 50 Jahren stolz erzählen, ja darüber ­jubeln, wie sie damals im September 2022 rund 14 Stunden lang in der Schlange standen. Und sie müssen es tatsächlich erzählen, dürfen sie doch am Ziel, in der Westminster Hall, ihr Handy nicht benutzen.

Schlangestehen, für was es auch immer ist, hat schliesslich ein Ziel. Um es zu erreichen, würde man auch von einem hohen Felsen ins Meer springen. Am Ende erhält man etwas: eine Moon-Swatch, ein neues iPhone oder einen intimen Moment vor dem Sarg von Königin Elisabeth II.

Als Opernfan ist der Fall einfach: Man erhält eine Opernkarte – und zwar eine eher günstige.

«Wer seinen Platz verlässt, verliert ihn»

Ich erlernte das Schlangestehen in Wien. Mit 16 stellte ich mich an einem kalten Februarnachmittag erstmals in die berüch­tigte Schlange unter den Opernarkaden. Damals durften die ersten 250 von 570 Stehplatzbesuchern drinnen im Haus warten. Aber das war bereits das Einzige, was man durfte. Ein Schild gab die einfache Regel durch: «Wer seinen Platz verlässt, verliert ihn.»

Natürlich hasste man diese Regel, merkte erst später, dass es im Prinzip die einzige ist, die für Fairness sorgt. Und noch viel wichtiger: für Selektion. Der Toi­lettengang war okay, aber ausserhalb der Reihe herumstehen ging nicht. War der zu erwartende Andrang gross, wurden um sechs Uhr Zählkarten ausgegeben. Damit in der Hand konnte man heim und musste drei Stunden vor Opernbeginn wieder da sein. Man verbrachte die Nacht also vor dem Opernhaus, damit man ausgeruht wieder anstehen konnte.

Wer Stunden vor der Vorstellung in der Schlange am Boden sass, hörte Opern-Erzählungen, die besser als alle Opernromane zusammen waren. Oft lernte man die Wartenachbarn rasch und gut kennen. In Mailand, wo ich ab 1991 wohl 100 Mal anstand, war es ähnlich. Ira, eine Bekannte, lernte hier ihren Mann kennen. Das hatte vielleicht mit dem Warte-System zu tun, denn es war kompliziert – es hiess «Gianni».

Gianni war und ist der Stehplatz-Listenführer und sorgt für etwas Unmögliches: für italienische Ordnung. Mal in die Bar? Kein Problem. Mal ins Hotel oder nach Hause? Nicht unmöglich. Gar nicht anstehen und am Ende auf der Liste sein – Gianni kann es möglich machen.

Wohlgeordnet geht es 14 Stunden lang Richtung Königin.

Wohlgeordnet geht es 14 Stunden lang Richtung Königin.

Tolga Akmen / EPA

Um seine Arbeit ist die Scala heilfroh, aber laut Hausreglement ist sie illegal. Uneingeweihte, vor allem Nicht-Italiener, geraten ob des Systems immer mal in Rage. Für Engländer muss es ein Grauen sein. Queuing, das zeigt sich dieser Tage, ist im Königreich ein Akt der exakten Gelassenheit, ein Schicksalsschlag.

Die Engländer sind dieser Tage so fasziniert vom Warten, dass sie sich Gedanken über die perfekte Schlange machen.

Die Warteschlange für die Queen zeigte sich als Hydra

Bis zu acht Kilometer schlängelte sich die Warteschlange vor dem Sarg der Queen durch die Stadt. Die Wartezeit bis zum grossen Glück dauerte etwa 14 Stunden. Als die Behörden gegen die Schlange ankämpfen wollten, sie sozusagen schlossen, zeigte sie sich als Tochter der Hydra: Es bildete sich eine Warteschlange für die Warteschlange.

Rund 750000 Leute sollen am Ende den Sarg sehen, 30 000 bis 40000 stehen jeweils gleichzeitig an. Doch die Engländer, die stoisch warten, um einen Blick auf den Sarg der Königin zu werfen, haben das Schlangestehen trotz allem nicht erfunden. Das Warten dort vor dem Sarg ist wohlorganisiert, also ein Kinderspiel: 1000 Helfer stehen bereit, 500 Toiletten gibt es entlang der Schlange. Behinderte dürfen eine Extra-Reihe benutzen.

Das Anstehen für die Mailänder oder Wiener Opernkarte wurde am Ende jeweils zum Kampf gegen die Müdigkeit und um den besten Platz im Opernrund.

Die Schlange unter den Arkaden der Mailänder Scala.

Die Schlange unter den Arkaden der Mailänder Scala.

bez

Am Sarg der Königin sind alle gleich. Das muss ein sehr schönes, vereinigendes Gefühl sein beim Warten. Ich fürchte allerdings, dass die Leute sich mit der Zeit auf den Geist gehen, da sie das Warten nicht gewohnt sind. Nach Stunden des Nichts ist man reizbar und der Akku des Handys leer.

Ich war froh, hatte ich am 7. Dezember 1992 einige Jahre Erfahrungen gesammelt, als in Mailand «Don Carlo» mit Luciano Pavarotti auf dem Programm stand. Ich verbrachte dafür zwei schlaflose Nächte vor der Oper – und eine danach im Zug via Lausanne nach Zürich.

Eine der Allerersten, die 1992 in der Schlange standen, war Caterina. Beim Schlangestehen vor dem 7.12.2019 für «Tosca» mit Anna Netrebko erzählte mir die mittlerweile etwa 80-jährige «Regina del Loggione», Königin des Stehplatzes, dass sie für die Nacht Inkontinenzhosen trage, extra grosse. «Die geben super warm – und ja, erst um 5 Uhr 30 wird die Bar in der Via Santa Margherita aufmachen.»

Aber wie gesagt: Man erinnert sich im Laufe der Jahre nur mehr an den Caffè dort.