«Jung & Alt»-Kolumne
Die Schmach des Onlinedatings

In der «Jung & Alt»-Kolumne schreibt unsere Autorin Samantha Zaugg alternierend mit Ludwig Hasler, Philosoph und Publizist, 76. Diese Woche erklärt Zaugg, weshalb Online-Dating eben doch kein Segen ist.

Samantha Zaugg
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Etwa so schaut die Autorin wenn sie auf einer Dating Plattform ein männliches Oben-Ohne-Selfie erblickt. Schlimmstenfalls im Badezimmerspiegel.

Etwa so schaut die Autorin wenn sie auf einer Dating Plattform ein männliches Oben-Ohne-Selfie erblickt. Schlimmstenfalls im Badezimmerspiegel.

Bild: Samantha Zaugg

Lieber Ludwig

Digitales Dating als Befreiung. Gesteigerte Effizienz durch Datensätze, durch die Menge potenzieller Partnerinnen und Partner. So mag man sich das vorstellen. Wenn man sich noch nie auf einer Datingplattform getummelt hat. Lass mich berichten über die Schmach des Onlinedatings.

Gleich vorweg: Ich hab nichts gegen digitales Dating. Im Gegenteil. Ich kenne einige glückliche Beziehungen, die aus einer Begegnung online entstanden sind. Aber die ganzen Plattformen und Apps können auch sehr komische Orte sein. Das fällt mir bei Profilen von Hetero-Männern besonders auf. Die sind sich oft sehr ähnlich.

Ein stereotypes Profil sieht etwa so aus: Vorname, Alter, irgendeine englische Berufsbezeichnung, unter der sich kein Mensch etwas vorstellen kann. Dann Emoji-Flaggen von allen Ländern, in denen der Mann je war, und in der Bio steht so etwas wie humorvoll, mag auch deepe Gespräche, Foodie, sportlich, wandern, biken und so weiter. Dazu ein paar Bilder: Er ist in den Ferien, hat einen Berg bestiegen, dann vielleicht ein Gruppenfoto mit anderen Männern oder ein Bild, auf dem auf irgendeine Art ein BMW involviert ist. Alternativ Motorrad oder Mountainbike.

Auf vielen Profilen mischen sich verkrampft geistreiche Formulierungen mit floskelhaften Zitaten und Ferienfotos zu einer generischen Masse.

Aber woher kommt das? Auf einer Datingplattform aktiv zu sein, beginnt ja schon einmal mit einem sehr verwundbaren Moment: Man muss ein Profil anlegen, sich in Wort und Bild über die eigene Person äussern. Dazu muss man sich zuerst einmal mit sich auseinandersetzen. Wer man ist und wer man sein möchte. Oft sind diese Vorstellungen nicht deckungsgleich, man wird unweigerlich mit den ­eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Sehr unangenehm. Digitale Selbstdarstellung, das ist wohl etwas, was deiner Generation erspart blieb, wovon deine Generation verschont blieb.

An dieser Stelle etwas anderes, was mich sehr interessiert: Durch digitales Dating ist es ja recht einfach, jemanden loszuwerden, den man nicht so toll findet. Durch Ghosten zum Beispiel, also immer sehr spät und sehr unmotiviert zurück­schreiben.

Mir wird immer erzählt, früher hätte man mehr Anstand gehabt. Das glaube ich nicht. Sonst gäbe es ja haufenweise Paare, die nur aus Anstand geheiratet haben. Einmal zu höflich gewesen, zack, sechs Kinder und goldene Hochzeit. Ganz ehrlich: Wie seid ihr ungebetene Verehrerinnen losgeworden? Und erzähl mir nicht, dass ihr immer nur anständig und ehrlich wart.

Samantha

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