Leben

5G soll die Automobilbranche revolutionieren – der Bericht unseres Autors von der CES aus Las Vegas

Mit dem i3 Urban Suite präsentiert BMW ein auf Shuttle für den städtischen Raum ausgelegtes Fahrzeugmodell.

Mit dem i3 Urban Suite präsentiert BMW ein auf Shuttle für den städtischen Raum ausgelegtes Fahrzeugmodell.

Der neue Mobilfunkstandard 5G wird das Autofahren verändern. An der Consumer Electronic Show in Las Vegas zeigt die Branche, wie sie sich die Schwarmintelligenz auf der Strasse vorstellt.

«Las Vegas is the place to be!», sagt BMW-Entwicklungschef Klaus Fröhlich an der Consumer Electronics Show (CES), welche diese Woche in der Wüstenstadt im US-Bundesstaat Nevada über die Bühne ging. Auf der Messe wird eigentlich das Neueste aus der Welt der Konsumelektronik präsentiert. Doch hat sich die CES in den letzten Jahren einen Namen als Fenster in die Zukunft gemacht. Ein Fenster, das auch die Autobranche für sich nutzen will. Es scheint, als wolle man zeigen, dass das Auto keineswegs ein Relikt aus der Vergangenheit ist, sondern ein zentrales Element in der vernetzten, digitalen Zukunft darstellt.

Der rote Faden für die Vernetzung ist der neue Mobilfunk-Standard 5G.

, erklärt Young Sohn, Präsident von Samsung Electronics. «Zudem können im 5G-Netz bis zu eine Million Geräte pro Quadratkilometer verbunden werden, zehnmal mehr als im 4G-Netz. Während wir bis anhin grösstenteils mit isolierten, einzelnen Geräten zu tun hatten, erlaubt 5G ein vernetztes System.»

Das Auto im Netz

Ein wichtiger Teil in diesem System soll natürlich das Auto sein; laut eigenen Angaben hat BMW seit 2004 schon 14 Millionen Autos ans Netz gebracht und baut eine Schwarm-Intelligenz auf. Ab 2021 soll der elektrische E-SUV das voraussichtlich erste Serienauto sein, das mit einer 5G-Anbindung auf den Markt kommt. Über die bekannte Sprachsteuerung hinaus will BMW 2021 auch die Bedienung über Blicke und Fingergesten ermöglichen – kombiniert mit Augmented-Reality-Funktionen. Man soll beispielsweise auf ein Gebäude am Strassenrand zeigen können und vom Auto genauere Informationen darüber erhalten.

, sagt Klaus Fröhlich. Derartige Funktionen arbeiten mit künstlicher Intelligenz, die viel Rechenleistung erfordert; die dafür nötige Hardware lässt sich aber kaum im Auto unterbringen. Nur mit einer schnellen 5G-Internetverbinung ist es also möglich, die Rechenleistung gewissermassen auszulagern.

Weil in einem 5G-Netz deutlich mehr Geräte angesteuert werden können, können die Autos nicht nur untereinander kommunizieren, sondern auch mit anderen Verkehrsteilnehmern oder wichtigen Punkten. So können sich Autos untereinander vor Gefahren warnen – oder auch die Fussgänger über deren Smartphone vor einer Kollision mit dem Auto warnen. Wichtige Voraussetzungen, um auch auf dem Gebiet des autonomen Fahrens weiterzukommen. Der iNext von BMW soll ab 2021 nach Level 3 (also mit Eingriff des Fahrers, wenn er vom System dazu aufgefordert wird) und auf gewissen Abschnitten gar nach Level 4 (ohne Zutun des Fahrers) fahren. «Komplett autonome Robotaxis werden wir im normalen Verkehr, wenn überhaupt, frühestens in zehn Jahren sehen», fügt Fröhlich an.

Reelles und Visionen

Natürlich ist die CES zur Hauptsache eine Messe für Konsumelektronik; TV-Screens, Kameras, Smartphones sind hier die Hauptattraktion. Doch sind auch die Autohersteller inzwischen zahlreich vertreten. Sie zeigen, mit Ausnahme der neuen Jeep-Plug-in-Hy­brid-Modelle, aber wenig echte Neuheiten. Hier geht es vor allem um Visionen in Form von Studien – sei es für ganze Autos oder nur Konzepte für den Fahrzeuginnenraum, wie zum Beispiel die Studie BMW i3 «Urban Suite»; hierfür wurde der elektrische Kompaktwagen i3 ganz auf den Einsatz als Shuttle-Fahrzeug für den urbanen Raum ausgelegt.

