Leben

Auf den Campingplätzen dieser Welt erfährt man die Wahrheit über Familienferien

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus. Echtes Glück kommt dosiert. (Bilder: Imago, Plainpicture)

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus. Echtes Glück kommt dosiert. (Bilder: Imago, Plainpicture)

Familienferien? Geht doch! Wer die Kinder der anderen beobachtet, beginnt den eigenen Nachwuchs zu schätzen.

Und dann sitze ich allein auf diesem Felsvorsprung. Die Sonne geht langsam unter, die Hitze lässt etwas nach. Unter mir schlängelt sich ein klarer Bach durch die korsische Landschaft. Ich nehme eine Flasche lauwarmes Bier aus der Strandtasche, trinke einen Schluck, und zum ersten Mal seit fünf Tagen denke ich: Familienferien – geht doch! Was daran liegt, dass meine Familie gerade nicht in unmittelbarer Quengelnähe ist. Der Kleine baut mit viel zu schweren Steinen einen Staudamm, der Grössere sitzt in einem Wasserloch und versucht Flusskrebse zu fangen, und mein Mann tut irgendwo irgendwas bestimmt sehr wichtiges. Ich nehme noch einen Schluck aus der Flasche, zähle langsam bis drei, und dann kommt es: «Mammaaa!»

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Sich während Familienferien mit zwei kleinen Kindern zu erholen, ist etwa so wie in einem Militärcamp Miss Friendship werden zu wollen. Kann man versuchen, ist aber lächerlich. Ferien, das war einmal jene Zeit, wo ich tat, was ich am liebsten tue. Lesen, gut essen, durch fremde Städte spazieren. Seit sieben Jahren sind Ferien jene Zeit, wo ich das tue, was irgendjemand anderes gerade jetzt am liebsten von mir hätte: Vorlesen, kochen, die zweite Glace kaufen, die dritte Glace aus dem Sand klauben, müde Kinder durch fremde Städte schleppen.

Dreimonatige Planungsodyssee

Ich will mich nicht beklagen, ist alles selbst gewählt. Es sind meine Kinder, meine schlechte Planung. «Gehen Sie auf die Bedürfnisse aller Familienmitglieder ein», «Beginnen Sie früh genug mit der Organisation», steht in jedem Ratgeber für «Einfach perfekte Familienferien». Klar, haben wir gemacht. Der Fünfjährige will nach Korsika wie jedes Jahr. Ich will überall hin, nur ganz sicher nicht ans Mittelmeer. Der Siebenjährige hat sich jeglicher Aussage enthalten, für ihn sind Grenzübertritte an sich schon Grenzerfahrungen, und mein Mann will einfach nicht frieren.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Was folgt, ist eine dreimonatige Planungsodyssee: Schweden (zu viele Mücken) oder doch französische Atlantikküste (zu kalt), wobei man in Klimanotstandzeiten wie diesen allerhöchstens mit dem Zug bis ins Wallis verreisen sollte, (dort hat es aber kein Meer). Der Sommer zieht ins Land. Wir kaufen uns im Affekt einen Wohnwagen, und die Kinder freunden sich mit der Vorstellung an, während der Ferien in unserer Garageneinfahrt zu campieren.

Neidisch scrollte ich abends durch die Reiseblogs von Familien, die zu fünft in einem winzigen Bus durch Ostpolen oder die Karpaten fahren. Selbst bei Wind und Regen grinsen alle wie Honigkuchenpferde aus ihren bunten Outdoorjacken. Für jeden Tag gibt es einen Plan und einen Plan B und niemals heisst dieser einfach nur: «Wir gehen morgens an den Strand und abends wieder zurück.»

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Wir vier ganz allein, ohne Puffer

Genau das werden wir aber tun. In Italien, am Mittelmeer, auf dem Campingplatz. Es hat einen grossen Pool. Schöne Strände, gutes Essen. Der Kleine wird glauben, er sei in Korsika, ich werde mich an den Atlantik wünschen. Es ist auch vollkommen egal, wohin wir verreisen. Uns selbst werden wir nicht los. Im Gegenteil: Wir werden mit aller Wucht auf uns zurückgeworfen. Da stehen wir vier plötzlich ganz allein. Keine Schule, keine Jobs, Hobbys, Mittagstische, Sitzungen, Gspänli und Grosseltern, die wir als Puffer zwischen uns schieben könnten. Kein Bastelraum im Keller, um sich ein paar Stunden zu verziehen, kein Internet, um nicht richtig zuhören zu müssen, keine Legokisten, um sich darin zu verlieren. Familienferien sind ein soziales Überlebenstraining. No Exit, und einer hat immer Hunger.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Aber zum Glück gibt es noch die anderen. Die anderen Familien, nur eine Zeltwand, ein Strandtuch entfernt, halten sie uns den Spiegel vor. Da die italienische Mutter, die schwitzend und schnaufend versucht, drei aufblasbare Krokodile und eine Kühlbox an den Strand zu bringen, dort die deutschen, blonden Kinder, die sich mit Sonnencreme im Sand panieren. Eine Stunde am Strand, und man realisiert, dass auch andere Väter in uncoolen Badehosen fluchend dem Sonnschirm hinterherrennen. Dass auch andere Mütter, komplett erledigt, am Strand einschlafen und mit Sonnenbrand aufwachen. In den Campingferien gibt es keinen Instagramfilter, dafür sind dreckige Kleider irgendwann egal. Gibt es keine schützenden Betonmauern, um in Ruhe zu streiten, dafür immer Kinder, die noch lauter schreien als die eigenen.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Inszeniertes Familienglück auf Instagram sieht anders aus.

Elternsein ist wunderbar und schrecklich anstrengend. In den Ferien sieht man, dass es allen so geht, das hilft sehr. Und dann gibt es kurze Momente, wenn ich auf diesem Felsvorsprung sitze und meine Familie ziemlich perfekt finde. Doch eigentlich warte ich ja dann nur darauf, dass einer schreit: «Mamaaaa!»

Autor

Katja Fischer De Santi

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