Kolumne

Darf ich mich überhaupt zeigen so? Lassen Sie uns über Körperscham reden

«Auf Fotos, die ich für die Öffentlichkeit mache, präsentiere ich mich immer von meiner vorteilhaftesten Seite und verberge fleissig meine vermeintlichen Makel (dünnes Haar, fehlende Kurven, Schlupflider).»

«Auf Fotos, die ich für die Öffentlichkeit mache, präsentiere ich mich immer von meiner vorteilhaftesten Seite und verberge fleissig meine vermeintlichen Makel (dünnes Haar, fehlende Kurven, Schlupflider).»

In ihrer Kolumne «Liebes Leben, wir müssen reden» schreibt Social-Media-Redaktorin Maria Brehmer über alles, was das Leben schöner macht – und manchmal auch schwieriger. Heute: Wie Körperscham die Lust tötet.

«Woher weiss ich, dass ich schön bin?», fragt Celine, 19, in die weite Welt des Internets hinaus. «An fast allen Tagen fühle ich mich potthässlich. Wie wirke ich endlich hübsch?». Der Eintrag in einem Forum taucht ganz oben auf, als ich auf Google nach «Körperscham» suche. Als Resultat erhalte ich Tausende von Einträgen, in denen es um Selbstzweifel, Selbstkritik und die Suche nach Anerkennung der eigenen Schönheit geht.

Wir entschuldigen uns für unser Aussehen

«Ich bin schön»: Wer positiv über sein Äusseres spricht, der gilt als eingebildet. Vielmehr gehört es zum guten Ton, dass wir uns für unser vermeintlich unzulängliches Aussehen entschuldigen. Noch immer glaube ich hin und wieder, mich für mein Erscheinen rechtfertigen zu müssen mit Sätzen wie «Sorry, aber ich hatte keine Zeit, mir heute Morgen die Haare zu machen» oder «Ich sehe furchtbar aus, ich weiss, aber ich habe kaum geschlafen».

Wer sich selbst annimmt und sich befreit vom Streben nach äusserlicher Perfektion, der findet sich in der Body-Positivity-Bewegung wieder, die immer mehr Anhängerinnen vor allem auf dem sozialen Netzwerk Instagram findet. Mit filterfreien Selfies in Unterwäsche etwa setzen sich Body-Positivity-Aktivistinnen für ein liebevolleres Verhältnis zum eigenen Körper ein. Der Hashtag bodypositivity zählt bereits über vier Millionen Einträge.

Dünnes Haar, fehlende Kurven, Schlupflider

Im richtigen Leben scheint die positive Einstellung zum eigenen Körper hingegen noch nicht überall angekommen zu sein. Dass immer noch ein Grossteil aller Frauen ein negatives Selbstbild hat, beobachte ich in meinem Umfeld – und kenne ich auch von mir selber: Auf Fotos, die ich für die Öffentlichkeit mache, präsentiere ich mich immer von meiner vorteilhaftesten Seite und verberge fleissig meine vermeintlichen Makel (dünnes Haar, fehlende Kurven, Schlupflider).

Will ich mutig sein und zeige mich in einem Schnappschuss, der nicht alles verbirgt, was ich normalerweise auf Fotos verberge, fühle ich mich unsicher. Darf ich mich überhaupt zeigen so?

Viele Frauen schämen sich für ihren Körper, weil er keinem Schönheitsideal entspricht, das sie aus den Medien, Filmen, der Werbung kennen. Körperscham dirigiert und bändigt zudem das persönliche Lustempfinden: Indem man Frauen über Jahrhunderte in ihrer Sexualität disziplinierte und einengte, entfernte man sie vom eigenen Körper. Und indem man den weiblichen Körper mit Scham behaftete, entfernte man Frauen von ihrer Sexualität.

Sexy sein, aber nicht Sex haben

Die Vorstellung, dass wir dennoch so auszusehen hätten, als wären wir jederzeit zu einem Flirt bereit, war und ist noch immer weit verbreitet. Kein Wunder, finden sich besonders junge Frauen in diesem Wirrwarr an Ansprüchen kaum zurecht.

Celine aus dem Frage-Forum antwortete ich, dass sie sehr hübsch sei. Ich hätte zwar noch nie ein Foto von ihr gesehen, doch ich sei mir sicher.

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