«Auf ein Wort»-Kolumne
In Bern hat «löie» nichts mit dem Tier zu tun, sondern mit der Tätigkeit ...

Je nach Sprachregion kann mit dem gleichen Wort etwas völlig anderes gemeint sein. In seiner aktuellen Kolumne erklärt unser Kolumnist Niklaus Bigler diesen Sachverhalt am Wort «löie».

Niklaus Bigler
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Ein Paar beim «loien »am Bodensee.

Ein Paar beim «loien »am Bodensee.

Bild: Ralph Ribi /TBM


Vor zwei Wochen, bei den Wirtshausnamen, kam beiläufig (im Titel) das berndeutsche löie vor. Es bedeutet das Gleiche wie ruhen, das auf althochdeutsch ruowên zurückgeht und auf Schweizerdeutsch je nach Region (g)rueje (im Westen) oder (g)ruebe (im Osten) lautet.

«Geruht» wird nördlich einer Linie von Solothurn bis Chur. Das bernische löie hat nichts mit Löwen zu tun, sondern geht auf lüüwen zurück. Wie bei nüü(w) und trüü(w) ist das lange ü im Mittelland zu öi geworden (nöi, tröi, löie), im Wallis wurde es zu langem i entrundet.

So kam es zu den Formen lüü(w)e (Freiburg, westliches Berner Oberland), liiwe (unteres Deutschwallis) und löie (Berner Mittelland, Entlebuch). Sonst ist das Wort im deutschen Sprachraum nicht bekannt.

Offenbar war es einmal etwas weiter verbreitet als heute; es kommt nämlich auch in der Zürcher Bibelübersetzung von 1531 vor: «Der Herr hirtet mich, darumb manglet mir nichts. Er macht mich in schöner weyd lüyen» (Psalm 22). Bibeltexte sind halt sprachlich eher etwas antiquiert – und wirken dadurch feierlicher.

Ein weiteres Wort für ‹ruhen› ist charakteristisch für den Gotthardraum, hirme oder ghirme. Man findet es im Goms, im Haslital, in Unterwalden, Uri sowie bei den aus dem Goms stammenden Walsern in Graubünden, im Piemont und in Gurin.

Das Wort kommt schon in althochdeutscher Zeit vor und bedeutete auch ‹ruhig sein, gehorchen›: Ghirm di, sei still! – Was das Ruhen betrifft, so gibt es auch beim Backen einige Dialekte, wo der Teig vor der weiteren Verarbeitung grueje, lüüwe oder ghirme darf. An den meisten Orten muss er allerdings kommen oder gehen, man lässt ihn choo bzw. goo.

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch (idiotikon.ch).