Leben

Ausflug in eine der ursprünglichsten Regionen der Schweiz: Im Safiental werden uralte Heuschober vor dem Verfall gerettet

Das Safiental gilt innerhalb der Schweiz als Geheimtipp.

Das Safiental gilt innerhalb der Schweiz als Geheimtipp.

Im Safiental ist die walserische Lebensart inmitten rauer Naturschönheit erhalten geblieben. Nirgends ist der Winter so lang und hart wie hier, nirgends bleibt die Sonne länger hinter dem Gipfelkranz verborgen. Ein Besuch vor Ort.

Wer auf den Spuren der Walser das Safiental erkunden will, tut dies nicht über die Talstrasse, die von Bonaduz und Versam im Vorderrheintal dem Flusslauf der Rabiusa folgt. Sondern, man nimmt den Weg, den die erste Walsergruppe kurz nach dem Jahr 1300 gegangen ist. Der Weg führt von Splügen an der San-­Bernardino-Route zu Fuss über den Safierberg und dann von oben her in das langgezo­gene V-Tal zwischen dem Domleschg und dem Valsertal.

Ein Münzenfund auf dem Safierberg zeugt von römischem Passverkehr. Der heute beste­hende Saumpfad wurde indes von polnischen Internierten während des Zweiten Weltkrieges angelegt. Trotzdem: Wenn man auf diesem Weg das Tal erkundet, erhält man einen authentischen Eindruck von der Art und Weise, wie die Besiedlung vonstattenging. Nicht die satten Weiden unten im Tal wurden den ersten Walsersiedlern zugestanden, sondern die kargen, steindurchsetzten Fluren im hintersten Teil des Tales.

Nirgends ist der Winter so lang und hart wie hier, nirgends bleibt die Sonne länger hinter dem Gipfelkranz zwischen Bruschg­horn und Bärenhorn verborgen. Und auch der Wanderin und dem Wanderer weht meist ein kühler Talwind entgegen, wenn sie hinabsteigen und auf das Gasthaus Turrahus zusteuern.

In Safien isst man ­romanisch

Bruschghorn, Chrachen, Gross­alp, Rabiusa, Wanna – was sofort auffällt, ist der Mix zwischen Flurnamen romanischer und walserischer Prägung. Während sich Bruschg vom lateinischen bruscum ableitet und Futterrest bedeutet (die Alpen wurden von den Romanen erst zuletzt – als Rest – genutzt), und während die Rabiusa von den Romanen sinngemäss als wütendes Wasser gesehen wurde, verstehen sich Bezeichnungen wie Grossalp und Wanna (Wanne) den Deutschsprechenden von selbst.

Valserhorn 2886, Tällihorn 2820, Bärenhorn (zentrum links) and Teischer 2688 (ganz links)oberhalb von Vals.

Valserhorn 2886, Tällihorn 2820, Bärenhorn (zentrum links) and Teischer 2688 (ganz links)oberhalb von Vals.

Auch in der Sprache der Safierinnen und Safier finden sich solche romanischen Versatzstücke. Vor allem, wenn es um Korn und Mehl geht. Denn von den Romanen lernten die Walser, wie man Getreide pflanzt. Überhaupt isst man in Safien romanisch. Das Mittagessen ist bei den alteingesessenen Safiern immer noch das «Maränd», abgeleitet vom romanischen marendar.

Die «tütschen Lüt»: Gesucht und geschätzt

Diese Durchmischung der Kulturen deutet darauf hin, dass die Walser im Safiental nicht als gewalttätige Kolonisatoren erlebt wurden. Im Gegenteil: Die Walser waren bekannt als gute Viehzüchter, Sennen, Söldner und Säumer. Solche suchten die Gebietsherren und luden deshalb die «tütschen Lüt» ein, sich in Safien anzusiedeln. Die Einwanderer regelten denn auch ihr Verhältnis durch Vertrag mit dem Grundherrn und dem Inhaber der Gebietshoheit.

Schon bald zogen sich die Romanen aus dem Tal zurück, der letzte romanische Familienname Safiens findet sich in einem Schriftstück aus dem Jahre 1385 dokumentiert. So tritt man trotz der romanischen Einflüsse ein in eine Region von ganz und gar walserischem Gepräge.

Vor allem, wenn man von Thalkirch mit seinem von der Rabiusa bedrohlich unterspülten Walserkirchlein gemächlich ansteigt zu den Camaner Hütten. Wie an einem Silberfaden aufgereiht, stehen sie auf einer Linie als Zeugen walserischer Alpwirtschaft. Diese kennt – im Gegensatz zur Maiensässkultur im Schweizer Mittelland – keine mittlere und obere Alp, sondern vollzieht mit einer einzigen Kette von Alpgebäuden die Trennung zwischen Weideland und dem Gelände mit intensiver Graswirtschaft.

Wenn man nun die meisten dieser Gebäude als Jäger- oder Wochenendhäuschen ausgebaut sieht, ist das eine neue Entwicklung. Vor dieser Zeit liessen sieben Einzelsennen auf den Camaneralpen jeden Abend von «Chüebueben» das Vieh einholen, um die Kühe zu melken und die Milch in den rauchigen Hütten zu Käse, Butter und Ziger zu verarbeiten. Im Winter dann zogen die Bauern mit ihrem Vieh von Stall zu Stall, zwischen Weiler und Alp, um das dort eingebrachte Heu zu hirten. Oder sie fuhren das Heu aus den Schobern auf grossen Hornschlitten zu Tale.

Intakte Perspektiven

Heute stehen in Camana neben den traditionellen Wohnhäusern mit den gemauerten Küchen und dem Specksteinofen im Stubenzimmer zwei grosse Ställe. Die Heuschober zwischen dem Weiler und den Alp­stafeln indes, sie stehen verlassen. Es ist eine millionenschwere Stiftung, die sich ihrer angenommen und Schreiner im Tal damit beauftragt hat, die Schindeldächer in Stand zu erhalten. Dies in der Hoffnung, dass in der Zukunft eine neue Zweckbestimmung ihren Verfall stoppe.

Noch einmal tauchen wir in das walserische Erbe des Tales ein und besuchen das Camaner Heimatmuseum. Auffällig ist, wie viele Musikinstrumente an prominenter Stelle in der Stube präsentiert werden. Wie gut es um den gesanglichen Nachwuchs bestellt ist, kann noch heute jährlich von jedermann und jederfrau in der Gemeinde nachgeprüft werden. Dann nämlich, wenn die vereinigte Schuljugend am Neujahrstag von Haus zu Haus zieht und einige Lieder zum neuen Jahr zum Besten gibt. Es ist eine bunte Schar mit einer starken Botschaft: Es gibt eine Zukunft für das Safiental, und das sind wir!

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