Babyglück

Arzt verhilft Frauen zum Wunschkind – mithilfe des Uterus der Grossmutter

Sechs Kinder kamen bereits in einer transplantierten Gebärmutter zur Welt. Istock

Sechs Kinder kamen bereits in einer transplantierten Gebärmutter zur Welt. Istock

Ein schwedischer Arzt greift zu ungewöhnlichen Methoden. Ihm ist es mittlerweile sechsmal gelungen, Frauen mittels einer transplantierten Gebärmutter zum leiblichen Kind zu verhelfen. Auch Schweizer Ärzte planen solche Eingriffe.

Das Wunder ist ein Dreikäsehoch, blond, mit blauen Augen. Klar ist jedes Kind ein Wunder. Doch dieser Knabe ist noch ein bisschen Wunder mehr – zumindest aus medizinischer Sicht: Er kam im Sommer 2014 zur Welt, nach neun Monaten im Bauch seiner Mutter, die ursprünglich keine Gebärmutter hatte. Was tönt wie «Doctor House» in der Science-Fiction-Version, ist das Ergebnis einer jahrzehntelangen Forschung. Dahinter steht ein Mann: Mats Brännström, Chefarzt der Universitäts-Frauenklinik Göteborg. Ihm ist es mittlerweile sechsmal gelungen, Frauen mittels einer transplantierten Gebärmutter zum leiblichen Kind zu verhelfen. Der Gynäkologe steht weltweit allein da mit seinem Erfolg. Und «Erfolg» heisst in der Sprache der Transplantationsmedizin: die Geburt eines Kindes.

Gebärmutter der eigenen Mutter

Vom Göteborger Wunder beflügelt, planen weltweit mehrere Ärzte – unter anderem am Zürcher Unispital – ebenfalls solche Eingriffe. Und was sie zum Thema Gebärmuttertransplantation äussern, scheint tatsächlich in Richtung Frankensteins Labor zu deuten: «Problemlos» sei die Wiederentfernung einer gespendeten Gebärmutter bei eventuell auftretenden Komplikationen. Im Fall einer erfolgreichen Operation aber führe das «funktionsfähige Transplantat» dazu, dass die Frauen «erfolgreich» menstruierten – wer hätte je gedacht, dass man neuerdings selbst die Monatsblutung erfolgreich oder erfolglos betreiben kann? Aber zurück zur Sache, die im Übrigen keine grosse Sache zu sein scheint: Ist die Gebärmutter gemäss einigen transplantationsbegeisterten Ärzten sowieso «nur ein Muskel», der als «Versorgungshülle» des Embryos dient. Adieu, Mutter Natur – und mit dem weiblichen Schoss als Mythos muss neuerdings erst recht niemand kommen. Dieser heisst nun «funktionsfähige Versorgungshülle nach erfolgreicher Aktivierung». Und wer heute noch ein Kind als Geschenk betrachtet, ist sowieso total passé. In Göteborg zumindest stecken minutiöse Arbeit, ein Team von zehn Spezialisten sowie ein ungeheures Ausmass an Spitzentechnologie hinter jedem mittels Uterus-Transplantation geborenen Baby.

Zuerst muss in einer zehnstündigen Operation die Gebärmutter ihrer Spenderin entnommen und unmittelbar darauf der Empfängerin transplantiert werden (mit fünf Stunden vergleichsweise weniger aufwendig). Nun wird mittels Medikamenten eine Abstossung verhindert. Doch selbst damit ist auf natürlichem Weg keine Schwangerschaft möglich. Stattdessen erfolgt sie über eine – bereits zuvor abgeschlossene – In-vitro-Behandlung und ist genauso medizinisch gesteuert, wie das Gebären per Kaiserschnitt zur Schonung des Transplantats nach knapp neun Monaten. Wegen Komplikationen mussten allerdings alle Kinder deutlich vor dem Termin auf die Welt geholt werden.

Nach maximal zwei Schwangerschaften wird die Gebärmutter wieder entfernt, um die Medikamente gegen die Abstossungsreaktion absetzen zu können. Das ist Spitzenmedizin im immer schneller drehenden Karussell ihrer Möglichkeiten. Geradezu bescheiden wirkt dagegen Mats Brännström, Chefarzt, Vater von fünf Kindern, und Vater aller Uterustransplantationen. Vielleicht, weil er bei seiner langjährigen Arbeit nie den medizinischen Ruhm im Hinterkopf hatte, sondern jene Mittzwanzigerin mit Diagnose Gebärmutterkrebs, die er einst als junger Assistenzarzt in den USA behandelte. Als er ihr damals eröffnete, sie werde nie schwanger werden können, fragte sie ihn: «Warum transplantieren Sie mir nicht den Uterus meiner Mutter?» So verrückt die Frage klang, sie sass.

