Die Welt ist voller Schubladen. Vor allem, wenn es um das Einschätzen anderer Leute geht. Was ist das für ein Typ: dominant oder unterwürfig? Gerissen oder naiv? Vertrauenswürdig oder nicht? Solche Urteile fällen Menschen oft in wenigen Sekunden, ohne je ein Wort mit der jeweiligen Person gewechselt zu haben. Da genügt ein kurzer Blick ins Gesicht, ein Schnappschuss in den sozialen Medien oder ein Foto in den Bewerbungsunterlagen. Schon glaubt man, über jemanden zumindest grob Bescheid zu wissen.

Wie aber kommt dieser erste Eindruck zustande? Auf Nachfrage kann kaum jemand begründen, warum ihm ein bestimmtes Gesicht als besonders männlich oder attraktiv erscheint. «Das ist in der Regel ein reines Bauchgefühl», sagt Sonja Windhager von der Universität Wien. Sie und ihre Kollegen aber wollen wissen, was dahintersteckt. «Wir untersuchen, woran genau Menschen solche Einschätzungen festmachen», erklärt die Biologin.

Solche Fragen faszinieren Windhager, seit Wissenschafter der Universität Lausanne vor ein paar Jahren ein verblüffendes Experiment gemacht haben. Sie legten Schweizer Kindern im Alter zwischen 5 und 13 Jahren Fotos von je zwei ihnen unbekannten französischen Politikern vor. Einem von beiden sollten sie in einem Computerspiel das Kommando über ein Schiff anvertrauen.

Dabei zeigten die Kinder nicht nur ganz ähnliche Vorlieben wie Erwachsene, die vor der gleichen Aufgabe standen. Sie sagten auch sehr zuverlässig die Ergebnisse der französischen Parlamentswahlen voraus: Der bevorzugte Kapitän war meist auch der Wahlsieger. Daraus schlossen die Forscher, dass Wähler bei ihrer Entscheidung gar nicht so sehr auf die tatsächliche Kompetenz oder die Leistungen eines Kandidaten achten. Vielmehr scheint auch hier der geheimnisvolle erste Eindruck die entscheidende Rolle zu spielen. «Das war für mich ein extrem spannendes Ergebnis», erinnert sich Sonja Windhager. «Leider untersuchten die Kollegen damals nicht, wie die Kinder zu ihren Einschätzungen von Kompetenz und Führungsqualität gekommen sind.»

Um solchen Fragen systematisch nachgehen zu können, hat die Biologin zusammen mit ihrer Kollegin Katrin Schäfer eine neue Methode entwickelt. Am Computer können die Wissenschafterinnen mit speziellen Rechenprogrammen künstliche Gesichter erschaffen. Diese sogenannten Morphs unterscheiden sich nur in den charakteristischen Merkmalen einer einzigen Eigenschaft.

Etwas Fett wirkt ganz hübsch

«Der Körperfettgehalt beeinflusst die Gesichtsform eines Menschen sehr stark», erklärt Sonja Windhager. Je höher er ist, umso grösser und breiter fällt der untere Teil des Gesichts aus und umso kleiner sind die Augen im Vergleich zum restlichen Antlitz. Also haben die Forscherinnen weibliche Morphs mit unterschiedlichen Abstufungen dieser Eigenschaft erstellt. 275 Männer und Frauen sollten anschliessend beurteilen, wie dominant, attraktiv oder männlich diese Gesichter auf sie wirkten.

Unabhängig von ihrem Alter und Geschlecht waren sich die Mitglieder dieser Jury in ihren Bewertungen weitgehend einig. So wurden Frauen mit hohem Körperfettgehalt als dominanter eingestuft, solche mit niedrigem als eher unterwürfig. Das hat wohl mit den Proportionen des Gesichts zu tun. «Bei Männern ist der Bereich unterhalb der Nase im Durchschnitt grösser als bei Frauen», sagt Sonja Windhager. Bei Frauen mit höherem Körperfettanteil aber vergrössert sich durch Fetteinlagerungen genau dieser Teil des Gesichts. «Deshalb wirken solche Morphs männlicher und oft auch dominanter», erklärt die Forscherin.

