Öko-Boom

Bio-Weltmeister Schweiz: Das goldene Geschäft mit dem grünen Gewissen

st der Öko-Boom nur etwas für reiche Länder oder lässt sich damit die Welt ernähren?

st der Öko-Boom nur etwas für reiche Länder oder lässt sich damit die Welt ernähren?

Niemand kauft mehr biologisch produzierte Lebensmittel als die Schweizer. Doch ist der Öko-Boom nur etwas für reiche Länder – oder lässt sich damit die Welt ernähren?

Die Bio-Salami schwitzt in der Sommerhitze. Die weissen Fettaugen verflüssigen sich. Am Stand daneben giesst eine junge Frau einen Strauss Rüebli mit einer Giesskanne. Sie drohen sonst in der Sommerhitze von Zofingen zu verdorren. Es ist Bio-Markt im Aargauer Städtchen, zum 18. Mal. 40 000 Besucher werden bis Sonntag erwartet.

Gutes Gefühl hat seinen Preis und ist nichts für Erbsenzähler.

Gutes Gefühl hat seinen Preis und ist nichts für Erbsenzähler.

Bauer Dieter Scheibler (51) aus Oftringen war schon bei der ersten Durchführung der mittlerweile grössten Schweizer Bio-Messe dabei. Sein Vater habe seine Kühe und Hühner bereits mit Bio-Futter gefüttert, er selbst habe 1996 die Bio-Knospe beantragt. Während er das erzählt, machen Kontrolleure von Bioinspekta die Runde in der Zofinger Altstadt. Nur wer ein Bio-Zertifikat vorweisen kann, darf seine Ware feilhalten. Es wird streng reguliert, was sich als «Bio» ausweisen kann.

Milliarden-Umsätze

Bio boomt. Allein im vergangenen Jahr stieg der Umsatz mit Bio-Produkten hierzulande um rund 8 Prozent auf 2,5 Milliarden Franken an. Die Schweiz ist beim Pro-Kopf-Konsum absolute Spitzenreiterin (siehe Grafik). Global wächst der Bio-Markt stetig und setzt knapp 80 Milliarden Euro um. Bio als Big Business.

Doch biologische Landwirtschaft ist umstritten. Kritiker schieben sie in die Wohlfühl-Ecke. Gut genug, um Konsumenten einzureden, sie täten was für die Welt. Dabei hoffnungslos ineffizient. Der Agrochemie-Konzern Syngenta fährt heikle Fakten auf. In einem Bericht mit dem Titel «Wir müssen mit weniger mehr produzieren» steht: Von der gesamten globalen Agrar-Fläche besetze die biologische Landwirtschaft bloss ein Prozent. Dort liege die Ernte durchschnittlich um 35 Prozent tiefer als in der konventionellen Landwirtschaft. «Dieses Produktionsniveau reicht nicht aus, um eine wachsende Weltbevölkerung zu ernähren.»

Versuche man es doch mit biologischer Landwirtschaft, brauche es dramatisch mehr Agrarland. Gemäss Bericht müssten es 50 bis 100 Prozent mehr sein im Vergleich zum Stand von 1960. Damit würde wiederum die Klimaerwärmung beschleunigt, wie aus einem Bericht der US-Stanford-Universität folgt. Weil mehr Wälder gerodet werden müssten für die Landwirtschaft. Mit dem Einsatz hochmoderner Agrar-Methoden habe man dies bisher verhindern können. «Das hat den Trend zur Erderwärmung verlangsamt.»

Der Schweizerische Bauernverband hält ebenfalls nichts von einem alleinigen Allheilmittel-Anspruch der biologischen Landwirtschaft. Er hält ihr zwar zugute, die Ressourcen zu schonen. Aber: «Sie bringt viel weniger Ertrag und benötigt somit eine grössere Fläche für den gleichen Output», so eine Sprecherin. Zudem sei sie mit deutlich höheren Kosten verbunden. «Das wiederum führt zu Preisen, die sich ärmere Menschen gar nicht leisten können.»

40000 Messe-Besucher erwartet: Am «Bio Marché» in Zofingen herrscht dieser Tage heile Bio-Welt. Fabio Baranzini

40000 Messe-Besucher erwartet: Am «Bio Marché» in Zofingen herrscht dieser Tage heile Bio-Welt. Fabio Baranzini

Bio Suisse kontert Kritik

Derweil rückt die Bio-Industrie nicht ab von ihrem Anspruch. Der CEO des Dachverbandes Bio Suisse, Daniel Bärtschi, sagt, man könnte die Weltbevölkerung durchaus ernähren, wenn alle Bauern auf biologische Landwirtschaft umstellen würden (siehe Interview). Es sei nichts am Vorwurf, die biologische Landwirtschaft sei weniger produktiv. «Die Realität ist: Dank Schulung und Beratung konnten viele Biobauern in Entwicklungsländern ihre Erträge auf gleicher Fläche steigern.» Ohnehin müsse man anderswo ansetzen: «Ein Drittel der Lebensmittel wird täglich weggeworfen.»

Lieber ein Bio-Pouletbrüstli

Zurück in Zofingen. Bei der ersten Austragung des «Bio-Marché» vor 17 Jahren fürchteten sich die Bewohner noch vor einer «Invasion auf Birkenstock-Sandalen», erinnert sich Geschäftsführerin Dorothee Stich. Seither hat sich die Zahl der Stände und die Zahl der Besucher verdoppelt. Von Aussteigertum und Esoterik, für welche die Birkenstock-Latschen einst standen, ist wenig zu spüren. Bio-Banner aus Polyester schmücken die Stände, und die Produzenten verteilen wohlgestaltete Prospekte. Der Markt nimmt die Altstadt in Beschlag. Es läuft rund. Kritik prallt ab.

