Gesundheit

Antibiotika in Halswehpastillen: Nur die wenigsten wissen Bescheid

Mit dem Herbst nehmen auch die Erkältungen wider zu.

Mit dem Herbst nehmen auch die Erkältungen wider zu.

Kaum jemand will Antibiotika, doch oft schlucken wir sie, ohne es zu wissen. Zum Beispiel bei Halsweh. Laut Experten sind sie bei diesem Leiden meistens überflüssig.

Der Herbst hat Einzug gehalten, und die ersten Erkältungen lassen nicht mehr lange auf sich warten. Bei kratzenden und schmerzenden Hälsen versprechen jedoch zahlreiche Halsschmerzmedikamente Linderung. Was viele nicht wissen: Etliche Lutschtabletten enthalten nicht nur schmerzlindernde und desinfizierende Wirkstoffe, sondern auch Antibiotika.

Und das finden viele Schweizerinnen und Schweizer ganz und gar nicht toll. Das ergab eine soeben veröffentlichte repräsentative Umfrage des Wiener Marktforschungsinstituts «meinungsraum.at» bei 500 Personen über 16 Jahren: Mehr als drei Viertel der Befragten erklärten, sie seien «grundsätzlich kritisch eingestellt» gegenüber Antibiotika, und gar 86 Prozent gaben an, sie fänden den Einsatz von Antibiotika in Halsschmerzmitteln «nicht» oder «eher nicht» sinnvoll. Allerdings hatten gleichzeitig drei von vier befragten Personen nicht die geringste Ahnung, dass auch gängige Halswehpastillen wie etwa Mebucain, Mebu-Lemon oder Mebu-Cherry Antibiotika enthalten.

Die Umfrage wurde in Zusammenarbeit mit der Gruppe NEXT (Neue Expertenstrategie zur Therapie von Halsschmerzen) durchgeführt, die sich für eine ursachengerechte Halsschmerz-Therapie einsetzt. Die Ergebnisse der Umfrage zeigen, dass die Wissenslücken in der Bevölkerung gross sind: Kaum jemand der Befragten kennt den Unterschied zwischen viralen und bakteriellen Infekten. Und mehr als jede dritte Person geht irrtümlicherweise davon aus, dass Antibiotika schmerzstillend oder gegen virale Infekte wirken.

Tatsache ist: Antibiotika helfen ausschliesslich gegen Bakterien. «In den meisten Fällen sind Halsschmerzen jedoch viral bedingt und Antibiotika in Halsschmerztabletten daher überflüssig», sagt Michael Schneider, Berner Facharzt für Innere Medizin und NEXT-Mitglied, in einer aktuellen Mitteilung. Das bestätigt Sarah Tschudin Sutter, Kaderärztin Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel: «Tatsächlich ist der Zusatz von Antibiotika in Halswehpastillen überflüssig, weil diese gegen Viren nicht wirken», sagt sie.

Auf die Entwicklung von Resistenzen, beruhigt sie allerdings, hätten diese Antibiotika einen vernachlässigbaren Effekt: «Sie wirken vorwiegend lokal und werden kaum vom Körper aufgenommen.» Zudem werde der meist verwendete Wirkstoff Tyrothricin kaum für die Behandlung von anderen Infekten eingesetzt. Viel wichtiger sei es, systemische Antibiotikatherapien nur sehr gezielt und sparsam einzusetzen, also Therapien, bei denen der gesamte Organismus mit Antibiotika behandelt wird.

«Sinnvoll ist ein Einsatz von Antibiotika erst, wenn eine sorgfältige ärztliche Abklärung zeigt, dass tatsächlich eine bakterielle Infektion vorliegt», betont Tschudin. Eine solche kann vorliegen, wenn sehr hohes Fieber über mehrere Tage nicht abklingt oder wenn im Hals bereits Eiterherde sichtbar sind. «Dann ist auf jeden Fall ein Arztbesuch angesagt», rät die Infektiologin.

Bei gewöhnlichen Halsschmerzen, so zeigte die Umfrage, begrüssen es ohnehin vier von fünf Personen, wenn ihnen in der Apotheke eine – antibiotikafreie – Alternative angeboten wird. «Eine gute Beratung ist auch bei Halsschmerzen wichtig – schliesslich ist die Apotheke kein Einkaufszentrum, sondern ein Kompetenzzentrum», wird der Zürcher Apotheker Yves Platel in der Mitteilung zitiert.

Meistgesehen

Artboard 1