Wenn es um die Attraktivität der Gesichter ging, schnitten dagegen die Versionen mit mittlerem Fettanteil am besten ab. Das könnte ein Erbe aus den frühen Tagen der Menschheitsgeschichte sein. Denn damals dürften sowohl sehr dünne als auch sehr dicke Menschen in Sachen Gesundheit und Familiengründung im Nachteil gewesen sein. Also hat sich im Laufe der Evolution der Trend durchgesetzt, sich möglichst für Partner mit mittlerem Körperfettanteil zu entscheiden – und diese attraktiv zu finden.

Autos wirken wie Gesichter

Ausser dem Fett gibt es allerdings noch viele weitere Faktoren, die das Aussehen eines Gesichts beeinflussen. So haben die Wiener Forscherinnen zusammen mit Kollegen aus Deutschland und Russland untersucht, ob man aus bestimmten Indizien im Gesicht eines Menschen auf seine Körperkraft schliessen kann.

Tatsächlich fand sich ein solcher Zusammenhang sowohl bei europäischen Männern als auch bei Männern und Frauen der Massai in Tansania. Stärkere Menschen hatten rundere, robustere Gesichter und eine ausgeprägte Kieferpartie. Solche Gesichter wurden von europäischen Testpersonen häufig als männlich und dominant, aber nicht unbedingt als sehr attraktiv eingestuft. Dass solche Untersuchungen in so verschiedenen Weltregionen wie Österreich und Tansania zu ganz ähnlichen Ergebnissen kommen, überrascht Sonja Windhager nicht. Denn zum einen ist die grundsätzliche Anordnung von Fettpolstern und Muskelsträngen bei allen Menschen ähnlich. Zum anderen standen unsere Vorfahren überall vor den gleichen sozialen Herausforderungen. «Es war für sie ganz wichtig, Eigenschaften wie die Stärke und Dominanz ihres Gegenübers möglichst schnell einschätzen zu können», erklärt Windhager. Wer keine blutige Nase riskieren wollte, musste sich dementsprechend verhalten.

Überlegene Gegner zu provozieren, ist noch nie eine gute Idee gewesen. Also brauchte man ein paar grobe Daumenregeln, mit deren Hilfe man seine Mitmenschen rasch einordnen konnte. Die eine oder andere davon mag sich zwar durch kulturelle Einflüsse verändert haben. Das grundsätzliche Schubladendenken aber scheint rund um die Welt bis heute ähnlich zu funktionieren.

Diese in der Evolution bewährten Mechanismen hat die Menschheit so verinnerlicht, dass sie auch in vollkommen unpassenden Situationen Anwendung finden. So fanden Windhager und Kollegen heraus, dass viele die Vorderseite von Fahrzeugen nach ähnlichen Kriterien beurteilen wie menschliche Gesichter. Autos mit breitem Fahrgestell und breiter Kühlerhaube, aber kleiner Windschutzscheibe werden als dominant eingeschätzt.

Das mag harmlos sein. In anderen Fällen aber hat das unkritische Anwenden der von der Evolution überlieferten Daumenregeln weitreichende Folgen. Denn es kann dazu führen, Menschen in Schubladen zu stecken. So neigen Lehrer dazu, den gleichen Text besser zu beurteilen, stammt er von einem attraktiveren Kind.

Ähnlich bei Bewerbungen: Kandidaten, deren Foto auf Übergewicht schliessen lässt, werden seltener zum Gespräch geladen. Sonja Windhager plädiert dafür, Lehrer und Personalentscheider zu schulen, um sie auf die Fallstricke des evolutionär verankerten Bauchgefühls aufmerksam zu machen. Denn nicht jede Regel, die sich in der Evolution bewährt hat, passt in die moderne Welt: «Heute ist nicht mehr der Stärkste der Gefährlichste, sondern der mit dem roten Knopf für die Atombomben.»