25 Jahre Frauenstreik

Als die Frauen auf die Barrikaden gingen

Frauen Streiken am 14. Juni 1991 auf dem Münsterplatz in Basel für die Gleichberechtigung von Mann und Frau.MICHAEL KUPFERSCHMIDT/Keystone

Frauen Streiken am 14. Juni 1991 auf dem Münsterplatz in Basel für die Gleichberechtigung von Mann und Frau.MICHAEL KUPFERSCHMIDT/Keystone

Vor 25 Jahren demonstrierten die Frauen für Gleichberechtigung und Lohngleichheit. Heute verdienen sie noch immer weniger als Männer. Braucht es eine neue Protestbewegung?

Am 14. Juni 1991 machten eine halbe Million Frauen mit Streiks und Protesten darauf aufmerksam, dass Frauen gegenüber Männern noch immer benachteiligt sind, obwohl seit 1981 in der Bundesverfassung steht: «Mann und Frau sind gleichgestellt.» Und: «Mann und Frau haben Anspruch auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit.» Seither sind 25 Jahre vergangen, der Verfassungsauftrag ist aber noch immer nicht erfüllt.

Schon damals lautete die Hauptforderung: «Frauen wollen Taten sehen». Der Aufruf zum landesweiten Streik kam vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund, in der ganzen Schweiz entstanden Streikkomitees. Das Motto zum Streik war: «Wenn Frau will, steht alles still». Tatsächlich stand einiges still. In den Unternehmen legten Frauen Streikpausen ein oder blieben der Arbeit fern, in Zürich wurde der Verkehr lahmgelegt, in Bern stürmten die Frauen den Bundesplatz, wo die 700-Jahr Feier der Eidgenossenschaft stattfand. In der ganzen Schweiz gab es Proteste. Das «Aargauer Tagblatt» titelte tags darauf: «Aargauer Frauen kamen, sahen und streikten» und bestätigte die Meldung, dass es die grösste Demonstration war, die in Aarau je stattgefunden hatte. Eine der Teilnehmerinnen beschrieb ihre Motivation so: «Wir beharren auf unseren Rechten, mit uns ist zu rechnen».

Rechte einfordern

Der Frauenstreik bewirkte Veränderungen auf dem Gesetzesweg. 1996 wurde vom Parlament das Gleichstellungsgesetz verabschiedet. Damit konnten Frauen gleichen Lohn einfordern. Seither gab es in der ganzen Deutschschweiz 266 Schlichtungs- oder Gerichtsverfahren gegen Lohndiskriminierung. Doch die letzte vom Bundesamt für Statistik nachgewiesene Lohndifferenz von 2012 betrug für das Standardeinkommen noch immer 21.3 Prozent. Für 41 Prozent dieser Differenz gibt es keinerlei sachliche Gründe, sondern sie sind eine reine Diskriminierung aufgrund des Geschlechts. So entgehen einer Frau mit Standardlohn jeden Monat 678 Franken monatlich, in Kaderpositionen steigt die Differenz auf mehr als 1000 Franken an. Seit Mitte der Neunzigerjahre sank die Lohndifferenz nur um zirka fünf Prozent. Am Frauenstreik hatte eine Frau ihre Teilnahme so begründet: «Ich streike, weil gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit für meine fünf und sechs jährige Töchtern Realität werden soll.» Heute sind ihre Töchter 29 und 30 Jahre alt.

Zur Zeit tourt das Lohnmobil durch die Deutschschweiz. Der feuerrote Camion fällt auf. Mit spielerischen Elementen lädt es Frauen und Männer zum Nachdenken ein: Welche Rolle spielen Rollenbilder? Ist jede Arbeit gleich viel wert? Sind Teilzeitmänner echte Männer? Sind Löhne Privatsache? Das Lohnmobil will aufklären, denn die Lohndiskriminierung hat lebenslängliche Folgen: Frauen reduzieren bei der Familiengründung das Pensum, der Teilausstieg führt später zu geringerem Verdienst und im Alter zu tieferen Renten. Ein wichtiger Teil der Kampagne gilt der praktischen Vernetzung: Wie erkennt man Lohndiskriminierung, an wen kann man sich wenden, welche Möglichkeiten bestehen, das Recht auf gleichen Lohn durchzusetzen.

Das Schneckentempo veranlasste die Politik dazu, dass jetzt endlich die Arbeitgeber in die Pflicht genommen werden. Sie sollen beweisen müssen, dass sie gleiche Löhne bezahlen. Im Herbst 2015 gab der Bundesrat eine Änderung des Gleichstellungsgesetzes in die Vernehmlassung: Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten sollen alle vier Jahre eine Lohnanalyse durchführen, die von externen Kontrollstellen überprüft wird. Das Ergebnis muss den Mitarbeitenden und den Aktionären mitgeteilt werden. Der Haken am bundesrätlichen Vorschlag ist die Freiwilligkeit und dass die Unternehmen keine Sanktionen zu befürchten haben, wenn die Lohnanalysen Ungleichheiten zeigen, diese aber nicht behoben werden.

Selbstkontrolle funktioniert nicht

Von jenen Unternehmen, welche in den letzten Jahren freiwillig Lohngleichheitsanalysen durchgeführt hatten, korrigierte die Hälfte danach die Löhne – in der Regel wurden jene der Frauen nach oben angepasst. Die Vernehmlassung für die Gesetzesänderung ist im März abgelaufen. Bereits bekannt ist, dass Arbeitgeberverbände keine Kontrollen wollen. Auch wenn zwei Drittel von 1300 befragten Unternehmen sagen, dass staatliche Massnahmen zur Durchsetzung der Lohngleichheit sinnvoll wären.

Heute sind in vielen Städten Protestpausen geplant, die an den Frauenstreik anknüpfen. Genügt das oder bräuchte es wieder einen Streik, damit es endlich vorwärts geht? Zita Küng, eine der damaligen Initiantinnen des Frauenstreiks und heutige Inhaberin des Beratungsbüros «Equality» sagt dazu: «Ein Streik lässt sich weder verordnen noch herbeizaubern. Doch alle Leute, denen Lohngleichheit ein ernsthaftes Anliegen ist, sind aufgerufen, sich an Aktionen zu beteiligen und eigene Aktivitäten zu entwickeln. Wer weiss, was dann daraus entstehen kann.» Für sie ist klar, dass damals der Frauenstreik den «Druck und Schub» erzeugt hatte, sodass kurze Zeit später das Gleichstellungsgesetz verabschiedet wurde. «Die Erfahrung hat uns gelehrt, dass es ‹etwas braucht, was die Frauen ergreift, damit sie sich wieder mobilisieren.»

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