In seiner Freizeit begann Brännström also gemeinsam mit einer Doktorandin zu forschen. Angefangen mit Mäusen, denen sie die Gebärmutter entfernten – und wieder einsetzten (um die Abstossung zu verhindern). Dieselbe Prozedur folgte an Schweinen, Schafen und Pavianen. Jahrzehntelang dauerten die Versuche, Rückschläge gab es einige, aber Brännström war mittlerweile Spezialist für Bäuche. Und sein eigener sagte ihm: Du bist auf dem richtigen Weg. Dieser führte ihn schliesslich zu seiner berühmt gewordenen Pilotstudie mit neun jungen Frauen. Sie erhielten mittels sogenannter Lebendspende einen Uterus. Fast immer war es jener der eigenen Mutter. So wurde aus deren Gebärmutter wortwörtlich eine Gebärgrossmutter, schliesslich wuchs in ihr nach der Tochter nun auch das Enkelkind heran. Ein Bauch für zwei – ist das Medizin im Machbarkeitswahn? Oder ein Segen für alle Betroffenen?

Bislang blieb Frauen mit Kinderwunsch, die durch eine Krebserkrankung oder von Geburt an keine Gebärmutter haben, nur der Weg über die Adoption. Oder über eine Leihmutterschaft. Diese ist allerdings in Schweden wie in der Schweiz verboten. Denn meist profitiert sie von der finanziellen Abhängigkeit der Leihmutter und ist damit ethisch fragwürdig – und zudem juristisch problematisch, wie die Zürcher Kinderwunsch-Spezialistin Estilla Maurer erklärt, da die Leihmutter rechtlich Mutter des Kindes ist.

Aber auch bei der Gebärmutter-Transplantation gilt: Auf einen Kinderwunsch folgen Eingriffe an zwei Frauen – und sehr viele Fragezeichen. Schliesslich dienen die medizinischen Eingriffe nicht dazu, Leben zu retten oder zu verlängern – sondern einer Frau ihr leibliches Kind zu ermöglichen. «Jede Schwangerschaft stellt eine potenzielle Gefahr für die Gesundheit der Frau dar», erklärt Estilla Maurer. «Aber die gesundheitlichen Risiken für die Kinderwunsch- Patientin sind bei einer solchen Therapie fast zu hoch.» Ähnlich hoch sind auch die Kosten. Sie schlagen mit 50 000 Euro pro Transplantation zu Buche. 100 000 Franken würde die Therapie in der Schweiz kosten, die Patientinnen müssten selber dafür aufkommen.

Spenderin wird gefährdet

Zudem ist auch dieses Vorgehen ethisch fragwürdig, da es mit der Spenderin eine Unbeteiligte gefährdet. Doch mit der Milchmädchenrechnung «Zwei gesunde Frauen + Operationsrisiko = Unethik» kommt man in diesem Fall nicht weiter. Denn wie unbeteiligt ist eine Spenderin und potenzielle Grossmutter, wenn es um ihre Tochter und ihr Wunschenkelkind geht? Wie unbeteiligt auch, wenn es in ihrer Hand, oder: ihrem Schoss, liegt, das Kind zu ermöglichen? Und selbst wenn noch vor wenigen Jahrzehnten Millionen Frauen eine ungewollte Kinderlosigkeit akzeptiert haben; führen die Möglichkeiten heutiger Medizin nicht auch zu neuen Erwartungen in den Köpfen vieler Menschen? Sag mir, wo die Grenzen sind, wo sind sie geblieben?

Als vor 40 Jahren das erste Kind in vitro gezeugt wurde, ging ein Aufschrei um die Welt. Heute unterziehen sich in der Schweiz jährlich über 6000 Frauen dieser Behandlung. Und wer weiss, ob nicht auch immer wieder das Unmögliche versucht werden muss, damit das Mögliche überhaupt möglich wird. Wie schwierig Antworten auf diese Fragen ist, zeigt, wenn selbst Ärzte sich in Floskeln retten: «Wenn die Weltgesundheitsorganisation WHO ungewollte Kinderlosigkeit als Krankheit definiert, ist es als Arzt unsere Pflicht zu helfen.» Oder wenn Ethikerinnen «froh sind um die offene Debatte». Mats Brännström und sein Team haben auf all diese Fragen längst ihre persönliche Antwort gefunden. Und sie haben damit sechs Familien sehr glücklich gemacht.

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