«Die Sprachstilistin»
TOBEN. WIR. UNS. AUS.

Unsere Kolumnistin Odilia Hiller mag die manchmal etwas bizarr wirkenden Chatnachrichten der Generation Z. Denn diese sind ein Zeichen von Sprachkompetenz.

Odilia Hiller
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Konnte es noch wichtiger werden, als es schon war? Um das Handy dreht sich unser Leben. Und unsere Sprache.

Konnte es noch wichtiger werden, als es schon war? Um das Handy dreht sich unser Leben. Und unsere Sprache.

Bild: Keystone

Über die sogenannte Jugendsprache wird viel Tinte vergossen. Whatsapp-Nachrichten von Teenagern gleichen einem Schlachtfeld von Abkürzungen, englischen Versatzstücken und Emojis, welche die Interpunktion längst ersetzt haben.

Schlimm? Gar nicht. Längst haben linguistische Studien ergeben, dass es sich bei der Whatsapp-Sprache um ein Tummelfeld von Kreativität und Sprachschöpfung handelt und keinesfalls um den Nachweis, dass alle Jungen am Verdummen sind. Auch ist längst eruiert, dass die allermeisten Jugendlichen den Unterschied zwischen einer Nachricht an die BFF und einem Schulaufsatz sehr wohl kennen. Zwischen den Sprachebenen hin und her zu hüpfen, erhöht die Sprachkompetenz nachweislich.

Auch Mütter, Grossmütter, Onkelz und Göttis dürfen

Solange es der Kommunikationssituation angemessen ist, finde ich, dürfen sich aber längst nicht nur Mitglieder der Generation Z und Alpha in der privaten Handykommunikation austoben. Auch Mütter, Grossmütter, Onkelz und Göttis sollten dies tun. Eine gute Richtschnur wäre, sich vor dem Senden zwischendurch kurz zu fragen: «Mit wem rede ich da gerade, und wie gut kenne ich die Person?»

Aber dann: TOBEN. WIR. UNS. AUS. Tun Sie alles, was verboten ist. Rofl! Fragen Sie Ihren Liebsten: «Wm??» Unterstreichen Sie Ihre Empörung über all die Idioten dieser Welt mit GROSSSCHREIBUNG und einer adäquaten Anzahl Emojis.

Tatsache ist doch: Noch nie hatten wir so viel Distanz zueinander. Noch nie mussten wir unsere Emotionen dermassen unterdrücken. Wohin, GOPFERTELLI NOCHMAL, sollen wir mit unseren Gefühlen, wenn nicht in die Messengernachricht?

Die Dämme sind gebrochen, fyi

Vielleicht hätte ich die Sachlage vor Corona anders eingeschätzt. Ich erinnere mich, in Whatsapp noch Punkte verwendet zu haben. Doch nun, PANDEMIEBEDINGT, sind die Dämme gebrochen. Fyi, es ist mir einiges egaler als früher. Cha mir pls iwer sege, warum das ein Problem sein soll?

So ertappe ich mich, sogar aus dem Homeoffice iwie Kollegen mit allerlei GIFs und kindischen Emojis zu bespammen. Unseriös? Ka weiss nöd. Aber wir müssen mental einigermassen gesund aus diesem Pandemiedesaster rauskommen. Dafür braucht es Ventile. Kp.

Und abends, wenn ich müde bin von 25 Teams-Calls, vergesse ich manchmal sogar die gross- und kleinschreibung. Und finde auch das nicht verwerflich. Denn wie sagt die linguistin in rl? Wandel ist nicht verfall, sondern evolution ...

Glossar:
BFF: «best friends forever»
rofl: «rolling on the floor laughing» (sich am Boden wälzen vor Lachen)
wm: Was machsch
fyi: «for your info» (zu deiner Info)
pls: «please» (bitte)
iwer: irgendwer
iwie: irgendwie
ka: keine Ahnung
kp: kein Problem
rl: «real life» (wahres Leben ausserhalb des Internets)