Im Innenraum bleiben nur der Fahrersitz und das Armaturenbrett unangetastet; der Passagier sitzt hinten rechts in einem bequemen Sessel; da der Beifahrersitz entfernt wurde, geniesst er viel Beinfreiheit und bequemen Einstieg. Wichtig im Mobilitätsalltag der Zukunft ist natürlich die Vernetzung; so stellt sich BMW vor, dass der Passagier über einen Bildschirm Inhalte von seinem Smartphone wiedergeben kann und zahlreiche Möglichkeiten für das Laden von Smartphone und Co. findet.

Die grösste Überraschung der Messe kommt nicht direkt aus der Autobranche und steht dennoch auf vier Rädern: Sony zeigt mit dem «Vision-S» eine sehr ausgereift wirkende Fahrzeugstudie, die alles andere als realitätsfremd wirkt.

Sony überrascht mit dem Elektroauto «Vision-S», das bisher erst als Studie existiert.  Es soll aber bereits fahrtauglich sein.

Sony überrascht mit dem Elektroauto «Vision-S», das bisher erst als Studie existiert. Es soll aber bereits fahrtauglich sein.

Überraschung aus Japan

Angaben zu Preis, Reichweite oder Markteinführung macht der Tech-Konzern allerdings nicht; «Vision-S» soll lediglich ein Ausblick in die Zukunft der Mobilität sein. Mit dem Auto, das laut Sony bereits fahrfähig sein soll, wollen die Japaner das Auto verstehen lernen: Wie ein Auto gebaut wird, welche Herausforderungen lauern und wie es wahrgenommen wird. Zudem ist die Studie eine ideale Bühne, um zu zeigen, was mit der hauseigenen Sensorkamera- und Infotainment-Technologie möglich ist. Das Konzeptauto ist rundum mit insgesamt zwölf Kameras, zwölf Ultraschall- und fünf Radarsensoren sowie drei LiDAR-Lasermodulen ausgestattet, womit es für zahlreiche Fahrer-Assistenzfunktionen bis hin zum voll autonomen Fahren durch spätere Software-Updates gerüstet sein will. Mit einer Länge von knapp 4,90 Metern wäre der 2,35 Tonnen schwere Allrad-­Stromer ein direkter Konkurrent für das Model S von Tesla.

Das zeigt auch der Blick auf die von Sony bekanntgegebenen Leistungs­werte: Vorder- und Hinterachse würden von jeweils einem 200 kW starken E-Motor angetrieben; 0–100 km/h in 4,8 Sekunden und die Höchstgeschwindigkeit von 240 km/h sind entsprechend sportlich. Der Innenraum wird von einem durchgängigen Bildschirm über das gesamte Armaturenbrett domi­niert. Die äusseren Ecken sind für die digitalen Aussenspiegel reserviert; dazwischen kann der Screnn Navigation und zahlreiche Unterhaltungs­angebote einblenden, die ebenfalls über 5G-Mobilnetz ins Auto kommen sollen.

Der Innenraum von Sonys Elektroauto «Vision-S» ist Hightech.

Der Innenraum von Sonys Elektroauto «Vision-S» ist Hightech.

Ein Statement, dass Sony ins Autogeschäft einsteigen will, soll die Studie trotz beträchtlichem Aufwand aber nicht sein. Doch zumindest mit dem Gedanken an eine Ausweitung des Geschäftsfeldes wird man bei Sony spielen – anders lässt sich der Auftritt kaum erklären.

Ob Sony oder andere grosse Akteure aus der Tech-Welt: Ernstzunehmende Konkurrenten für die etablierten Autohersteller können aus dieser Branche auf jeden Fall entstehen. Ein Auftritt an der bedeutendsten Tech-Messe ist für die Autokonzerne sicherlich mehr als nur eine Spielerei; es geht ­darum, sich auch auf diesem Gebiet zu positionieren. Las Vegas is the ­place to be.

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