Markt-Chefin Stich ist überzeugt, dass Bio-Food nicht nur gesünder, sondern auch nachhaltiger ist. Bio-Bauer Scheibler aus Oftringen gibt zu bedenken, dass die Herstellung von chemischem Dünger viel fossile Energie koste. Zudem würde es manchem guttun, etwas weniger, dafür gesünder zu essen. Ein Bio-Pouletbrüstli sei einfach gesünder als eines aus industrieller Tierhaltung.

«Nur ein Teil der Fakten»

Konventionell gegen biologisch. Beide Seiten hantieren unversöhnlich mit Daten, Studien und Szenarien. Dazwischen steht Urs Niggli, Direktor am FiBL in Frick AG, dem Institut für biologischen Landbau, eine der weltweit führenden Forschungseinrichtungen. «In dieser Debatte behauptet jeder, was ihm gerade in den Kram passt. Jeder tischt immer nur einen Teil der Fakten auf.»

Klar sei indessen auch: «Die konventionelle Landwirtschaft muss schonender umgehen mit unseren Ressourcen und der Natur.» Das habe die Industrie teilweise erkannt. So habe der mächtige deutsche Agarverband DLG jüngst mit dem FiBL einen Beratungsvertrag abgeschlossen. «Die wissen: Sie sind zu weit gegangen mit der Industrialisierung des Ackerbaus und der Tierhaltung.» Nun wolle der Verband wieder mehr Vielfalt und Ökologie, zwei Kernanliegen des biologischen Anbaus, es aber nicht übertreiben mit der Rückbesinnung. «Gegenüber moderner Technik wollen sie offenbleiben.»

Die Bio-Landwirtschaft fordert von den Menschen gerne Verhaltensänderungen. Weniger Abfall zu produzieren; weniger Fleisch zu essen. Dann müsste die Landwirtschaft weniger Erträge liefern und die Weltbevölkerung könnte sich biologisch ernähren. Niggli differenziert: «Es ist der richtige, vielleicht sogar einzige Weg. Nur: Wie soll man die Menschen dazu bringen, ihr Verhalten so radikal zu ändern?» Die Bio-Landwirtschaft habe bisher darauf auch keine Antwort geliefert.

Sie sei stark im Umweltschutz und gut für das Tierwohl, sagt Niggli. «Das macht sie sehr gut und geniesst zu Recht ein grosses Vertrauen bei den Konsumenten. Aber das löst nicht automatisch die Herausforderung der Welternährung.» Denn die Biolandwirtschaft sei schwächer bei den Erträgen. «Deshalb muss sie moderner werden, offener für neuen Technologien.» Aber es gehe ihr nicht nur um die Welternährung. Sie wolle ihr Marktprofil behalten. Dafür grenzt sie sich ab von der konventionellen Landwirtschaft.

Migros mit mehr EU-Importen

Es geht ums Geschäft. Und zu zanken gibt es viel. Etwa darüber: Ein Drittel der Bio-Ware, die in der Schweiz verbraucht wird, kommt aus dem Ausland. Die Migros versucht gegenüber Coop, der grössten Biohändlerin der Schweiz, aufzuholen – mit Bio-Suisse-Produkten, aber auch mit EU-Bio.

Seit 2012 ist die Genossenschaft Franchisenehmerin der deutschen Kette Alnatura, betreibt damit eigene Filialen und bolzt den Verkauf von Alnatura-Produkten in Migros-Supermärkten.

In der Branche kommt das nicht nur gut an. Coop-Chef Joos Sutter nennt es eine Verwässerung des Bio-Begriffs. Alnatura erfülle nur die EU-Bio-Standards, jedoch nicht die strengeren Bio-Suisse-Richtlinien. Die Migros bestätigt, dass sich der Importanteil im Sortiment wegen Alnatura «etwas erhöht» hat. Genaue Zahlen nennt sie nicht. Mittlerweile betreiben auch die deutschen Discounter Aldi und Lidl ein eigenes Bio-Sortiment. Der Import-Anteil dürfte damit noch steigen.

Keine Frage der Ideologie

Ein weiterer Zankapfel. Wenn ausländische Bio-Produkte mittels tiefer Preise die heimischen Hersteller verdrängen. Daran stört sich etwa die Umweltorganisation Greenpeace. Problemtisch sei es, wenn aus preislichen Gründen EU-Bio-Produkte in den Regalen ständen, obwohl es ein genügend grosses inländisches Angebot gäbe. «Hier gilt es besonders bei Alnatura genau hinzusehen», so ein Sprecher. Die Kombination von «bio» und «regional» sei die beste Kombination, auch für die Glaubwürdigkeit gegenüber den Konsumenten.

FiBL-Direktor Niggli plädiert für einen Mittelweg – die Annäherung von biologischer und konventioneller Landwirtschaft. «Die eine Seite muss moderner werden. Die andere muss ökologischer werden.» Dabei dürfe sich die Landwirtschaft nicht von irgendwelchen ideologischen Vorstellungen einer natürlichen Landwirtschaft leiten lassen. «Landwirtschaft ist immer ein Eingriff in die Natur. Aber wir müssen lernen, diese Eingriffe schonend zu gestalten.» Dafür gebe es objektive Kriterien und Messmethoden. «Das ist eine Frage der Empirie, nicht der Ideologie.»

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