Mini-Nationen

Auf schwimmenden Inseln soll die Gesellschaft der Zukunft entstehen

Mikronationen auf schwimmenden Inseln sollen zu unserer neuen Heimat werden. Die Utopie wird konkret.

Der Mensch soll die Meere besiedeln. Von dieser Idee sind mittlerweile viele begeistert und einige besessen. Der Traum vom Seasteading, dem Leben auf schwimmenden Inseln im Meer, wird von den unterschiedlichsten Personen geteilt: Libertäre träumen von Siedlungen in internationalem Gewässer, wo sie von jeglichen Einflüssen traditioneller Staaten verschont bleiben. Forscher hoffen, dass sie ohne Vorschriften und Regulierungen wissenschaftliche Durchbrüche erzielen, die am Festland nicht möglich wären. Pensionäre erwarten schwimmende Alterswohnungen und ein Leben ohne Steuern. Visionäre glauben, dass sie so neue Gesellschaftsformen testen und entwickeln können, welche die Menschheit in eine neue Epoche führen werden.

Selbst humanitäre Organisationen interessieren sich für die Idee, weil durch den steigenden Meeresspiegel unzählige Menschen ihre Heimat verlieren werden: Siedlungen auf dem Meer könnten zum Auffanglager für Klima-Flüchtlinge werden. Die Seasteading-Inseln sind vergleichbar mit Kreuzfahrtschiffen, die aber nie auch nur in die Nähe vom Festland kommen. Ein libertärer Traum, der seit Jahrzehnten existiert, jetzt aber erstmals konkret wird.

Eigenständige Start-up-Länder

Es verwundert nicht, dass die Seasteading-Bewegung vor allem im Silicon Valley viele Anhänger findet. Das ist jene Region im Norden Kaliforniens, wo die meisten den Staat in erster Linie als Hindernis betrachten; wo fast jeder ein Gesellschaftsmodell im Hinterkopf hat, das der aktuellen Ordnung bei weitem überlegen wäre; wo man lieber alles zurücklässt und neu anfängt, statt ein angeknacktes System zu reparieren. So will zum Beispiel Elon Musk, der bekannteste Tech-Visionär überhaupt, Kolonien auf dem Mars bauen. Als Gründer von Paypal ist er zum Multimilliardär geworden, und dieses Geld investiert er jetzt, um aus seiner Vision Realität zu machen. Genau gleich macht es Peter Thiel, der andere Gründer von Paypal – nur zieht es ihn nicht auf den Mars, sondern eben aufs Meer. Thiel ist der wichtigste Unterstützer der Seasteading-Bewegung: Bereits 2008 gründete er das Seasteading-Institut, zusammen mit Patri Friedman, dem Enkel des bekannten Ökonomen Milton Friedman.

Genau wie sein Grossvater ist auch der junge Friedman sehr angetan vom Prinzip des freien Markts: Was im Silicon Valley funktioniert, will der Unternehmer weiterentwickeln und auf hoher See nicht nur Start-up-Firmen gründen, sondern ganze Start-up-Länder. Visionären soll wortwörtlich eine Plattform geboten werden, um neue Regierungs- und Gesellschaftsformen zu testen. Wem es in der einen schwimmenden Siedlung nicht gefällt, der nimmt seine Mini-Insel, koppelt sich ab und dockt an ein neues Land an. Das soll genauso einfach werden wie der Wechsel des Handymodells oder des Internetanbieters.

«Mit konkurrierenden Mikronationen, einem Silicon Valley im Meer, lässt sich die beste Regierungsform finden», sagt Friedman. «Die Trial-and-error-Methode und die flüssigen Grenzen werden zu Gesellschaftsformen führen, die wir uns heute nicht mal vorstellen können.» Für ihn und seine Anhänger sind Seasteading-Inseln nichts anderes als Petrischalen auf hoher See; staatspolitische Labore, die soziale Experimente ermöglichen. All dies klingt utopisch, und man kann es als Fiebertraum von Valley-Visionären abtun. Das ist sogar ziemlich einfach, wenn man die Errungenschaften des Seasteading-Instituts seit der Gründung im Jahr 2008 betrachtet: Damals kündigten die Verantwortlichen nämlich selbstbewusst an, dass bereits 2010 die ersten bewohnbaren Inseln im Meer schwimmen werden. Der Termin wurde dann zuerst auf 2014 und schliesslich auf unbestimmte Zeit verschoben. Heute gibt es zwar viele Visualisierungen und 3-D-Modelle, ein ausführliches Buch und eine jährliche Konferenz, aber eine tatsächliche Insel ist noch nicht aufgetaucht.

Erste Inseln in Tahiti

Nun soll es aber endlich konkret werden: Vergangenes Jahr hat das Seasteading-Institut einen Vertrag mit der Regierung von Französisch-Polynesien abgeschlossen – jener pazifischen Inselgruppe, zu der unter anderem Tahiti gehört. Genau dort will das Seasteading-Institut innerhalb der nächsten zwei Jahre eine wirtschaftliche Sonderzone einrichten und die ersten Seasteading-Inseln testen. Auch den Projektinitianten ist unterdessen bewusst geworden, dass der Bau von schwimmenden Ländern durchaus mit technologischen Herausforderungen verknüpft ist. Deshalb haben die aktuellen Projektskizzen mit der ursprünglichen Vision einer Grossstadt auf See noch nicht viel gemeinsam.

Nur rund 250 Personen werden auf den geplanten zwölf Inseln wohnen. Zudem werden sie nicht in internationalem Gewässer gebaut, sondern lediglich einen Kilometer von der Küste entfernt. Dort ist das Meer ruhiger, und die Inseln müssen nicht von Anfang an selbstversorgend sein. So wollen die Visionäre den Beweis liefern, dass ihre Idee überhaupt technologisch umsetzbar ist.

Eine Arche Noah für Libertäre?

Die 60 Millionen Franken, welche sie für ihren ambitionierten Plan benötigen, wollen die Verantwortlichen des Seasteading-Institut dieses Jahr sammeln. Und obwohl es im Silicon Valley genügend Investoren gibt, die ein solch revolutionäres Projekt unterstützen könnten, ist Skepsis angebracht: Als das Institut im Jahr 2013 das letzte Mal per Crowdfunding Geld für ihre Vision sammeln wollte, kamen lediglich 30 000 Franken zusammen.

Technologisch ist das Vorhaben zwar durchaus ambitiös, aber mit genügend Geld und guten Ingenieuren dürfte es daran nicht scheitern. Entscheidend für den Erfolg der schwimmenden Inseln dürfte deshalb vor allem sein, ob es tatsächlich genügend Gründe gibt, auf eine schwimmende Insel zu ziehen. Damit würde man die gesamte Infrastruktur zurücklassen, die sich auf dem Land über Jahrtausende gebildet hat. Zwar werden Grossstädte tatsächlich immer enger, jedoch ist momentan nur etwa ein Prozent der totalen Landfläche besiedelt. Platz hätte es also genug. Und weil man derzeit noch einiges ökonomischer auf Land baut als auf Wasser, ist die Besiedelung der Meere alles andere als unausweichlich.

Die Idee vom Staats- und Forschungslabor auf See, wo Innovation ungehemmt entstehen und neue Gesellschaftsformen gedeihen können, ist spannend. Aber ob die schwimmenden Start-up-Länder tatsächlich zu unserer neuen Heimat werden oder nur zur Arche Noah für verstossene Libertäre, Visionäre und Pensionäre, das muss sich erst noch zeigen.

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